Informationen zur Multiplen Sklerose
19.06.06.
Prof. T Henze, Reha-Zentrum Nittenau
Allgemeines zur Entstehung der MS
Die Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems (also des Gehirns und Rückenmarks), bei der es zu einer Zerstörung von Markscheiden kommt. Die Markscheiden stellen die Hüllsubstanz der Nerven dar und sind vor allem für die elektrische Leitfähigkeit verantwortlich. Wir gehen davon aus, dass körpereigene Zellen, die normalerweise gegen “äußere Feinde” gerichtet sind – zum Beispiel Bakterien oder Viren, also körperfremde Organismen, – in das Zentrale Nervensystem eindringen und dort komplizierte Immunvorgänge einleiten. Es handelt sich bei der MS also um eine Autoimmunerkrankung.
Schon lange bekannt, bislang aber eher wenig beachtet ist die Tatsache, dass es im Verlauf der MS auch zu einem Abbau von Nervenfasern, den Axonen kommt. Dieser Abbau beginnt schon früh im Verlauf der Erkrankung und kann vermutlich zumindest teilweise durch eine früh einsetzende und konsequente Immunmodulierende Behandlung aufgehalten werden.
Von großer Bedeutung ist es daher, die fehlgeleiteten immunologischen Vorgänge möglichst zeitig zu stoppen oder zumindest zu unterdrücken.
Krankheitsverläufe, MS-Schub
Am häufigsten beginnt die MS mit Schüben. Man spricht dann von einer schubförmigen MS. Als Schub wird das Auftreten eines oder mehrere neuer neurologischer Symptome innerhalb weniger Tage angesehen. Diese bilden sich dann auch nicht in wenigen Stunden zurück, sondern bleiben länger bestehen. Häufige Auslöser sind Infekte, ausgeprägte seelische oder körperliche Belastungen (Stress), Operationen und vieles mehr. Die Zahl und Schwere der Schübe ist von Patient zu Patient und von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Insbesondere bei dieser Verlaufsform ist eine immunmodulierende oder immunsuppressive Behandlung sinnvoll.
In den meisten Fällen geht die MS anschließend in ein chronisch progredientes Stadium über: Sekundär chronisch progredienter Verlauf. Hier nehmen die Symptome langsam und schleichend zu, gelegentlich unterbrochen von kleineren oder größeren Schüben. Auch hier kann eine immunmodulierende Therapie angebracht sein.
Sehr viel seltener ist ein Verlauf, bei der dem niemals Schübe auftreten und vielmehr nach einem meist unmerklichen Beginn langsam und schleichend immer mehr Symptome hinzukommen (ca. 10 bis 15% aller MS-Betroffenen). In diesen Fällen ist es oft sehr schwierig, die Zunahme der Störungen durch Behandlungsmaßnahmen wirksam aufzuhalten.
Häufigkeit und Geschlechtsverteilung
Die Häufigkeit der Multiplen Sklerose wird in Deutschland auf 120.000 bis 140.000 Betroffene hochgerechnet bzw. auf 80-100 Betroffene pro 100.000 Einwohner geschätzt. Die Krankheit ist bei Frauen häufiger als bei Männern (1,9-3,1:1). Sie beginnt in vielen Fällen am Ende des zweiten Lebensjahrzehnts oder zu Beginn des dritten Lebensabschnitts, kann aber auch noch später, also jenseits des 50. Lebensjahres einsetzen. Auch Kinder können bereits vor dem 10. Lebensjahr an einer MS erkranken.
Die MS ist in Europa relativ häufig (die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems im frühen Erwachsenenalter), kommt dafür südlich des Äquators und in Asien relativ selten vor.
Symptome
Spastik
Unter Spastik verstehen wir eine Erhöhung der Muskelspannung, die bei einer Schädigung der Pyramidenbahnen auftritt. Die Pyramidenbahnen sind motorische Leitungen vom Gehirn zu dem Armen und Beinen mit ihren Muskeln. Häufig besteht gleichzeitig eine Schwäche der zugehörigen Muskeln.
