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Experteninterview mit Univ.-Prof. Dr. Mario Francesconi

Der gebürtige Grazer Univ.-Prof. Dr. Mario Francesconi hat sich auf Diabetes spezialisiert und ist Ärztlicher Leiter der Sonderkrankenanstalt Rehabilitationszentrum Alland der Pensionsversicherungsanstalt. Nach seinem Medizinstudium in Wien absolvierte der zweifache Vater eine Ausbildung zum Internisten, erhielt Additivfacharztanerkennungen in den Bereichen Angiologie sowie Endokrinologie und Stoffwechsel und wurde 2004 zum Professor ernannt. Prof. Francesconi ist es ein großes Anliegen, seinen Patienten umfassendes Wissen über Diabetes mitzugeben, damit sie die Krankheit und ihre Folgen verstehen und den Diabetes akzeptieren lernen.

Herr Prof. Francesconi, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf Diabetologie zu spezialisieren?

Schon als Schüler war ich naturwissenschaftlich interessiert. Ärzte waren in meiner Familie keine vorhanden. Als Neunjähriger fasste ich den Gedanken, Medizin zu studieren, so ist es dann auch gewesen. Während meiner Ausbildung war ich ein Semester lang Vorlesungsassistent. Da musste ich detailliert Anamnesen von stoffwechselgestörten Patienten erheben und Befunde zusammenstellen. Dabei wurde mir klar, wie vernetzt und komplex pathophysiologische Geschehnisse auf diesem Sektor sind, die besonders beim Diabetes mellitus in Folge zur Erkrankung einer ganzen Reihe von Organen führen. Als ich die Gelegenheit bekam, in einem Rehabilitationszentrum für Diabetes tätig zu sein, habe ich diese ergriffen. Seither haben sich in der Diabetologie viele neue Erkenntnisse bezüglich der Pathophysiologie, der Grunderkrankung und auch ihrer Komplikationen ergeben. Auch auf dem Gebiet der Therapiestrategien hat es viele Verbesserungen gegeben, sodass ich meine getroffene Wahl nie bereut habe.

Was ist Ihnen im Umgang mit Ihren Patienten besonders wichtig?

Diabetes ist eine lebenslange Erkrankung, vieles in der Behandlung muss der Patient in Eigenverantwortung machen. Eine gute Einstellung verlangt große Therapiedisziplin. All dies muss den Patienten erst einmal vermittelt werden, erst das Verständnis um Zusammenhänge schafft Akzeptanz, die zum Behandlungserfolg führt. Schulung mit Wissensvermittlung und Handlungsanleitung sind mir daher besonders wichtig.

Worin sehen Sie das größte Problem bezüglich der wachsenden Anzahl von Betroffenen?

Der ganz überwiegend durch Übergewicht und Adipositas induzierte Diabetes mellitus Typ 2 nimmt, so wie die ständige Gewichtszunahme der Bevölkerung, auch in Österreich epidemische Ausmaße an. Geschätzte 400.000 Diabetiker gibt es in Österreich. Diese gilt es zu identifizieren und auch zu behandeln, eine gewaltige Aufgabe, die immens viele Ressourcen braucht. Da bei vielen die Therapieziele nicht erreicht werden, nimmt die Anzahl von Personen, die in Folge oft an oft todbringenden Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) leiden, stetig zu. Dieser Situation Herr zu werden stellt eine gewaltige Anforderung an unser Gesundheits- und Sozialsystem dar.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer in Bezug auf Diabetes und seine Behandlung?

Da muss ich von der Naturwissenschaft zur Politik schwenken. Trotz der starken genetischen Prädisposition für Typ-2-Diabetes stellt das Lebensstil-Fehlverhalten sehr häufig den Trigger dar, tatsächlich einen Diabetes zu entwickeln. Mir geht der politische Wille ab, tatsächlich Prävention zu betreiben. Darüber wird in Österreich viel geredet, geschehen tut aber kaum was. Dies ist leicht an der Inzidenzentwicklung von Adipositas und Diabetes abzulesen. Jugendliche unter 20 Jahren, die 200 kg wiegen und bereits einen Typ-2-Diabetes aufweisen, sind traurige Beispiele für eine diesbezüglich verfehlte Politik. Wir wissen alle, wie schwer es ist z. B. dem Lobbying der Nahrungsmittelindustrie Einhalt zu gebieten. Da werden systematisch Produkte als gesund und kindergerecht beworben, die genau das Gegenteil sind. Untersuchungen in Deutschland haben dies unmissverständlich belegt. Ein österreichweiter Präventions-Aktionsplan, in dem das Kindergartenkind bis zum jungen Erwachsenen eingeschlossen ist, wird als einzige Modalität diese Entwicklung stoppen können. Was die eigentliche medikamentöse Diabetesbehandlung betrifft, ist in der letzten Zeit eine Vielzahl neuer Substanzen mit recht unterschiedlichen Angriffspunkten zur Blutzuckersenkung auf den Markt gekommen bzw. stehen unmittelbar vor der Markteinführung. Dadurch ist es recht schwierig geworden, sich zwischen Erstattungsregeln und Leitlinien zu bewegen. Da kann gelegentlich einmal etwas nicht ganz optimal verlaufen.

Welche sind aus Ihrer Sicht die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Diabetestherapie?

Den besten Erfolg, weil nachhaltig, sehe ich prinzipiell in präventiven Maßnahmen. Eine erfolgreiche Prävention würde viel an Therapie ersparen. Aber nun zur eigentlichen Frage: Es gibt intensive Bemühungen, in die Komplexität des Diabetes mit neuen Substanzen einzugreifen, die neue Angriffspunkte in der Pathophysiologie des Geschehens eröffnen. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass nach anfänglichen Erfolgen etliche Substanzen nicht die Marktreife erreichen, da ein ungünstiges Nebenwirkungsspektrum dies verhindert. Dennoch ist insgesamt gesehen die Erfolgsrate sehr zufriedenstellend. Ein weiterer Punkt sind klinische Studien, bei denen zugelassene Medikamente in unterschiedlicher Kombination auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Erst durch solche Studienergebnisse lässt sich dann tatsächlich die Therapie optimieren.

Herr Univ.-Prof., wir danken Ihnen für das Gespräch.

Quelle: Befund Diabetes Österreich 02/2013

07.01.14

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