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Experten-Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Alexandra Kautzky-Willer

Prof. Alexandra Kautzky-Willer, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Befund Diabetes, ist Österreichs erste Professorin für Gender Medicine und Expertin auf dem Gebiet Endokrinologie und Stoffwechsel, wo geschlechtsspezifische Unterschiede besonders zum Tragen kommen. Seit 2002 leitet Prof. Kautzky-Willer die Diabetes-, die Lipid- und die Adipositasambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Medizinischen Universität Wien.

Frau Prof. Kautzky-Willer, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Diabetologie zu spezialisieren?

Meine Eltern waren in sozialen Berufen tätig und darüber hatte ich viel Kontakt mit gehörlosen Kindern. Daraus erwuchs der Wunsch zu helfen. Viele Bekannte unserer Familie waren im Arztberuf tätig, sodass sich der feste Wunsch entwickelte, mich auch in diesem Bereich zu betätigen. Für die Diabetologie interessierte ich mich gegen Ende meines Studiums besonders, weil es ein sehr zukunftsträchtiges Fachgebiet ist. Immer mehr Menschen sind von Diabetes betroffen und es gibt einen enormen Forschungsbedarf. Als wissenschaftliche Assistentin kam ich auf das Thema Schwangerschaftsdiabetes, das für mich bis heute einen Forschungs- und Interessenschwerpunkt darstellt, da man am Schwangerschaftsdiabetes praktisch im Schnellablauf die Entstehung von Typ-2-Diabetes erforschen kann. Nach der Schwangerschaft besteht für die betroffenen Frauen ein erhöhtes Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken und wir können hier sehr gut Präventionskonzepte entwickeln und testen, um letztendlich einen Ausbruch der Erkrankung zu verhindern. Hier spielt auch das Thema Gendermedizin mit hinein, d. h., wir erforschen auch geschlechtsspezifische Faktoren, die zur Entstehung von Typ-2-Diabetes führen können, und inwieweit die Behandlung unterschiedliche Bedürfnisse von Mann und Frau abdecken kann.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

Sehr wichtig ist mir, dass die Patienten zufrieden sind, dass sie von der Behandlung profitieren und vor allem, dass sie eine maßgeschneiderte Therapie bekommen, dass möglichst viele individuelle Faktoren berücksichtigt werden – neben körperlichen/medizinischen Voraussetzungen sollten hier auch z. B. das soziale Umfeld und die Biographie des Patienten mit einbezogen werden. Geschlecht und Alter spielen ebenfalls eine Rolle. Dann kann man aus den vielen Therapieoptionen, die heute verfügbar sind (verschiedene Insulinarten, unterschiedliche orale Antidiabetika für Mono- und Kombinationstherapie etc.), individuell angepasste Therapiekonzepte entwickeln, die für den einzelnen Patienten hilfreich sind. Diese Konzepte sollten mit dem Betroffenen zusammen erarbeitet werden, denn mir ist wichtig, dass der Patient auch selbst Verantwortung für sein Krankheitsmanagement übernimmt. Er sollte sich für seine Krankheit interessieren und sich auch selbstständig informieren, damit er seine Behandlung aktiv mitgestalten kann. Nur so kann man den gemeinsamen Weg zum Therapieziel erfolgreich beschreiten. Dabei kann das Therapieziel von Patient zu Patient variieren, abhängig von Alter, Lebenssituation etc.

Worin sehen Sie das größte Problem bezüglich der wachsenden Anzahl von Betroffenen?

Hier sehe ich vor allem im Zusammenhang mit dem Typ-2-Diabetes die Gefahr, die von der um sich greifenden Adipositas-Epidemie ausgeht. Immer mehr junge Menschen sind übergewichtig und rund 80 % des Risikos für Typ-2-Diabetes gehen darauf zurück. Hier wird die Versorgung der Betroffenen über kurz oder lang zum Problem werden, da es in Österreich nicht so viele Spezialkliniken gibt. Es gibt bislang nur wenige zertifizierte Zentren, die Betreuung der Diabetiker wird von den Spezialambulanzen abgedeckt, in denen Fachleute interdisziplinär zusammenarbeiten. Überdies arbeiten Fachärzte und Allgemeinmediziner, die sich entsprechend weitergebildet haben, zunehmend vernetzt zusammen. Über Fachgesellschaften wie die Österreichische Diabetes Gesellschaft etc. werden Qualitätskriterien erarbeitet, um eine Behandlung auf höchstmöglichem Niveau zu gewährleisten. Für den ambulanten und stationären Bereich sollen diese Qualitätskriterien festgeschrieben werden, damit z. B. Disease Management Programme sinnvoll umgesetzt werden können.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer in Bezug auf Diabetes und seine Behandlung?

