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Leben mit Diabetes

23.07.07.

Diabetes-Schulung

Foto: Steffen Hartmann, Klinikum Uni München

In Deutschland gibt es sieben Millionen Zuckerkranke, 95% aller Betroffenen sind Typ 2-Diabetiker. KUM aktuell sprach mit Prof. Dr. Martin Reincke, Direktor der Medizinischen Klinik am Campus Innenstadt und verantwortlich für das Diabeteszentrum am Klinikum.

300 000 Menschen erkranken pro Jahr in Deutschland neu an Diabetes. Woran liegt dieser enorme Anstieg?
Wir unterscheiden bei Diabetes Typ 1 und Typ 2. Bei Typ 1-Diabetes zerstört der Körper selbst die insulin-bildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Typ 2, von dem die große Mehrheit der Patienten betroffen ist, ist eine Wohlstandserkrankung, die weltweit dramatisch zunimmt. Der enorme Anstieg der Patienten liegt daran, dass viele Menschen bei uns zu viel und zu fett essen und sich außerdem noch zu wenig bewegen. Übergewicht ist der bei weitem wichtigste Risikofaktor bei Typ 2-Diabetes.

In letzter Zeit ist viel die Rede vom gefährlichen Bauchfett. Können Sie das näher erklären?
Übergewicht ist an und für sich schon ein Risiko; nicht nur für Diabetes, sondern auch für andere Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Wir wissen aber, dass Bauchfett ein eigener Risikofaktor ist. Das innere Bauchfett wirkt wie ein Chemielabor, in dem eine ganze Reihe gefährlicher Stoffe produziert werden, die auf komplizierte Weise die Verengung der Blutgefäße fördern. Die Gefahr ist aber einfach zu erkennen: Ab einem Taillenumfang von über 88 Zentimetern bei Frauen und 102 Zentimetern bei Männern ist das Infarkt- und Schlaganfallrisiko deutlich erhöht, besonders, wenn noch andere Faktoren wie erhöhter Blutdruck und erhöhter Blutzucker dazu kommen.

Was ist so gefährlich an erhöhtem Blutzucker?
Zucker ist lebenswichtig für die Energieversorgung der Organe und Muskeln. Die Körperzellen können die Glukose im Blut aber nur nutzen, wenn Insulin als eine Art Schlüssel ihnen sozusagen das Tor für den Eintritt in die Zelle öffnet. Bei Diabetikern wird Insulin entweder nicht mehr genügend gebildet oder aber die Zellen reagieren nicht mehr richtig darauf. Dadurch bleibt die Glukose im Blut und schädigt die Gefäßwände.

Was sind die Folgen?
Die Schäden an den Blutgefäßen treten im ganzen Körper auf und betreffen die Schlagadern und die kleinsten Gefäße. Das Ausmaß der Schädigung ist gewaltig: So erblindet alle 90 Minuten ein Diabetiker in Deutschland, alle 60 Minuten wird ein Diabetiker dialysepflichtig, weil seine Nieren nicht mehr richtig arbeiten. Alle 19 Minuten wird wegen zerstörter Nervenfasern und Durchblutungsstörungen ein Beim amputiert. Angegriffen werden auch die Herzkranzgefäße: Das Herzinfarkt-Risiko ist bei Männern mit Diabetes dreimal häufiger, bei Frauen sogar fünfmal häufiger als bei Gesunden.

Wie erkennt man Diabetes?
Symptome für Diabetes können u.a. starker, kaum stillbarer Durst, häufiges Wasserlassen, dauernde Müdigkeit, schlecht heilende Wunden oder Heißhungerattacken sein. Solche Symptome fehlen aber bei vielen Betroffenen völlig, so dass die Krankheit oft nur per Zufall entdeckt wird und wir eine hohe Dunkelziffer annehmen müssen. Dies gilt besonders für stark übergewichtige junge Menschen.

Wie oft sollte man seinen Blutzucker kontrollieren lassen?
Auch ohne Warnsignale sollte man alle zwei Jahre den Nüchtern-Blutzucker kontrollieren lassen, vor allem, wenn man übergewichtig (Body Mass Index größer als 27) und älter als 35 Jahre ist oder erstgradige Verwandte mit einer Diabetes-Erkrankung hat. Regelmäßige Blutzuckerkontrolle ist auch angesagt, wenn man unter Bluthochdruck oder erhöhtem Blutfetten leidet.