Spastik beeinträchtigt die normale Bewegungsfreiheit der betroffenen Extremitäten, so dass das Gehen oder die Bewegung der Arme und Hände sehr erschwert werden. Eine ausgeprägte Spastik kann auch zu erheblichen Schmerzen führen. Gelegentlich besteht eine so genannte einschießende Spastik, auch wenn direkt zuvor der Arm oder das Bein noch recht locker waren. Diese Form der Spastik tritt häufig nachts auf und kann sehr schmerzhaft sein.
Durch dauerhafte Spastik kann es zu Muskel- und Sehnungsverkürzungen kommen, ebenso zu Gelenkveränderungen. Eine konsequente Therapie ist daher unbedingt erforderlich.
Therapie der Spastik
Wichtigste Behandlungsform ist die Krankengymnastik, zum Beispiel nach Bobath (Abb. 1). Diese sollte regelmäßig und über längere Zeit durchgeführt werden.
Auch die Laufbandtherapie mit Körpergewichtsentlastung (Abb. 2) kann nicht nur zu einer Verbesserung der Gehfähigkeit, sondern auch Linderung der Spastik beitragen.
Reicht die Krankengymnastik allein nicht aus, kommen Medikamente zum Einsatz, insbesondere
• Baclofen (Lioresal u.a.), langsame (!) Steigerung der Dosis, bis maximal 120 mg pro Tag
• Tizanidin (Sirdalud u.a.), Vorsicht vor einer Senkung des Bludrucks !
• ggf. auch Gabapentin (Neurontin)
• Dantrolen (Dantamacrin u.a.)
Benzodiazepine (Tetrazepam u.a.) sollten aufgrund der Gefahr einer Abhängigkeit vermieden werden.
Bei unzureichendem Effekt der vorgenannten Möglichkeiten kann ggf. auch eine lokale Behandlung mit Botulinum-Toxin erfolgen, möglichst aber nur dann, wenn die Spastik sich auf wenig umschriebene Muskeln bezieht (Botox, Dysport, Neurobloc, u.a.). Insbesondere bei einer sehr ausgeprägten Paraspastik (Spastik der Beine) kann ggf. eine Baclofen-Pumpe implantiert werden, bei der Baclofen (s.o.) über ein Reservoir unter der Bauchdecke und einen dünnen Katheter direkt an das Rückenmark gebracht wird.
Von großer Bedeutung ist auch die Behandlung spastik-auslösender Ursachen, zum Beispiel ein akuter Infekt.
Müdigkeit (englisch: “Fatigue”)
Bei diesem Symptom handelt es sich um ein oft nicht zu beherrschendes Gefühl der Abgeschlagenheit, Erschöpfung und Energielosigkeit, welches vor Erkrankungsbeginn nicht vorhanden war. Es tritt bereits nach geringen Anstrengungen auf, auch wenn man zuvor ausreichende Gelegenheit zur Ruhe und Erholung hatte.
Es leiden außerordentlich viele MS-Betroffene unter diesem Symptom (welches erst seit kurzer Zeit der MS zugeordnet wird). Die Müdigkeit kann die Aktivitäten des täglichen Lebens, die Versorgung von Familie und Haushalt, die Ausübung des Berufs sowie auch andere soziale Aktivitäten manchmal erheblich einschränken.
Es wird durch Hitze oft verstärkt, ebenso durch längere Inaktivität, Stress oder eine depressive Stimmung. Eine Besserung tritt oft bei kühlern Temperaturen oder in Situationen, die als positiv erlebt werden, auf.
Therapie des Müdigkeitssyndroms
Die Behandlung ist nicht immer einfach. Zunächst sollte man versuchen, sich möglichst regelmäßig körperlich zu betätigen, um eine gewisse körperliche Fitness zu erreichen, soweit dies die Erkrankung erlaubt. Regelmäßige Bewegung, Krankengymnastik, eine Feldenkrais-Therapie aber auch entspannende Übungen sind sicher sinnvoll.
Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kann eine medikamentöse Therapie versucht werden, zunächst am besten mit dem schon lange bekannten Amantadin. Falls auch hierdurch keine Besserung zu erzielen ist, kommen als weitere Möglichkeiten eventuell Modafinil (Vigil) oder auch 4-Aminopyridin in Betracht.
Schmerzen
Die Annahme, die Multiple Sklerose sei eine schmerzlose Erkrankung, hat heute keine Berechtigung mehr. Vielmehr sind Schmerzen ein recht häufiges Symptom bei MS.
Schmerzen können in sehr unterschiedlicher Art auftreten und haben auch sehr verschiedene Ursachen. Es ist daher vor jeder Behandlung dieser Schmerzen erforderlich, genau festzustellen, welcher Art sie sind.
Schmerzen treten auf:
• bei entzündlichen Herden im Gehirn und Rückenmark, zum Beispiel im Sinne einer Trigeminus-Neuralgie, bei den so genannten tonischen Hirnstammanfällen, bei Sehnerven-Entzündungen etc.
• als Folge schon bestehender Symptome der MS, zum Beispiel einer Blasenentzündung, bei Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule oder von Gelenken aufgrund eines veränderten Gangbildes, aufgrund einer Osteoporose (durch zu lange Bewegungseinschränkung oder nach langjährigem Kortisongebrauch) etc.
• als Folge nicht ausreichend gut angepasster Hilfsmittel (Rollstuhl, Gehstock, Schienen, etc.)
Therapie der Schmerzen bei Multipler Sklerose
Da die Gründe für die Schmerzen sehr unterschiedlich sind, ist auch die Therapie nicht einheitlich. Ein “normales” Schmerzmittel wie zum Beispiel Aspirin, hilft nicht in allen Fällen und ist auch nicht in allen Fällen sinnvoll.
Bei einer Sehnerven-Entzündung wird am ehesten die hochdosierte Kortison- Infusionsbehandlung (Behandlung des Schubes) helfen. Bei der Trigeminus-Neuralgie sind Medikamente wie Carbamazepin (Tegretal, Timonil und andere) oder Gabapentin (Neurontin) Mittel der Wahl. Bei wirbelsäulen- oder gelenkbedingten Schmerzen helfen oftmals eine intensive Krankengymnastik sowie die so genannten nicht-steroidalen Antirheumatika. Bei nicht ausreichend angepassten Hilfsmitteln ist natürlich eine Veränderung des Rollstuhls, des Gehstockes oder von Schienen erforderlich.
Blasenentleerungsstörungen
Im Verlauf einer Multiplen Sklerose kommt es häufig zu Störungen der Blasenentleerung, am ehesten zu der so genannten Dranginkontinenz. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die oder der Betroffene ganz plötzlich auf die Toilette gehen muss und dann häufig nur eine kleine Urinmenge entleeren kann. Dieser Vorgang kann sich häufig sowohl tagsüber wie auch nachts wiederholen. Oft besteht dabei gleichzeitig eine Inkontinenz, das heißt die Blase entleert sich, ohne dass eine sichere Kontrolle durch den Patienten möglich ist.
Eine andere Form der Blasensentleerungsstörung geht mit einer verzögerten oder unvollständigen Entleerung einher. Der Harnfluss ist unterbrochen und es kann auch zu Harnverhalt und damit einer Überdehnung der Blase kommen.
Diese Störungen können die Entstehung einer Harnwegsentzündung fördern und umgekehrt kann eine solche Entzündung die bestehenden Symptome noch verstärken.
Therapie der Blasenentleerungsstörungen
Treten Blasenentleerungsstörungen auf, ist die Untersuchung bei einem Urologen erforderlich. Vor großer Bedeutung ist eine ausreichende tägliche Trinkmenge und deren möglichst gleichmäßige Verteilung über den Tag. Für den Urologen ist es hilfreich, wenn die Patienten einige Tage lang ein Tagebuch führen, in dem sie die Häufigkeit und Zeitpunkte der Toilettengänge, die Urinmenge (geschätzt), die jeweilige Trinkmenge und ggf. besondere Symptome notieren.
