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Das Bochumer Gesundheitstraining (BGT) Ein ganzheitliches Programm zum „Weg Krankheit“

17.05.06.

Die Forschung der letzten Jahrzehnte ist ein dichtes Geflecht aus neuen Erkenntnissen, Forschungsergebnissen und Therapieversuchen. Der Faktor „menschliche Psyche“ wird wahrgenommen, aber oft nicht angemessen in die Behandlung mit einbezogen.

Der Mensch ist ein noch lange nicht in allen Einzelbezügen erforschtes Netzwerk, in dem verschiedene Komponenten mitspielen: das Nervensystem, das Hormon- und das Immunsystem. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass diese drei Systeme auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind, wechselseitig aufeinander einwirken und miteinander kommunizieren. Diese Wechselwirkung spielt auch im alltäglichen Leben eine Rolle. Als veranschaulichendes Einstiegsbeispiel sei hier das mentale Training genannt, welches etwa Sportler zur Konzentration vor gezielten körperlichen Ausführungen praktizieren.

Dieser konzentrations- und leistungssteigernde Effekt gilt auch umgekehrt: Körperliche Zustände beeinflussen das seelische Befinden. So hilft regelmäßiger Sport vielen Menschen, sich ausgeglichener und belastbarer zu fühlen. Milliarden und Abermilliarden Zellen ermöglichen hier eine ungeheuer komplexe neuronale Wechselwirkung, deren genaue Erforschung gerade erst richtig beginnt.

Bewusste Gedanken stärken

Das Konzept des Bochumer Gesundheitstrainings entstand an der Ruhr-Universität Bochum in Zusammenarbeit der Fachbereiche Medizin und Psychologie. Die Arbeitsgruppe Vegetative Funktionen unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Walter Niesel und Dipl.- Psych. Erhard Beitel widmete sich seit 1982 der Entwicklung von Übungen, deren Ziel es ist, die Selbstheilungskräfte anzuregen und zu stärken. Grundlage hierfür ist die Annahme des engen Bezugs zwischen seelischem Befinden und den körperlichen Selbstheilungskräften. Dabei orientierte die Arbeitsgruppe ihre Forschung an fünf Punkten:

  • Entspannungstraining für den Alltagsstress
  • Infragestellen der eigenen Leistungsnormen
  • Psychologische Unterstützung bei Konfliktbewältigung, Beziehungsgestaltung und schwachem Selbstvertrauen
  • Förderung der Geselligkeit, Spiel und Freude sowie des körperlichen Wohlbefindens durch bewusste Ernährung und körperliche Bewegung
  • Offenes Befragen zu Lebensführung, -planung und –sinn

Nach langjährigen Anwendungen hat sich die folgende Trainingsgestaltung als die geeignetste erwiesen. Das Programm gliedert sich in 16 Themenbereiche, die in der angegebenen Reihenfolge aufgegriffen werden: Ort der Ruhe und Kraft, Lebensenergie, Vorsätze, Selbstvertrauen, Lebensfreude, Grundbedürfnisse, Ernährung – Bewegung – Schlaf, Abwehrsystem, Innerer Berater/ Innere Beraterin, Beziehungen, Kränkung, Konflikte, Krankheitsgewinn, Abschied – Tod – Neubeginn, Lebensweg sowie Lebensplanung. Diese Aspekte werden in wöchentlichen Treffen von ca. 2 Stunden Dauer (oder in Institutionen auch zweimal wöchentlich zu je 90 Minuten) bearbeitet. Die Teilnehmer der Gruppen zu neun bis zwölf Personen – in der Kleingruppe dann je drei Personen – sollten für die Dauer des Trainings nicht wechseln.