Gibt es eine Anti-Diabetes-Diät?
Entscheidend bei der Entstehung von Typ 2-Diabtes ist weniger die Zusammensetzung der Nahrung, sondern in erster Linie das Zuviel an Kalorien. Wir Deutschen nehmen 50% unserer Kalorien über Fett zu uns, 30% sollten es sein. Fett hat pro Gramm doppelt soviele Kalorien wie Kohlenhydrate. Insofern ist die beste Vorbeugung, bewusst fettarm zu essen. Aber Vorsicht: Auch durch das sonst so geschätzte und gesunde Obst kann man, im Übermass genossen, schnell übergewichtig werden. Zum Abnehmen empfehlen wir eine ausgewogene, abwechslungsreiche Kost, die wenig tierische Fette enthält.

Was bringen neue Medikamente bei Typ 2-Diabetes?
Neue verfügbare Mittel, die allerdings auch gespritzt werden müssen, geben doch zu einer gewissen Hoffnung Anlass. Sie senken den Blutzucker und führen zudem zu einer Gewichtsreduzierung, während die bisherigen Präparate eher eine Gewichtszunahme zur Folge hatten. Die meisten Typ 2-Diabetiker brauchen zu Beginn der Erkrankung keine Medikamente, sondern können ihren Blutzucker mit einer Kombination aus Gewichtsreduktion und mehr Bewegung sehr gut senken. Im Schnitt dauert es zehn Jahre, bis ein Typ 2-Diabetiker insulinpflichtig wird.

Was bringt Bewegung?
Regelmäßige Bewegung ist wichtig, weil sie beim Abnehmen hilft und die Empfindlichkeit des Körpers für Insulin verbessert. Bei Menschen, die sich nie bewegen und beruflichen Stress haben, stumpfen die Zellen gegenüber Insulin richtiggehend ab. Optimal wäre wirklich, dass man sich einmal für eine halbe Stunde pro Tag so bewegt, dass man ins Schwitzen gerät.
Täglich joggen oder walken schaffen die wenigsten. Wir wissen heute, dass Bewegung, die man unkompliziert in den Tag einbaut, sogar effektiver ist als richtiges Training. Das bedeutet: einfach den Lift links liegen lassen und die Treppe nehmen, eine U-Bahn-Station früher aussteigen und zu Fuß gehen.

Wie sieht die Zukunft aus?
Schon heute ist es möglich, die Bauchspeicheldrüse eines verstorbenen Organspenders zu transplantieren. Da aber Spenderorgane bei uns knapp sind und wohl auch bleiben werden, liegt die Zukunft eher in der Entwicklung von künstlichem Pankreas-Ersatz. Daran wird gearbeitet.

Ansprechpartner:
Medizinische Klinik Innenstadt
Prof. Dr. Jochen Seissler,
Prof. Dr. Martin Reincke
Telefon 089/51 60-21 00
Telefax 089/ 51 60-44 28
E-Mail: sekretariat.reincke@med.uni-muenchen.de
Anmeldung Zentrum 089/51 60-23 13

Zertifiziertes Diabetes-Zentrum
Das Diabetes-Zentrum am Campus Innenstadt gehört zur Medizinischen Klinik und ist nach einem aufwendigen Bewerbungsprozess nun die erste Bayerische Klinik, die am 22.3. 2007 von der Deutschen Diabetes Gesellschaft mit der Anerkennung für die höchstmögliche Versorgungsqualität bedacht wurde. Dort finden Diabetes-Patienten alles unter einem Dach – von der gesicherten Diagnose bis zur neuesten, individuellen Therapie. Strukturierte Patientenschulungen klären über die richtige Ernährung auf. Eine Fußambulanz kümmert sich um diabetische Fußkomplikationen. Dazu existieren ein Diabetes-Forschungslabor und eine telemedizinische Abteilung.

Quelle: Ulrike Reisch, KUM aktuell
www.uniklinikum-muenchen.de

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