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Ein Traum wurde wahr: Ins MS-Camp nach Kanada

Jaqueline Wittmann, mit 17 die Diagnose MS erhalten, hatte Glück: Im letzten Sommer durfte sie über die dmsg ins Summer Camp nach Kanada reisen. Mit Befund MS sprach sie über ihre Krankheit, über die Veränderungen in ihrem Leben und über das schönste Erlebnis, das sie je hatte.

Wie hat es mit Ihrer Krankheit begonnen, wie kam es zur Diagnose?

Rückblickend ist man immer schlauer, also es hat schon früher angefangen. Diagnostiziert wurde es im Dezember 2008, da war dann schon die komplette rechte Seite taub, also halsabwärts bis zum Fuß. Das hatte sich halt über die Jahre gesteigert. Es fing mit 14 an, da war nur der Fuß ein bisschen taub und dann das Bein, dann ist es hochgewandert. Wir sind dann ins Krankenhaus gefahren 2008, da war der erste Verdacht auf einen Schlaganfall, weil die komplette rechte Seite betroffen war. Die Diagnose kam dann – ganz toll – zwei Tage vor Weihnachten. Jetzt bin ich 20, damals war ich 17 und gerade dabei, den Führerschein zu machen.

Wie fühlte es sich an, mit einer so erschütternden Erfahrung konfrontiert zu werden? In einem Alter, in dem man eigentlich ohnehin genug mit sich zu tun hat, mit den Freunden, mit dem Abi … und dann das?

Ich hab’s am Anfang ignoriert und mich selbst überfordert. In den ersten zwei Jahren hatte ich relativ viele Schübe, drei bis vier pro Jahr. Ich hatte Anfang 2009 mit der Therapie angefangen, die ich nicht so recht vertragen habe. Das hat alles dazu beigetragen, dass es mir nicht gut ging. Und: Ich war mitten im Abitur – als Perfektionistin habe einfach weitergemacht wie vorher auch, habe nicht geschaut, dass ich meine Ruhepause hatte, das hat sicher zu den Schüben beigetragen. Es war dann leider so, dass ich beim Abitur im Krankenhaus war, ich war kollabiert. Ich musste eine Prüfung nachholen und hab das Abi trotzdem bestanden. Erst nach diesem Erlebnis hab ich damit angefangen, mich mehr damit auseinanderzusetzen, mehr auf mich zu schauen. Ich hab nach dem Abitur dann auch ein Jahr pausiert, das hat gut getan. Und dann kam am Schluss noch über die dmsg das Summer Camp in Kanada. Das war einfach toll!

Wie kam es, dass Sie am MS Summer Camp teilnehmen konnten?

Eine Bekannte hat mir das geschickt. Ich hab’s mir angeschaut und gedacht: Ja, machst halt mal mit. Man musste einen kleinen Lebenslauf schicken und dann wurde ausgelost – plötzlich haben sie mich angerufen. Mich haben danach noch drei Leute angeschrieben, die sich auch beworben hatten, nach dem Motto: Ich freu mich für Dich, aber ich hätte es eigentlich auch gern selbst gemacht. Die meisten dort kamen aus USA, Kanada, ich war die einzige Deutsche, sonst waren noch ein Mädchen aus Schottland da und eines aus Südafrika.

Hatten Sie Angst vor der Reise, also hinsichtlich Ihrer Erkrankung?

Von der Krankheit her war ich gar nicht mal besonders aufgeregt. Eher weil ich das erste Mal allein von zu Hause weg war. Natürlich macht man sich auch Gedanken, was ist, wenn genau jetzt ein Schub kommt, aber da drüben wäre man ja bestens aufgehoben gewesen. In dem Camp war eine richtige Krankenstation, ein paar Kilometer weiter ein Krankenhaus …

Wie war es, mit lauter Menschen zusammen zu sein, die dieselbe Krankheit haben: Wurde nur über dieses Thema geredet? Oder musste man eben gerade hier nicht darüber reden, weil alle Bescheid wussten und jeder wusste, wie sich der andere fühlt?

Es war definitiv nicht so, dass wir nur über die Krankheit geredet hätten. Wir haben auch darüber geredet, ausführlicher darüber geredet, wie man das nicht mit Gesunden machen kann. Man versteht sich auf anderer Ebene, jeder weiß, wovon der andere spricht. Es war ja auch Aaron Solowoniuk da, Drummer der kanadischen Rockband Billy Talent, der auch mal eine Gesprächsrunde mit uns gemacht und von sich erzählt hat. Da war aber auch ein Junge, der hat MS seit er neun ist, er war jetzt 17 Jahre und fast blind. Wir hatten einen Discoabend, und wenn dann so jemand aufsteht und fängt an zu breakdancen – das hat mich beeindruckt:. Dieser Junge ließ sich nicht unterkriegen.

Wie sahen die Aktivitäten aus?

Wir waren sehr viel draußen in der kanadischen Landschaft, das war eine Halbinsel in einem riesigem See. Wir sind auf dem See gepaddelt, in Kanus zum Campen gefahren, haben im Wald übernachtet, waren am Strand und haben uns auch kreativ betätigt. Jeden Morgen gab es Flaggenappell zur kanadischen Nationalhymne, jeden Abend war Campfeuer, wir haben Lieder gesungen, das gab ein unheimlich gutes Zusammengehörigkeitsgefühl. Am Schluss haben alle geheult, als wir uns trennen mussten. Kontakt haben wir noch über das Internet. Aber ich würde zu gerne wieder hinfahren. Ich hoffe, dass das noch öfter angeboten wird, damit auch andere die Gelegenheit dazu haben. Früher war ich ja immer gegen Selbsthilfegruppen, weil da lauter Leute sind, bei denen es richtig schlimm ist. Aber das Camp war das Beste, was ich je erlebt habe!

Sie haben inzwischen Ihr Studium in München angefangen. Klappt das gut oder fühlen Sie sich durch die MS gehandicapt?

Ich bin jetzt im ersten Semester. Sagen wir so, man muss hart arbeiten, das muss jeder. Die Vorlesungen gehen von 10 bis 16.45 Uhr, und dann muss ich mich erst mal hinlegen, weil ich nicht mehr kann. Seit dem letzten Schub ist mein Bein gehandicapt, ich spüre, dass die rechte Hand taub wird, wenn ich müde bin. Es erfordert halt einfach ein besseres Zeitmanagement. Mir geht’s von der Einstellung her besser, wenn ich was zu tun hab, aber ich bin einfach erschöpft. Trotzdem mache ich auch noch ein bisschen Sport, im Sommer Fahrradfahren, und jetzt hat mir eine befreundete Ergotherapeutin ein Buch geschenkt. Daraus mache ich alle zwei Tage Übungen auf der Yogamatte.

Quelle: BMS 1/12

16.12.12

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