Als Techniken zum Erfassen der Erlebnisebenen dienen hierbei:

  • Autogenes Training
  • Imaginationsübungen (z. B. Malen)
  • Nonverbale Paar- und Gruppenübungen
  • Fragebögen
  • Aufgaben zur häuslichen Fortführung der Übungsansätze, nachfolgende Befragung in der Gruppe

Gesundheit ist mehr als funktionieren

Die positive Einstellung zu Belastungen, Krisen und Herausforderungen kann also trainiert und gefördert werden. Wichtig ist zunächst, dass sich der Betroffene mit seiner Wahrnehmung und seinem Selbstbild beschäftigt. Vielfach haben allgemein gültige Leitsätze, elterliche Verhaltensanweisungen oder unbewusste Erwartungshaltungen des individuellen Umfelds schon früh das eigene Selbstbild mitbestimmt. Auch das subvokale Sprechen – die halblaute Zwiesprache, die jeder gelegentlich mit sich selbst hält – gibt Aufschluss über das Bild, das wir uns von uns selbst machen, über unseren Pessimismus oder Optimismus, über Selbstkritik oder eine fordernde Haltung. Um das Selbstvertrauen zu stärken, sollten Leistungsforderungen, Streitverhalten, Zufriedenheit, Aufopferung, Egoismus, tröstendes und strafendes Verhalten analysiert und neu bewertet werden.

Darüber hinaus gilt es, die eigene Stellung im Leben, in der Gesellschaft, im Privaten zu durchleuchten. Die Symbolisierung wahrgenommener Bedürfnisse, etwa nach Bewegung, Sexualität oder Aggressivität, lässt diese Wünsche oder Ängste deutlicher werden und hilft dabei, eine Beziehung zu diesen Bedürfnissen aufzubauen. Hinsichtlich der vitalen Bedürfnisse wie Ernährung, Bewegung und Schlaf soll der maßvolle, gesundheitsfördernde Umgang mit Nahrungsmitteln, Sport und Entspannung erlernt werden.

Vorstellungsübungen zum „inneren Berater“/zur „inneren Beraterin“ fördern das Körperbewusstsein, den Umgang mit Emotionen, die positive Haltung zum Selbst und das Vertrauen in die körpereigenen Abwehrkräfte.

Ängste wahrnehmen und zulassen

Die Vorstellung, dass eine Krankheit auch einen „Gewinn“ mit sich bringen kann, weisen viele Menschen von sich: Schmerzen, Unwohlsein oder Schwäche sind vorherrschend, sodass Krankheit meist als ein (physisches und/oder psychisches) Versagen empfunden wird. Die Auseinandersetzung mit der Krankheit auf allen aufgezeigten Ebenen birgt zwangsläufig auch die Frage nach dem Sinn einer solchen „Wandlung“ oder „Zwangspause“. Die Bereitschaft, die „Botschaft“ der Krankheit zu hören, muss in einem länger andauernden Prozess entwickelt werden.

Nicht zuletzt gehört auch die Beschäftigung mit Tod und Abschied zum Prozess der Krankheit. Wut, Schmerz, Trauer und Verzweiflung einzugestehen und auszuhalten ist und fällt schwer, doch die Tabuisierung und Betäubung solcher Gefühle birgt mehr Gefahren als Lösungen. Rückzug, Schweigen, Verweigerung, Aggressivität, Selbstmordgedanken und psychosomatische Störungen können die Folgen der nicht zugelassenen Trauer sein. Werden und Vergehen als einen natürlichen Prozess zu akzeptieren fällt unserer heutigen, medizinischtechnologisch hoch entwickelten Gesellschaft oft besonders schwer. Der „Umweg“, zu dem die Krankheit Betroffene zwingt, soll als Krise und zugleich als Chance wahrgenommen werden.

Das Bochumer Gesundheitstraining orientiert sich an dem Erlangen von Gesundheit und weniger an der Bekämpfung von Symptomen. Das Training wendet sich nicht ausschließlich an Erkrankte, sondern vielmehr an alle, die etwas zur Unterstützung ihres seelischen und körperlichen Wohlbefindens tun möchten. Frei nach dem Motto: Die Menschen erbitten sich ihre Gesundheit von den Göttern, dass sie aber selber Einfluss haben, wissen sie nicht (Demokrit, 400 v. Chr.).

Dorothee Walter

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