Gegen häufige Blaseninfektionen hilft das Ansäuern des Urins, welches sowohl medikamentös als auch durch Trinken von Grapefruit-Saft oder anderen sauren Säften erfolgt.
Ansonsten gibt es mehrere medikamentöse Möglichkeiten, außerdem Hilfsmittel oder auch das eigenhändige Einführen eines Einmal-Urinkatheters in die Blase, um Blasenentleerungs-störungen zu behandeln. Diese Möglichkeiten können hier nicht sämtlich aufgezählt werden. Sie hängen von der Art der Entleerungsstörung ab.
Ataxie und Tremor
Die Ataxie betrifft Störungen der Feinmotorik, die sich in ausfahrenden, oft unkontrollierten bzw. unkontrollierbaren Bewegungen bemerkbar machen. Am häufigsten sind die Arme und Hände betroffen, seltener die Beine. Der Rumpf selbst kann ebenfalls in diese motorischen Störungen einbezogen sein, so dass die Betroffenen nicht sicher sitzen, stehen oder gehen können, ohne sich überall anlehnen zu müssen. Auch das Anziehen, Waschen, die Einnahme von Mahlzeiten, das Schreiben und andere feinmotorische Tätigkeiten sind oft erheblich erschwert und bisweilen ganz unmöglich.
Mit einer solchen Ataxie ist oft auch ein Tremor vergesellschaftet. Dies ist eine ständige, zumeist gleichförmige, ungewollte Bewegung des Kopfes, der Arme oder des Rumpfes, seltener auch der Beine. Im Extremfall kann der Kopf nicht still gehalten werden, so dass z.B. das Lesen oder Fernsehen erheblich beeinträchtigt wird.
Beide Symptome zeigen viele verschiedene Spielarten, entwickeln sich oft erst im späteren Verlauf einer MS und können dann aber zu erheblichen Problemen bei der Selbstversorgung der Betroffenen führen.
Therapie von Ataxie und Tremor
Die Behandlung dieser beiden Symptome ist schwierig. Bislang gibt es keine einheitliche Therapie-Empfehlung. Bei einigen Betroffenen nützt jedoch die Anwendung von Kälte. Möchte jemand eine Mahlzeit zu sich nehmen und ist hierzu aufgrund von Ataxie und Tremor nicht allein in der Lage, kann das Eintauchen des Armes (den man zum Essen benötigt) in ein Eiswasserbad für ca. 1 Minute gelegentlich die Feinmotorik für eine begrenzte, aber ausreichende Zeit verbessern (Abb. 3). Auch Cold Packs, die allerdings in ein Handtuch gerollt werden müssen, können diesen Effekt haben.
Medikamentös können versuchsweise Betablocker eingesetzt werden, die aber aufgrund möglicher unerwünschter Wirkungen (z.B. niedriger Blutdruck, Müdigkeit usw.) oft nicht so hoch dosiert werden können, wie es eigentlich erforderlich wäre. Auch andere Medikamente haben in der erforderlichen hohen Dosierung zumeist mehr Nebenwirkungen als Nutzen. Die Krankengymnastik und Ergotherapie können ebenfalls nur begrenzte Linderung bringen. Operative Methoden sind zwar entwickelt worden, es bestehen aber bislang nur sehr wenige Erfahrungen hiermit.
Störungen von Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Orientierung, Aufmerksamkeit
Auch diese Symptome sind bei der MS nicht selten und kommen vor allem nach längerem Krankheitsverlauf vor. Sie entwickeln sich zumeist schleichend, so dass sie bei Beginn nicht weiter auffallen. Erst im weiteren Verlauf treten sie dann unangenehm in Erscheinung.
