Diagnostik und Therapie neurogener Blasenfunktionsstörungen
23.11.06.

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Neurologische Erkrankungen – insbesondere systemische Erkrankungen des Zentralen Nervensystems wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Amyotrophe Lateralsklerose, aber auch Schlaganfälle – gehen oft mit Blasenfunktionsstörungen einher. In vielen Fällen muss man mit einer Harninkontinenz rechnen. Diese bedeutet für die Patienten neben der durch die neurologische Erkrankung entstandenen Behinderung eine ganz wesentliche Einschränkung des Lebensrhythmus und der Lebensqualität. Eine solche Harninkontinenz sollte jedoch nicht akzeptiert und hingenommen werden.
Nicht nur die Tatsache, dass man unkontrolliert Urin verliert, sondern insbesondere der häufige Harndrang und der Zwang die Toilette aufzusuchen, stören den Patienten in seinem täglichen Leben erheblich. Ursache ist eine Fehlsteuerung der Harnblase. Der Harndrang kann von den steuernden Zentren im Gehirn nicht unterdrückt werden, sodass unwillkürlich eine Blasenentleerung erfolgt. Problematisch ist, dass im Zusammenhang damit ein hoher Druck in der Harnblase entstehen kann, der nicht nur zu immer wieder auftretenden Harnweginfekten führen, sondern insbesondere auch die Nieren schädigen und eine Dialyse zur Folge haben kann. Ziel muss es daher sein, diese ungehemmten Blasenentleerungen zu vermeiden und den Druck in der Harnblase zu senken, um so eine sichere Kontinenz wiederherzustellen und die Nierenfunktion zu schützen.
Vor der Therapie muss eine differenzierte neuro-urologische Funktionsdiagnostik erfolgen. Hierzu gehört insbesondere die sog. video-urodynamische Untersuchung. Bei dieser Untersuchung wird ein dünner Messkatheter in die Blase eingeführt,um während der Füllung und Entleerung der Harnblase den Druck messen zu können. Zeitgleich kann über diesen Katheter Kontrastmittel in die Harnblase gefüllt werden, sodass mittels Röntgenuntersuchung auch Informationen über die Form, Lage und Größe der Harnblase sowie evtl.Veränderungen der Anatomie zur Verfügung stehen. Meist ist bereits nach einem Untersuchungsgang eine Klassifikation der Funktionsstörung möglich und erste Ratschläge zur Therapie können erteilt werden.
Die ungehemmte Blasenentleerung kommt meist durch eine Überaktivität des Blasenmuskels zustande. Diese Überaktivität kann durch sog. Anticholinergika unterdrückt werden. Dies sind Medikamente, die die Informationsübertragung vom Nerv auf den Muskel unterbinden und so zu einer Beruhigung des Muskels führen. Sollten diese Medikamente nicht wirksam sein, so kann auch Botulinumtoxin, welches in der Behandlung der Spastik seit langen Jahren Anwendung findet, direkt im Rahmen einer Kurznarkose in den Blasenmuskel injiziert werden. Hierdurch kommt es für mehrere Monate zu einer Beruhigung der Harnblase und zu einer Ausschaltung der Überaktivität, sodass die Einnahme von Tabletten nicht notwendig ist.
Andere Blasenfunktionsstörungen können auf eine sog. sakrale chronische Nervenstimulation ansprechen. Hierbei werden, ähnlich einem Herzschrittmacher, dünne Stimulationselektroden im Bereich des Kreuzbeins in der Nähe der Nerven implantiert, die die Harnblase steuern. Über eine elektrische Aktivierung dieser Nerven können hemmende Impulse der Blase verstärkt und so eine Überaktivität der Blase ausgeschaltet werden. Die Erfolgsrate dieser Operationsmethode liegt bei etwa 50 %. Während früher ein sehr aufwändiges Operationsverfahren hierzu notwendig war, können heute in minimal-invasiver Technik diese Elektroden in einer weniger als 30-minütigen Operation problemlos implantiert werden. Die Risiken für eine solche Operation sind gering.
In sehr seltenen Fällen kann auf die Steuerung der Harnblase durch Medikamente oder Elektrostimulation kein Einfluss mehr genommen werden und die gelähmte Harnblase muss zum Teil entfernt und durch Darmanteile ersetzt werden. Hierdurch kann dann ein ausreichend großes Reservoir erzielt werden, sodass die Harninkontinenz durch die Überaktivität nicht mehr auftritt.
In neuro-urologisch ausgerichteten Zentren nehmen sich entsprechend geschulte Fachärzte für Urologie der Problematik an. Nach Klassifikation der Blasenfunktionsstörung erarbeiten diese im Optimalfall mit dem Patienten gemeinsam ein Konzept, das die Kontinenz wieder herstellt, die Nierenfunktion schützt und dem Patienten so seine Lebensqualität zurückgibt.
Dr. med. A. Kaufmann
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