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Diabetes mellitus Typ 2 hat nichts mehr mit dem Alter zu tun

Aufnahme eines behaarten Bauches in den eine Spritze injiziert wird

Prof. Dr. med. Michael Stumvoll, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Universitätsklinikums Leipzig, mahnt zur Vermeidung von Übergewicht

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Was früher als Altersdiabetes bezeichnet wurde, wird heute Diabetes mellitus Typ 2 genannt. Aber nicht, weil das so schön medizinisch klingt. “Wir sprechen nicht mehr von Altersdiabetes, weil dieser Typus – und zwar der Typ 2 – nicht mehr auf das Alter beschränkt ist”, erklärt Prof. Dr. med. Michael Stumvoll, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Universitätsklinikums Leipzig. “Früher haben Kinder Typ-1-Diabetes bekommen. Das waren die dünnen Kindern, die plötzlich krank geworden sind und sehr viel Wasser lassen und sehr viel trinken mussten,. Dennoch wurden sie immer kranker und in der Schule schlechter- so ist das damals aufgefallen. Jetzt sehen wir den Typ-2-Diabetes zunehmend auch bei Kindern. Das ist etwas, was vor 20 Jahren absolut absurd und undenkbar war.”

Wobei anfangs der Typ-2-Diabetes der Kinder nicht unbedingt dramatisch verläuft, so Prof. Stumvoll. “Es ist nicht zwansläufig so, dass sie viel trinken und viel Wasser lassen, also die typische Symptome des Typ-1-Diabetes zeigen. Zumindest nicht so, dass es gleich auffällt. Und sie sind auch nicht unbedingt schlecht in der Schule. Es ist vielmehr eine schleichende, ja heimtückische Entwicklung. Aber eins ist immer zu sehen: Diese Kinder sind meist schrecklich dick.”

Zeichen bei Kindern

Großen Durst und häufiges Wasserlassen gehören bei Kindern zur Diabetes-Erkrankung dazu. Aber nicht in dem Maße, dass es dem Kind oder den Eltern in jedem Falle auffällt. Richtig festgestellt wird die Erkrankung erst nur am Blutzucker oder Harnzucker.
“Im Urin ist normalerweise kein Zucker”, so Prof. Stumvoll. “Das hat die Natur so eingerichtet, weil Zucker eine wertvolle Substanz ist und sie deshalb im Körper behalten wird. Wenn der Urinzucker aber über 10 Millomol pro Liter (mmol/l) geht oder 180 mg pro Deziliter (mg/dl), dann heißt das: Der Körper läuft förmlich über vor Zucker.”

Tests absolvieren

Den Harnzucker können Interessierte auch selbst mit Hilfe eines Teststreifens prüfen. Der Teststreifen wird kurz in den Harn eingetaucht oder in den Harnstrahl gehalten. Die dann auftretende Verfärbung auf dem Streifen wird mit einer Farbtafel verglichen. “Damit erhält man zumindest einen groben Anhaltspunkt. Aber erkennbar wird damit nur ein Wert von etwa 10 mmol/l. Hellhörig sollte der Arzt aber schon werden bei einem Wert von 8. Und um den zu bestimmen, braucht es eine Blutuntersuchung”, sagt der Leipziger Mediziner. “Denn wirklich genaue Ergebnisse bringt nur die Kontrolle des Blutzuckers. Dazu muss etwas Blut abgenommen werden, es reicht aber schon in Pieks am Ohrläppchen oder an der Fingerkuppe.”

Kriterien bestimmen

Zudem gibt es eine Reihe von so genannten Screening-Kriterien, die die Wahrscheinlichkeit einer Diabetes-Erkrankung bestimmen lassen. “Dazu gehört zum einen das Alter”, erläutert Prof. Stumvoll. “Ein Alter von über 50 Jahren – ist schon ein Risikofaktor für Typ-2-Diabetes. Ein weiteres Kriterium ist die familiäre Belastung. Wenn ein Verwandter ersten Grades, wie Vater, Mutter, Kind oder Geschwister, an Diabetes Typ 2 erkrankt ist, dann erhöht sich das Risiko erheblich – etwa um den Faktor 8 bis 12. Auch wenn Bluthochdruck dazukommt oder wenn man keinen Sport treibt oder sich bewegt, erhöht sich das Risiko. Und wenn eine Frau in der Schwangerschaft erhöhte Blutzuckerwerte hatte, was nicht selten ist, auch dann erhöht sich das Risiko.”