Therapie von Störungen von Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Orientierung, Aufmerksamkeit
Auch bei diesen Symptomen ist die Therapie nicht einfach. Ganz wichtig ist zunächst, die Störung überhaupt zu erkennen. dann können Übungen zur Verbesserung von Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit helfen (“Gehirnjogging”). Anleitungen hierzu sind in jeder besseren Buchhandlung zu finden. Mit solchen Übungen kann auch die Aufmerksamkeit wieder verbessert werden.
Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kann der Neurologe aufgrund genauer Tests auch Übungen mit speziellen Computerprogrammen vornehmen. Einige Betroffene können dann zu Hause weiter üben. Auch mit Hilfe neuer Medikamente lässt sich in einigen Fällen eine gewisse Besserung erzielen.
Sexuelle Störungen
Diese sind bei männlichen und weiblichen MS-Betroffenen nicht selten. Männer sind dabei häufiger betroffen als Frauen. Sie sind besonders häufig bei gleichzeitigen Störungen der Blasenfunktion. Gründe für sexuelle Störungen sind entzündliche Herde in den Arealen des Gehirns und Rückenmarks, die direkt für die Steuerung sexueller Funktionen erforderlich sind, außerdem andere MS-bedingte Symptome wie Störungen der Blasen- oder der Darmfunktion sowie die Spastik, ebenso aber auch psychische und soziale Faktoren.
Beim Mann handelt es sich zumeist um eine so genannte erektile Dysfunktion, d.h. es ist ihm keine ausreichende Erektion des Penis mehr möglich. Weibliche Betroffene klagen am häufigsten über eine herabgesetzte Empfindlichkeit im Genitalbereich und den Schenkeln sowie schmerzhafte Missempfindungen beim Geschlechtsverkehr.
Therapie der sexuellen Störungen
Ein wesentlicher Schritt ist, dass sich die Betroffenen die Symptome überhaupt eingestehen und ihrem Neurologen oder auch Urologen berichten. Erst dann kann eine gezielte Ursachenforschung erfolgen. Die erforderlichen Untersuchungen betreffen eine ausführliche neurologische, eine urologische, eine gynäkologische sowie eine psychologische Untersuchung.
Die Behandlung richtet sich dann nach den Befunden dieser Untersuchungen. Oft kann bereits allein eine psychotherapeutische Unterstützung helfen. In anderen Fällen sind stimulierende Geräte, eine medikamentöse Therapie oder auch eine Kombination hiervon erforderlich. Für all diese Behandlungsverfahren gibt es mittlerweile eine größere Anzahl von Möglichkeiten, die bei Bedarf auch kombiniert angewandt werden können.
Untersuchungsmethoden
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung wird vom Neurologen durchgeführt und beinhaltet die Prüfung der
• Hirnnervenfunktionen (z.B. Sehnerv, Augenbeweglichkeit, Gesichtsnerven, Geschmack, usw.)
• der Motorik: Muskelkraft, Muskelumfang, Beweglichkeit, Muskeltonus (-spannung), abnorme Bewegungen
• der Reflexe an Armen und Beinen sowie des sogenannten „Babinski-Zeichens“
• der Sensibilität, d.h. der Berührungs-, Schmerz-, Temperatur- und Vibrationsempfindung sowie weiterer sensibler Funktionen
• der Koordination: Feinmotorik der Arme und Beine, Zielgenauigkeit von Bewegungen, Halten des Gleichgewichts usw.
• der vegetativen Funktionen: Blasen- und Darmentleerung, Schweißneigung, sexuelle Störungen usw.
• der kognitiven Funktionen: Aufmerksamkeit, Konzentration, Orientierung, Gedächtnis, usw.
• der „Hirnwerkzeugstörungen“: Fähigkeit zu sprechen, zu lesen, zu rechnen, zu erkennen, zu sehen, etc.
Diese Tests können direkt in der Praxis des Neurologen ohne apparativen Aufwand durchgeführt werden. Darüber hinaus sind jedoch weitere Untersuchungen erforderlich, um die Diagnose einer Multiplen Sklerose eindeutig stellen zu können.
