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Aphasie bei Kindern und Jugendlichen

Aphasie bei Kindern und Jugendlichen ist eine erworbene Sprachbehinderung, die infolge einer Schädigung des Gehirns durch Schädelhirntrauma, Schlaganfall, Tumor oder entzündliche Erkrankungen (z. B. Hirnhautentzündungen) in unterschiedlicher Ausprägung auftreten kann. Das Schädelhirntrauma nach Unfällen gilt mit 80 % als Hauptursache für Aphasie im Kindesalter. Kinder erleiden Schädelhirntraumata am häufigsten durch Unfälle im Straßenverkehr, Stürze bei Spiel und Sport oder auch als Folge körperlicher Gewalt.

Kindliche Aphasien unterscheiden sich im Erscheinungsbild und im Verlauf erheblich von den Aphasien bei Erwachsenen. Jährlich erleiden in Deutschland etwa 3.000 Kinder und Jugendliche eine Aphasie. Schätzungen zufolge ist von einer weit höheren Betroffenenzahl auszugehen, denn häufig handelt es sich bei den kindlichen Aphasien um ein nicht erkanntes bzw. wenig berücksichtigtes Phänomen.

Aphasie im Kindes- und Jugendalter bedeutet im geringsten Fall eine zeitliche Beeinträchtigung der Sprachentwicklung. Im schlimmsten Fall sind sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verschüttet. Die Sprache kann dann nur mit Mühe und nicht in der Qualität der Muttersprache wiedererlernt werden und bleibt in der Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt. Besonders Schreib- und Lesefähigkeit sind oft stark beeinträchtigt.

Symptome kindlicher Aphasie

Die Betroffenen erleiden Beeinträchtigungen bei der Wortfindung und im Sprachverständnis. Fähigkeiten wie Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen, aber auch Gestik und Mimik können unterschiedlich stark berührt sein. Eine Intelligenzminderung liegt nicht vor. Aufgrund der erworbenen Hirnschädigung sind neben der Aphasie häufig Begleitsymptome wie z. B. Halbseitenlähmungen anzutreffen. Auch Epilepsien und Schluckstörungen können auftreten. Ist das Frontalhirn mitbetroffen, kann es zu Konzentrations-, Aufmerksamkeits-, Antriebs- und Gedächtnisstörungen kommen. Verhaltensauffälligkeiten werden besonders im schulischen Kontext beobachtet.

Man geht heute prinzipiell davon aus, dass alle Symptome, die bei Erwachsenen mit Aphasie auftreten, ebenso bei Kindern vorkommen können. Man kann beobachten, dass bei kindlicher Aphasie als erstes Sprachverständnisbeeinträchtigungen auftreten, gefolgt von Sprach- und Sprechbeeinträchtigungen. Neuere Studien weisen allerdings auf die Schwierigkeit hin, Beeinträchtigungen des Sprachverständnisses von anderen Faktoren zu unterscheiden.

Prognose und Diagnose

Die Prognose bei kindlichen Aphasien wird heute im Vergleich zu Aphasien bei Erwachsenen nicht mehr als so gut angesehen. Faktoren wie Alter und Geschlecht werden keine so tragenden Rollen zugeschrieben, als vielmehr der Art der Verursachung. Dennoch zeigen neuere Studien, dass auch bei lange bestehenden bzw. chronischen Aphasien gerade bei Kindern Genesungserfolge noch zu einem späteren Zeitpunkt möglich sind. Dies wird von vielen Autoren auf die Plastizität des Gehirns im Kindesalter zurückgeführt. Bei Kindern spielen neben den Beeinträchtigungen aufgrund der Krankheitssymptome gerade die psychosozialen Folgen eine bedeutende Rolle.

Ziel der Diagnostik ist es, ein möglichst umfassendes Bild der sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes zu bekommen, um daran dann therapeutisch anknüpfen zu können. Dazu gehört u. a. die Erfassung des sprachlichen Niveaus vor der Hirnschädigung. Zum einen ist dies notwendig, um zwischen Sprachentwicklungsstörung und kindlicher Aphasie unterscheiden zu können, zum anderen erhält der Therapeut dadurch Hinweise für Therapieplanung und deren Zielsetzung.

Daneben kann so Aufschluss über Verlauf und Prognose gegeben werden. Da durch den Hirnschaden die gesamte kindliche Persönlichkeit Beeinträchtigungen erfährt, ist es notwendig, dass die Untersuchung darauf eingestellt ist, nicht nur die sprachlichen Auffälligkeiten zu ermitteln,
sondern das Kind in seiner ganzen Persönlichkeit zu erfassen.

