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Als Kali Balcerowiak die Diagnose für ihre jahrelangen Gesundheitsprobleme erhielt, war sie erleichtert und bestürzt zugleich: Endlich hatte die Berlinerin eine Erklärung dafür, warum sie seit Monaten an Zahn-, Hals- und Gelenkschmerzen litt, sich müde und antriebslos fühlte trotz Sport und gesunder Ernährung: Sie leidet an Hashimoto Thyreoidis, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. “Das war ein echter Schock für mich”, beschreibt die Künstlerin ihre Reaktion auf die Diagnose vor zehn Jahren. Warum sie betroffen ist, weiß sie heute. Zum einen hat sie eine familiäre Veranlagung, zum anderen sind Frauen in Zeiten hormoneller Umstellung – Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre – grundsätzlich anfällig für Schilddrüsenstörungen.
Das Hashimoto-Syndrom ist nach seinem Entdecker, dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto benannt. Meist verläuft die Erkrankung milde. Wird sie indes nicht erkannt und behandelt, kann sie in seltenen Fällen zum Tod führen: Betroffene fallen ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachen. Wie viele Menschen bundesweit an Hashimoto leiden, ist schwer zu schätzen – die Grenzwerte für entsprechende Antikörper schwanken je nach Referenzstudie. Experten gehen von einem Prozentanteil von 3 – 4% aus; die Zahlen sind seit Jahren stabil. Frauen sind öfter betroffen als Männer. Die Ursachen für das Syndrom sind weitgehend unbekannt. Es kann vererbt werden, viel mehr wissen Forscher nicht.
Hashimoto beginnt mit einer Entzündung der Schilddrüse. Bei Kindern wird das Organ größer, bei Erwachsenen schrumpft es. Die Entzündung selbst bleibt oft unerkannt – von Arzt und Patienten. Bemerkbar macht sich das Syndrom erst, wenn die Schilddrüse auf Unterfunktion schaltet, Betroffene mit Depressionen, Darmträgheit und Kältegefühl den Arzt aufsuchen.
Die anfänglichen Symptome können vielfältig sein. “Die Schilddrüse beeinflusst ja jede Körperfunktion”, erklärt der Endokrinologe Heiko Krude von der Berliner Charité. Seine Abteilung ist Referenzzentrum für Kinderärzte. Die diffusen Beschwerden erschwerten eine Diagnose, sagt der Mediziner.
Bei Kali Balcerowiak entdeckte ihr Hausarzt dank eines großen Blutbildes, dass ein Hormonwert außerhalb der Norm lag: Der TSH-Wert war erhöht, Antikörper hatten sich gebildet, ein typischer Verlauf. Inzwischen hatte die zuvor schlanke, sportliche Frau deutlich zugenommen; sie fühlte sich erschöpft, lag häufig stundenlang auf dem Sofa. “Der Wocheneinkauf auf dem Markt, das war ein Tagesprogramm”, erinnert sie sich.
Doch gegen eines wehrte sich Balcerowiak vehement: Sie wollte keine Hormone schlucken, die gängige Therapie bei Hashimoto. “Ich wollte zunächst verstehen, woran ich leide”, sagt sie. Balcerowiak recherchierte und stieß auf das Thema Jod: “In fast allen Lebensmitteln ist Jod zugesetzt, obwohl Deutschland längst kein Jodmangelgebiet mehr ist.”
Sie vermied künftig stark jodhaltige oder zusatzjodierte Speisen wie jodiertes Salz, Meeresfisch, Milch- und Milchprodukte, Backwaren mit Jodsalz. Tatsächlich ging es ihr langsam besser, sie meldete sich im Fitnessstudio an, nahm ab. Zehn Jahre nach der Diagnose sind die Schilddrüsen-Werte der Berlinerin wieder im Normalbereich – ohne Hormone, wie sie sagt.
Die Wirkung von Jod ist in der Forschung gleichwohl umstritten. “Es gibt keine Studien, die zeigen, dass man durch Weglassen von Jod gesundet”, betont Krude. Bemerkenswert ist aber schon, dass ein japanischer Arzt das Syndrom entdeckte – in dem Land nehmen die Menschen traditionell viel Jod über die Nahrung zu sich. Das sieht auch der Endokrinologe der Charité so: In einer Bevölkerung, in der viel Jod über das Essen aufgenommen würde, trete die Krankheit häufiger auf, sagt Krude. Die Hormontherapie bewertet er aus einem anderen Grund kritisch: “Die Hausärzte sind heute so sensibilisiert, dass sie vorschnell Hormone verschreiben.” Krude rät, erst einmal abzuwarten und bei normalen Schilddrüsenwerten die Antikörper-Werte nach drei Monaten erneut zu kontrollieren. “Oft wird das nicht gemacht, dabei ist es wirklich nicht so, dass man ab einem bestimmten Hormonwert alle sofort behandeln muss.”
Heilbar ist Hashimoto nicht, Erkrankte müssen ein Leben lang Tabletten schlucken. Kali Balcerowiak hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und sich der Aufklärung über Jodzusätze in Lebensmitteln verschrieben. Sie will andere Betroffene beim Umgang mit der Krankheit unterstützen.
Quelle: dapd
21.12.10