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Depressiv im Herbst – eine ganz normale Reaktion?

26.09.06.

Stimmt es, dass besonders viele Menschen im Herbst und Winter an einer Depression erkranken?

Nein, die so genannte Saisonal Abhängige Depression ist eine eher seltene Unterform der Depression. Nur ca. zehn Prozent aller Depressionen in den Herbst- und Wintermonaten entfallen darauf. Über das Jahr gesehen gibt es nur geringfügige Schwankungen, was das Auftreten von Depressionen betrifft.

Aber es stimmt doch, dass viele von uns sich mit Einsetzen des Herbstes schlapper und lustloser fühlen?

Ja, sicherlich spüren sehr viele Menschen eine vorübergehende melancholische Stimmung, wenn die ersten Blätter fallen und das Leben sich mehr in sich selbst zurückzieht. Dies gehört jedoch zum Leben dazu und hat nichts mit einer Depression im medizinischen Sinne zu tun.

Unterscheidet sich die Herbst-Winter-Depression außer dem Zeitpunkt ihres Auftretens von anderen Formen der Depression?

Im Gegensatz zur jahreszeitlich unabhängigen Depression leiden Betroffene nicht unter Schlafstörungen, sondern haben ein erhöhtes Schlafbedürfnis. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist der Appetit. Depressive Patienten leiden unter Appetitmangel und nehmen häufig ab, Menschen, die an einer Saisonal Abhängigen Depression leiden, haben dagegen mehr Hunger, speziell auf kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Süßigkeiten. Von einer Saisonal Abhängigen Depression spricht man übrigens erst, wenn Sie mindestens zwei Jahre hintereinander in der entsprechenden Jahreszeit aufgetreten ist.

Wieso entsteht diese psychische Erkrankung gerade in den dunklen Monaten?

Verantwortlich für die Saisonal Abhängige Depression könnte die reduzierte Sonneneinstrahlung sein, denn das Sonnenlicht beeinflusst über die Netzhaut im Auge bestimmte Botenstoffe im Gehirn. Diese wirken sich ihrerseits auf Botenstoffe wie Serotonin aus, das mit einer Depression in Verbindung gebracht wird. Licht wirkt auch auf die Produktion des körpereigenen Hormons Melantonin, das unter anderem den Schlaf- und Wachrhythmus des Körpers be­einflusst. Während der dunkleren Jahreshälfte wird vermehrt Melatonin ausgeschüttet, was dazu führen könnte, dass manche Menschen sich zunehmend schlapp und schläfrig fühlen. – Eindeutig belegt sind diese Annahmen jedoch bisher nicht.

Wie wird eine Herbst-Winter-Depression behandelt?

Bei dieser speziellen Form der Depression ist häufig eine Lichttherapie hilfreich. Dafür benötigt man nicht unbedingt spezielle Lichtlampen, ein täglicher ausgedehnter Spaziergang im Freien ist ausreichend. Selbst an trüben Tagen entspricht der Lichteinfall draußen in etwa dem einer Therapielampe. Zusätzlicher Vorteil ist die Bewegung an der frischen Luft.

Bei schweren Saisonal Abhängigen Depressionen reicht eine Lichttherapie allerdings in der Regel nicht aus. Zusätzlich ist dann meist eine medikamentöse sowie evtl. eine psychotherapeutische Behandlung notwendig.

Wie erkenne ich, ob ich an einer Depression leide?

Menschen, die an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden – egal ob saisonal bedingt oder nicht – zeigen bestimmte Symptome mindestens über einen Zeitraum von zwei Wochen. Das sind nicht nur psychische Symptome wie Antriebslosigkeit, Freud- und Interesselosigkeit oder eine gedrückte Stimmung, sondern können auch körperliche Störungen sein. So können zum Beispiel Rücken- oder Magenschmerzen auf eine depressive Erkrankung hinweisen.

Können Sie Menschen, die keine Depression haben, aber im Herbst und Winter schlechter drauf sind, Tipps gegen, wie sie der miesen Stimmung vorbeugen können?

Gut ist, auch im Winter regelmäßig Sport zu treiben, idealerweise an der frischen Luft. Wichtig ist auch, soziale Kontakte zu pflegen und sich nicht zu sehr zurückzuziehen. Einfach ein bißchen auf sich achten, angenehme Dinge machen und sich bewusst Gutes tun sowie nicht zu lange zu schlafen, das ist sicher ein probates „Rezept“, um gut gelaunt durch die dunklere Jahreshälfte zu kommen.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl ist als Psychiater Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Sprecher des Kompetenznetzes Depression, Suizidalität.

Quelle: Kompetenznetz Depressionen

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