Therapie

Wesentliche Therapieaufgaben sind die Wiederherstellung jener sprachlichen Fähigkeiten, über die das Kind vor der Schädigung verfügte sowie das Erlernen neuer (sprachlicher) Fertigkeiten – so z. B. der schriftsprachlichen Fähigkeiten, da diese bei aphasischen Kindern i. d. R. schwer erworben werden. Das Besondere der Rehabilitation aphasischer Kinder besteht demnach in der Verknüpfung von Arbeitsweisen, die der Wiederherstellung und dem Erwerb sprachlicher Fähigkeiten unter individuell erschwertem Lernvorgang dienen.

Grob gilt das achte Lebensjahr als die Zeit, in der die Sprachentwicklung abgeschlossen ist. Dennoch sind in diesem Alter sprachbezogene Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben noch recht frisch erworben und werden oftmals nicht sicher beherrscht. Der Erwerb weiterer sprachlicher Fähigkeiten wie z. B. Redewendungen etc. kann bis zu einem Alter von 12–14 Jahren andauern.

Man geht davon aus, dass die kindliche Spracherwerbskapazität durch die kindliche Aphasie nicht beeinträchtigt wird. Demnach genügt es nicht, wenn einmal vorhandene Fähigkeiten wiedererlernt werden. Auch die Stimulierung der Fähigkeit zum Neu-Lernen muss im Zentrum der Rehabilitation stehen.

Viele neurologische Rehaeinrichtungen bieten eigens auf Aphasie im Kindes- und Jugendalter spezialisierte Therapieprogramme an. Die Therapieeinheiten können dabei sowohl in Einzel- als auch in Gruppensitzungen erfolgen und werden meist stationär über mehrere Wochen durchgeführt. Danach findet die ambulante Therapie durch Logopäden oder Sprachtherapeuten in Wohnortnähe statt.

Eltern sollten bei der Suche nach einem geeigneten Sprachtherapeuten darauf achten, dass die jeweiligen Therapeuten zumindest sowohl im Bereich der Therapie kindlicher Sprachentwicklungsstörungen als auch der Aphasietherapie mit Erwachsenen über einschlägige Erfahrungen verfügen.

Schulische Wiedereingliederung

Generell stellt sich im Kontext von Aphasietherapie bei jungen Patienten die Frage nach der weiteren schulischen Laufbahn. Auch wenn die Prognose der kindlichen Aphasien im Vergleich zu Aphasien bei Erwachsenen aufgrund der Plastizität des Gehirns oftmals besser erscheint, sind die Aphasien meist im schulischen Kontext nach wie vor vorhanden und häufig anhaltend. Dies muss von Anfang an beachtet werden. Aus diesem Grund ist eine umfassende, frühzeitige Förderung und Intervention auch im schulischen Kontext anzustreben.

Da sich betroffene Kinder meist über viele Monate in neurologischen Rehabilitationseinrichtungen befinden, beginnt schulische Rehabilitation häufig in klinikeigenen Krankenhausschulen. Vom Gesichtspunkt der Schulbildung her ist die Rückkehr zum früheren Schulbildungsweg anzustreben. Die Frage, welcher der „beste“ Weg zur Beschulung von aphasischen Kindern und Jugendlichen ist, ist nur für den individuellen Fall zu beantworten.

Eltern sind mit der Frage konfrontiert, ob eine Integration in eine Regelschule in jedem Fall sinnvoll und möglich ist oder ob eine Förderung in einer speziell an die Bedürfnisse des betroffenen Kindes angepassten Einrichtung, also einer Sonder- bzw. Förderschule, die bessere Alternative ist. Die Antwort sollte statt „Regelschule um jeden Preis“ vielmehr „die bestmögliche Beschulung für jedes einzelne Kind“ lauten.

Letztendlich muss die Entscheidung für eine Schulart nicht heißen, dass sie für die gesamte Schullaufbahn zu gelten hat. Es gibt immer wieder auch Fälle, in denen das betroffene Kind zuerst eine Förderschule besucht hat, um nach einer gewissen Zeit an eine allgemeine Schule zu wechseln.

Dipl.-Päd. Melanie Kubandt (M. A.)

Aus Ratgeber Aphasie und Schlaganfall 2010

20.12.10

Aphasie bei Kindern und Jugendlichen
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