Zeichen bei Erwachsenen

Erwachsene können den Beginn der Krankheit durch ein allgemeines Abgeschlagenheitsgefühl erkennen, das man nicht richtig beim Namen nennen kann. “Problem dabei: Dieses Empfinden häuft sich in einem gewissen Altern ohnehin und setzt so langsam ein, dass sich der Betroffene daran gewöhnt”, so Prof. Stumvoll. “Man schiebt es allen möglichen Ursachen in die Schuhe – dem Alter eben, dem Stress. Ähnlich ist es mit dem vermehtren Wasserlassen. Man trinkt ja dann auch mehr und es ist schwer, Ursache und Wirkung voneinander zu trennen. Mancher meint: Ich trinke mehr, also muss ich mehr Wasser lassen. In Wirklichkeit ist es beim Diabetes genau anders herum: Man fängt an, mehr auf Toilette gehen zu müssen und trinkt deshalb mehr, um den Wasserverlust zu ersetzen.”

Der Leipziger Klinikdirektor hat festgestellt: “Wenn man die Patienten befragt, ist es anders, als es im Lehrbuch steht. Bestimmt die Hälfte der neu diagnostizierten Fälle haben ihre Trink- und Wasserlass-Gewohnheiten keineswegs als auffällig erkannt.”
“Karamelisierung” der Gefäße
Der Diabetes mellitus Typ 2 ist – egal, wann er erkannt ist – gut zu behandeln. Das heißt: Es gibt ausreichend Mittel, den Blutzucker auf ein normales Maß zu senken. Prof. Stumvoll macht aber darauf aufmerksam: “Jede Stunde, in der der Blutzucker erhöht ist, schadet den Gefäßen. Das ist die eigentliche Gefahr. Denn der erhöhte Blutzucker ,karamelisiert’ den Köper.”

Hintergrund ist: Die Eiweiße im Körper verbinden sich mit dem Zucker, was die Funktionsweise der Eiweiße derart einschränkt, dass sie irgendwann nicht mehr ordnungsgemäß ihre Aufgaben erfüllen können. Dies geschieht durch den überhöhten Blutzuckerspiegel überall im Körper, richtet aber vor allem an den Blutgefäßen, an den Filtereinheiten der Niere, an der Netzhaut des Auges und an den Nerven die schlimmsten Zerstörungen an.

“Wir unterscheiden zweierlei Komplikationen beim Diabetes”, so Prof. Stumvoll. “Und zwar zum einen , wenn die großen Gefäße betroffen sind. Und zum anderen, wenn die kleinen Gefäße betroffen sind.”

Gefäßschäden

Im ersteren Falle können Hals- und Hirngefäße von Durchblutungsstörungen betroffen sein – das könnte zum Schlaganfall führen, erläutert der Leipziger Mediziner. Zudem können die Herzkranzgefäße geschädigt werden, im Extremfall kann ein Herzinfarkt eintreten. Zudem können die Beine betroffen sein, was zur so genannten Schaufensterkrankheit führt. “Damit sind Durchblutungsstörungen der Beine gemeint, die am Ende dazu führen, dass der Patient nur noch eine schmerzfreie Gehstrecke von 100 bis zu 500 Metern hat”, so Prof. Stumvoll. “Dann ist der Sauerstoffverbrauch so hoch, dass die Beine weh tun und der Betroffene stehen bleibt. Die Bezeichnung Schaufensterkrankheit kommt daher, dass die Patienten gern einen Schaufensterbummel unternehmen. Denn dabei kann man ohne Alibi stehen bleiben und muss nicht sagen, dass man nicht weitergehen kann.”

Nervenschäden

Bei den Auswirkungen an den kleineren Gefäßen sind besonders die Schädigungen der Nerven fatal. Diese äußern sich in einem breiten Spektrum klinischer Probleme, wie Gefühllosigkeit in den Füßen, schmerzhafte Nervenreizungen oder Störungen des autonomen Nervensystems.