Man hört oft, dass Betroffene von ihrem „leichten“ oder „milden“ Diabetes sprechen, der nicht behandlungsbedürftig sei. Vielfach besteht auch die irrige Ansicht, man müsse den Blutzucker nicht messen. Man würde es dann schon merken, wenn der Zucker zu hoch oder zu niedrig sei, da könne man „nach dem Gefühl“ gehen. Das ist leider nicht richtig. Bis man die Auswirkungen zu hoher Blutzuckerwerte spürt, muss der Blutzuckerspiegel schon sehr hoch angestiegen sein, und beim Unterzucker ist es so, dass die Wahrnehmung dafür immer schlechter wird, je häufiger man unterzuckert. Eine strukturierte Behandlung sowie regelmäßiges Messen, Kontrollieren und Regulieren des Blutzuckerspiegels sind unabdingbar, um den Diabetes in den Griff zu bekommen und Folgeschäden möglichst zu vermeiden.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Diabetes-Therapie?

Es ist toll, dass die Therapieoptionen beim Diabetes in den letzten zehn Jahren so gut weiterentwickelt wurden. Uns stehen heute für die Diabetes-Behandlung viele verschiedene Insuline und orale Antidiabetika zur Verfügung. Neben Metformin kommen heute z. B. Wirkstoffgruppen wie Alphaglucosidasehemmer, DPP4-Hemmer und Inkretinmimetika zum Einsatz. In Studien werden Wirkstoffe erprobt, die die Zuckerausscheidung über die Nieren fördern, indem sie den Glukose-Rücktransport über das Filtersystem der Nieren hemmen. Hiermit wäre auch ein Therapieansatz verfügbar, der gegen Übergewicht wirksam sein könnte, da mit der Zuckerausscheidung auch Kalorien „verlorengehen“.

Meine Erwartungen bezüglich künftiger Behandlungsmöglichkeiten gehen dahin, dass wir immer individuellere Therapiekonzepte auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten zuschneidern können. – Schön wäre es natürlich auch, wenn wir eines Tages ohne Komplikationen aus Stammzellen insulinproduzierende Zellen entwickeln könnten. Ganz moderne Ansätze gehen dahin, dass man versuchen will, Entzündungsprozesse, die die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse angreifen, mit Antikörpern anzugreifen und unschädlich zu machen. Auch der Aspekt, dass man über die Thermogenese (wärmeerzeugende und somit Kalorien verbrauchende Prozesse des Körpers, die den Grundumsatz erhöhen) möglicherweise Übergewicht bekämpfen kann, könnte künftig größere Bedeutung bekommen.

Welche Rolle spielen Patientenmagazine bei der Deckung des Informationsbedarfs der Betroffenen und inwieweit trägt Befund Diabetes zur Aufklärung und Deckung des Informationsbedarfs bei?

Patienten sich nicht nur auf die Informationen verlassen sollten, die sie von Ärzten und Schulungspersonal erhalten, sondern sich auch selbst weitergehend und aus anderen Quellen informieren sollten, um möglichst umfassen über ihre Krankheit und den Umgang damit in Bilde zu sein. Nur so kann der Patient aktiv an der Therapieplanung und -durchführung mitwirken. Befund Diabetes informiert laienverständlich über die Erkrankung Diabetes und alle wesentlichen Aspekte, die mit der Krankheit zusammenhängen. Die Beiträge stammen aus verlässlichen Quellen und der Patient erfährt alle relevanten Neuigkeiten, z. B. über neue Therapiemöglichkeiten, aber auch über die Arbeit von Organisationen, die sich für Betroffene engagieren. Hinweise auf Bücher, Internetseiten und Veranstaltungen sowie wichtige Ansprechpartner ermöglichen es Patienten, sich selbst weiter zu informieren.

Frau Prof. Dr. Kautzky-Willer, wir danken Ihnen für Ihre Erläuterungen.

Quelle: BDÖ 1/2011

31.08.12

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