Kernspintomographie
Mit Hilfe der Kernspintomographie (MRT = Magnetresonanztomographie) können vor allem entzündliche Herde im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden (Abb. 4). Nach Gabe eines Kontrastmittels ist es auch möglich, relativ sicher zwischen einem frisch entzündlichen und einem bereits älteren Herd zu entscheiden. Auch kann mit Hilfe der MRT eine Hirnatrophie sichtbar gemacht werden.
Die MRT ist heute – neben der neurologischen Untersuchung – das wichtigste diagnostische Mittel. Sie spielt insbesondere bei den neuen Kriterien von McDonald und Mitarbeitern zur Sicherung der Diagnose eine entscheidende Rolle.
Die Untersuchung ist schmerzlos und ungefährlich. So wird sie z.B. nicht mit Röntgenstrahlen durchgeführt, vielmehr mit einem Magnetfeld. Dies ist auch der Grund dafür, dass Patienten, die metallische Geräte (z.B. Herzschrittmacher) im Körper tragen, dieser Untersuchung nicht unterzogen werden dürfen. Die MRT dauert zumeist nicht länger als 20 bis 30 Minuten. Sie ist aufgrund der technischen Vorgänge relativ laut, so dass ein Hörschutz angeboten wird. Bei einigen Geräten ist die Untersuchungsröhre selbst recht eng, so dass gelegentlich ein Beklemmungsgefühl auftreten kann.
Liquoruntersuchung
Hier handelt es sich um die Entnahme von Nervenwasser über eine dünne Kanüle, die zwischen 2 Lendenwirbeln eingeführt wird. Aufgrund der heute üblichen Punktionsnadeln ist das Risiko dieser Untersuchung außerordentlich gering. Die Liquoruntersuchung ( = Lumbalpunktion) ist heute ein Routine-Eingriff, der in jeder neurologischen Klinik und auch in vielen Praxen ohne Schwierigkeiten durchgeführt wird.
Mit Hilfe der Untersuchungsergebnisse kann die Verdachtsdiagnose einer MS weiter gesichert werden.
Evozierte Potentiale
Mit Hilfe der evozierten Potentiale kann der Neurologe bestimmte Nervenleitungen messen und beurteilen, ob diese – z.B. im Rahmen einer Entmarkung – verlangsamt erfolgen.
Die visuell evozierten Potentiale messen die Leitgeschwindigkeit im Sehnerven bis zur Sehrinde, die akustisch evozierten Potentiale diejenigen im Hörnerven bis zur Hörrinde, die somatosensorisch evozierten Potentiale diejenigen der sensiblen Bahnen vom Handgelenk oder vom Unterschenkel jeweils bis zu den entsprechenden Gebieten in der Hirnrinde. Mit den motorisch evozierten Potentialen (oder Magnetstimulation) kann die Funktionsfähigkeit des motorischen Systems beurteilt werden.
Die Untersuchungen sind sämtlich nicht langwierig und ebenfalls nicht gefährlich. Auch sie gehören zu den Routine-Untersuchungen in der Neurologie.
Ausschluss von MS-ähnlichen Erkrankungen
Es gibt zahlreiche Erkrankungen, die der MS hinsichtlich Verlauf, klinischen Symptomen, Befunden in der Kernspintomographie oder der Liquoruntersuchung ähnlich sind. Hierzu gehören vor allem die Neuroborreliose, die Neurosyphilis, die Neurosarkoidose sowie die sog. systematischen Kollagenosen und Vaskulitiden mit Beteiligung des Zentralen Nervensystems. All diese Erkrankungen sind im Vergleich mit der MS sehr selten, müssen aber zumeist anders als eine MS behandelt werden. Die entsprechende Diagnostik ist daher sehr wichtig.
Die Diagnose dieser Erkrankungen kann – neben neurologischer Untersuchung, Kernspintomographie und Lumbalpunktion – praktisch immer mit einigen wenigen zusätzlichen Blutuntersuchungen gestellt werden.
