Moderne Medikamente können schwere Krankheitsverläufe günstig beeinflussen
31.08.09.
Entzündungsbedingte Veränderungen in der Darmwand, wie sie häufig nach langjähriger Erkrankung vorkommen, sind der Grund dafür, dass rund 80 Prozent der Patienten im Verlauf Ihrer Erkrankung operiert werden müssen. Nun ist es möglich, diese Komplikationen medikamentös zu beeinflussen.
Patienten mit Morbus Crohn leiden meist an Durchfällen und Bauchschmerzen, die vielfach auf eine Entzündung der Darmschleimhaut (Mukosa) zurückzuführen sind. Die Krankheit verläuft häufig schubartig. Zwischen den Schüben können die Beschwerden abklingen, die zugrundeliegende Entzündung kann die Darmschleimhaut aber weiter schädigen.
Der Krankheitsverlauf kann über Jahre hinweg diesem Muster folgen. Mit der Zeit steigt jedoch das Risiko, dass die Entzündung von der Schleimhaut aus auf tiefer liegende Schichten der Darmwand übergreift. Es bilden sich dann Engstellen (Stenosen) sowie Verbindungsgänge zwischen dem Darm und anderen Organen oder der Körperoberfläche (Fisteln).
Je schlechter die Entzündung kontrolliert werden kann, umso eher treten derartige Komplikationen auf. Sie sind wesentlich dafür verantwortlich, dass mehr als 80 Prozent aller Patienten mindestens einmal in ihrem Leben wegen ihres Morbus Crohn operiert werden müssen.
Einen derartigen Leidensweg möchten Ärzte den Betroffenen verständlicherweise ersparen. Daher müssen sich Therapien heute daran messen lassen, ob sie diesen oft regelhaften Krankheitsverlauf beeinflussen können. Als wesentliches Erfolgskriterium gilt die Heilung der Darmschleimhaut, die so genannte Mukosaheilung.
Das Therapieziel wandelt sich
Ärzte gehen heute davon aus, dass sich die Prognose der Erkrankung am Zustand der Mukosa ablesen lässt. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Patienten mit einer geheilten Mukosa ein geringeres Risiko für Operationen in den Folgejahren haben als Patienten, bei denen die Mukosa Geschwüre und andere krankhafte Veränderungen aufweist.
Die Behandlung zielt daher nicht mehr nur darauf ab, die Zahl der Durchfälle zu reduzieren, Bauchschmerzen zu lindern und die Blutwerte zu normalisieren – sie muss auch die Mukosa zur Heilung bringen, eine steroidfreie langfristige Remission erreichen, Operationen und Krankenhausaufenthalte vermeiden und somit die Lebensqualität der Patienten steigern. Die heute verfügbaren Medikamente leisten dies in sehr unterschiedlichem Maße.
Gute Belege für eine Wirksamkeit gibt es für bestimmte TNFalpha-Antikörper. So erreichen unter Infliximab viele Patienten ein beschwerdefreies Krankheitsstadium und bleiben während einer Erhaltungstherapie frei von Rückfällen. Steroide können reduziert, bzw. sogar ganz abgesetzt werden. In Studien zeigte sich auch, dass der Wirkstoff die Mukosaheilung begünstigt, und dass dadurch das Operationsrisiko im weiteren Verlauf sinkt. Experten erwägen daher zunehmend, TNFalpha-Antikörper früher als bisher einzusetzen.
Nicht nur die Organe sind betroffen – auch die Seele leidet
Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden nicht allein an den körperlichen Symptomen ihrer Erkrankung. Die häufigen Durchfälle, heftige Bauchschmerzen und teils schwere Komplikationen schwächen den ganzen Körper. Betroffene müssen daher immer wieder dem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz fern bleiben, und meist haben sie auch für Freizeitaktivitäten keine Energie. Damit aber entstehen neue Krankheitsfolgen.
Denn wo der Kontakt zu Kollegen und Freunden verloren geht, droht die soziale Verarmung. Auch Partnerschaften sind durch die Erkrankung nicht selten einer enormen Belastung ausgesetzt.
Die Einführung von Biologics in die Therapie der mittelschwer und schwer verlaufenden chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist daher eine zusätzliche Option, die auch der Lebensqualität zugute kommen kann.
In einer Umfrage unter Morbus-Crohn- und Colitis-ulcerosa-Patienten gaben 74,4 Prozent der mit Infliximab behandelten Teilnehmer an, dass die Lebensqualität durch die Therapie mit dem Biologic deutlich oder zumindest etwas zunahm. Aus klinischen Studien geht zudem hervor, dass sich bei beiden Formen neben den Darm-assoziierten Symptomen auch das soziale, das emotionale und das allgemeinkörperliche Wohlbefinden signifikant bessert. Die Effekte setzten zum Teil bereits zwei Wochen nach der ersten Infusion ein und blieben auch während einer länger dauernden Erhaltungstherapie bestehen.
Als Patient initiativ werden
Biologics wie Infliximab erweitern also das Instrumentarium, mit dem Patienten ihre Krankheit bei guter Lebensqualität kontrollieren können. Unglücklicherweise scheint das Thema aber bei vielen behandelnden Ärzten bislang eine nachrangige Rolle zu spielen. So gaben fast 50 Prozent der Teilnehmer der bereits erwähnten Umfrage an, dass ihr Arzt mit ihnen nicht über die Lebensqualität spricht, und nur knapp 40 Prozent wurden über moderne Behandlungsmöglichkeiten informiert. Da scheint mancher Patient gut beraten, mit gezielten Fragen auf seinen Arzt zuzugehen.
Weitere Informationen hierzu erhalten Sie unter http://www.darm-experte.de
Dieses Portal unterstützt auch den ersten bundesweiten Crohn & Colitis-Tag am 16. Oktober 2009, bei dem viele Aktionen stattfinden. Er wird organisiert vom Kompetenznetz Darmerkrankungen und der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung.
Nils Feigel
Quellen:
Shah und Hanauer: Medscape Gastroenterology, http://www.medscape.com/viewarticle/573395 vom 09.06.2008
Feagan et al. Am J Gastroenterol 2007;102(4) : 794-802
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