“Die strumpfförmig aufsteigende Nervenerkrankung beispielsweise fängt an den Füßen an und geht bis knapp unters Knie”, erläutert Prof. Stumvoll. “In diesem Bereich erleidet der Patient eine Sensibilitätsstörung. Das heißt: Der Patient kann zwar mit den Zehen wackeln, aber er merkt nicht, wenn er auf eine heiße Kohle tritt.”

Dies kann zum Riesenproblem werden. Fällt beispielsweise ein Stück Plastik, wie ein Dübel, in den Schuh, wird das vom Betroffenen nicht bemerkt. So wird der Fuß mit der Zeit wund gerieben – am Ende kann sogar die Amputation stehen.

Möglich ist auch, dass durch die “Karamelisierung”, also den hohen Blutzucker, ein Nerv entzündlich gereizt ist. Das geschieht oft, wenn der Blutzucker besonders schlecht ist. Dieser dauerhaft brennende Schmerz in den Beinen ist leider schlecht beherrschbar.

Stiller Herzinfarkt

Eine andere Auswirkung von hohem Blutzucker kann eine Störung des autonomen Nervensystems sein, das Herz und Darm steuert. Die Nerven leiten dann Schmerzen nicht mehr weiter, womit beispielsweise ein Herzinfarkt verschleiert wird. “Der Diabetiker spürt den Herzinfarkt oft nicht oder er spürt ihn als Bauchgrimmen. Normalerweise sticht es in der Brust und strahlt in die Schulter, in den Arm, bis in den kleinen Finger aus”, so Prof. Stumvoll. “Beim Diabetiker kann aber der Infarkt mit untypischen oder sogar ohne Symptome verlaufen. Ergebnis: Die wichtige Frühversorgung mit Thrombose auflösenden Mitteln oder Herzkatheter – all das bleibt dem Diabetiker vorenthalten, wenn er den Herzinfarkt nicht bemerkt. Erst Monate oder Jahre später wird der Infarkt zufällig als ‘Narbe’ im EKG gesehen.”

Gewicht und Diabetes

Diabetes Typ 2 ist vermeidbar, beteuert Prof. Stumvoll. Denn: “Nach dem Krieg hatten wir diese Krankheit nicht. Das liegt daran, dass wir einen Umgang mit Nahrung und körperlicher Aktivität pflegen, den die Natur nicht vorgesehen hat.” Wobei er klarstellt. Die meisten Übergewichtigen bekommen keinen Diabetes. Aber: Wenn diejenigen, die aufgrund der oben aufgezählten Kriterien ein erhöhtes Diabets-Risiko haben, dick und dicker werden, dann schlägt der Diabetes zu.

“Wir hätten kein echtes Problem mit Diabetes Typ 2 in diesem Land, wenn die Deutschen im Durchschnitt 10 Kilogramm leichter wären”, so der Leipziger Mediziner. Er nennt dafür gute Gründe:

“Wenn ein übergewichtiger Mensch Typ-2-Diabetes bekommt, und der Betroffene würde es schaffen, 10 oder 20 Kilogramm – je nachdem wie viel er zuviel auf den Rippen hat – dauerhaft abzunehmen, dann wäre er die Krankheit los und er wäre geheilt. Aber das ist eben das große Problem: Sobald das Gewicht wieder ansteigt, kommt der Diabetes wieder. Außerdem: Die Schäden, die der hohe Blutzucker anrichtet, sind nicht wieder gut zu machen. Was in der Zeit an “Karamelisierung” im Körper passiert ist, das bleibt für immer. Es bleiben die strukturellen Schäden an der Niere, da ist wirklich Gewebe kaputt gegangen. Und eine Niere erholt sich nicht, da wächst nichts nach. Gleiches trifft auf die Netzhaut des Auges zu: da wächst nichts nach. Was kaputt ist, bleibt kaputt, auch wenn es gelingt, mit Medikamenten den Blutzucker zu senken.”

Universitätsklinik Leipzig

12.09.06

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