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Experteninterview mit Prof. Dr. Harald Morr

Herr Prof. Dr. Harald Morr ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Ratgebers COPD und Asthma und des Magazins COPD und Asthma und Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung.

Herr Prof. Dr. Morr, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Pneumologie zu spezialisieren?

Prof. Morr: Ich bin unsicher, ob die Entscheidung eines Abiturienten, welches Studium mit welchem Berufsziel er aufnehmen soll, eine zu diesem Zeitpunkt wirklich bewusste und eigene Entscheidung ist. Im Nachhinein und von heute aus betrachtet habe ich Medizin studiert und bin Arzt geworden, weil ich dafür mit familiären Genen ausgestattet war und meine Begabungen offensichtlich eher in der kommunikativen Beziehung zu Menschen und weniger in einer beziehungsärmeren reinen Naturwissenschaft oder Technik lagen. Für die Pneumologie haben mich mein Doktorvater und seine Mitarbeiter begeistert. Ich hatte das Glück, nicht nur aktiv gefördert zu werden, sondern auch Freundschaften in dieser Lernphase zu schließen, die bis heute anhalten und die meine beruflichen Wege maßgeblich beeinflusst haben.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Patienten?

Prof. Morr: Ich habe meine Aufgabe und Rolle, vielleicht auch meine Stärke, immer am Patientenbett oder der Patientenliege gesehen, ein bisschen plakativ formuliert: Ich wollte immer Arzt und nicht Mediziner sein. Und so war auch die Laborforschung für mich immer ein gutes Mittel für einen guten Zweck, aber nicht das Ziel meiner Wünsche. Leider ist aber das mehr ärztliche Tun heute in größter Gefahr. Wir haben heute über den durch und durch verwalteten Arzt und den ebenso durch und durch verwalteten Patienten zu klagen, und beide werden in einer konstruierten Wirtschaftlichkeit fremdbestimmt. Es ist höchste Zeit, dass Ärzte und Patienten sich gegen diese ausufernde und inhumane Fremdbestimmung wehren, sodass sich der Arzt wieder ungestört und vorbehaltlos um die körperlichen, seelischen und sozialen Leiden des Patienten kümmern kann.

Welchen Einfluss hat der Lebensstil auf COPD und Asthma bronchiale?

Prof. Morr: COPD und Asthma haben von außen herangetragene Ursachen und krankheitsfördernde Faktoren, die sich z. T. aus dem Lebensstil der Betroffenen ergeben. Dazu gehören Allergene (Tierhaltung, Hobbys, häusliches Umfeld) und die Inhalation von Schadstoffen (Inhalationsrauchen, handwerkliche Tätigkeiten), aber auch mangelhafte Bewegung, anhaltender und nicht verarbeiteter beruflicher und familiärer Stress sowie unzureichende Erholungsphasen.

Welches sind die wichtigsten Faktoren, die Einfluss auf den Krankheitsverlauf von Asthma und COPD haben?

Prof. Morr: Asthma und COPD sind nicht heilbar. Nur die Realisierung und Akzeptanz dieser Aussage schafft die Voraussetzung, mit diesen primär chronischen Erkrankungen auch zufrieden leben zu können und nicht gegen sie. Die weitgehende Verhinderung der als Auslöser definierten Faktoren sowie eine fachärztlich überwachte konsequente und dem Krankheitsverlauf angepasste medikamentöse und nichtmedikamentöse Therapie sind die Hauptsäulen, auf denen die Prognose der Erkrankungen ruht. Gibt der Arzt die richtigen Ratschläge und richtet sich der Patient konsequent danach, dann ist die Prognose von Asthma und COPD gut.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer im Wissen um Atemwegserkrankungen und ihrer Behandlung?

Prof. Morr: Asthma und COPD sind in ihren Ursachen, in ihren Krankheitszeichen und in ihrer Behandlung wie ein Mosaik: Erst viele Steine unterschiedlicher Größe bestimmen das Bild. Es ist demnach ein Irrtum zu glauben, die Erkrankungen hätten nur eine Ursache und eine diesbezügliche Therapie. Jede Form von Einseitigkeit ist ein Fehler. Einseitigkeit ist naturwissenschaftlich falsch und schadet dem Erkrankten.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Therapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Prof. Morr: Orientiert man sich am Grundgerüst der Leitlinien für Asthma und COPD, so sind eine individualisierte Primärprävention des Inhalationsrauchens, eine ausschließlich inhalativ applizierte und stärker selektive antientzündliche und antiobstruktive medikamentöse Therapie und eine für den Patienten einfachere und komfortablere nicht-medikamentöse Therapie ein realistischer und realisierbarer Ansatz, die heute mögliche Therapie in den nächsten überschaubaren Jahren weiterzuentwickeln. Forschung für Asthma und COPD heißt also Zusammenführung verschiedenster naturwissenschaftlicher und technischer Bereiche („vernetzte Wissenschaft“) und wieder ist die Vielfalt und nicht die Beschränkung der Weg zum Erfolg.

Was raten Sie Patienten, die an COPD oder Asthma leiden?

Prof. Morr: Entscheiden Sie sich für einen Arzt, der die fachliche Kompetenz hat, dem Sie persönlich vertrauen und der Ihnen für Rat und Tat auch im Alltag zur Verfügung steht.

Quelle: Ratgeber COPD und Asthma 2012

29.12.12

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