Behandlungsmöglichkeiten
Aufgrund der immunologischen Vorgänge bei der MS ist zu deren Behandlung eine Beeinflussung des Immunsystems erforderlich. Dies geschieht durch eine generelle Unterdrückung (Immunsuppression) des Immunsystems oder eine Veränderung bestimmter immunologischer Vorgänge (Immunmodulation).
Die immunologischen Vorgänge führen zu Entzündungsherden in Hirn und Rückenmark und lösen damit neurologische Symptome aus. Auch diese Symptome müssen behandelt werden (siehe Abschnitt „Symptome“). Dies geschieht heute – je nach Symptom – vorwiegend mit Medikamenten und Maßnahmen der Rehabilitation, z.B. Physiotherapie (Krankengymnastik), Ergotherapie, Neuropsychologie, Sprach- oder Sprechtherapie usw. Gelegentlich bedürfen auch die seelischen Folgen der MS einer Behandlung (psychologische Behandlung).
Von großer Bedeutung sind ebenfalls Symptome wie dauernde Anspannung, Überforderung, Gefühl, der Krankheit ausgeliefert zu sein usw. Hier können z.B. entspannende Verfahren das Wohlbefinden verbessern, was wiederum zu einer Verringerung von Krankheitsaktivität und Symptomen beitragen kann.
Nicht zuletzt sollte auf eine gesunde Lebensführung geachtet werden, die neben einer ausgewogenen Ernährung möglichst den Verzicht auf Nikotin und (weitgehend) auch Alkohol einbezieht.
All diese Maßnahmen zusammen tragen zu einer wirkungsvollen Behandlung der MS bei.
Legenden der Abbildungen
Abb.1: Krankengymnastik nach Bobath
Abb.2: Laufbandtraining mit Körpergewichtsentlastung
Abb.3: Kühlung eines Armes bei Ataxie
Abb.4: MRT seitlich bei Multipler Sklerose
Autor:
Prof. Dr. med. Thomas Henze, Ärztlicher Direktor
Reha-Zentrum Nittenau, Eichendorffstr. 21, D-93149 Nittenau
Tel. 09436-950800, E-Mail: t.henze@rz-ni.de
Curado Newsletter
aktuell . fundiert . patientengerecht
Sachverwandte Themen
- Entstehung (22 sachverwandte Artikel),
- Symptome (14 sachverwandte Artikel),
- Therapie (151 sachverwandte Artikel),
- Behandlung (28 sachverwandte Artikel),
- Informationen (28 sachverwandte Artikel),
- Erläuterung (1 sachverwandte Artikel),
- Multiple Sklerose (286 sachverwandte Artikel),
- Gehirn (43 sachverwandte Artikel),
- Rückenmark (14 sachverwandte Artikel),
- Markscheiden (2 sachverwandte Artikel),
- Myelin (23 sachverwandte Artikel),
- Autoimmunerkrankung (6 sachverwandte Artikel),
- Axone (3 sachverwandte Artikel),
- immunmodulatorisch (4 sachverwandte Artikel),
- Schub (2 sachverwandte Artikel),
- immunsuppressiv (2 sachverwandte Artikel),
- Häufigkeit (1 sachverwandte Artikel),
- Nervensystem (17 sachverwandte Artikel),
- Spastik (2 sachverwandte Artikel),
- Krankengymnastik (1 sachverwandte Artikel),
- Botulinum-Toxin (1 sachverwandte Artikel),
- Katheter (4 sachverwandte Artikel),
- Fatigue (3 sachverwandte Artikel),
- Kortison (4 sachverwandte Artikel),
- Interferone (10 sachverwandte Artikel),
- Hilfsmittel (5 sachverwandte Artikel),
- Inkontinenz (10 sachverwandte Artikel),
- Ataxie (2 sachverwandte Artikel),
- Tremor (2 sachverwandte Artikel),
- Gedächtnis (6 sachverwandte Artikel),
- Koordination (1 sachverwandte Artikel),
- Kernspintomografie (3 sachverwandte Artikel),
- Magnetresonanztomografie (3 sachverwandte Artikel),
- Liquor (2 sachverwandte Artikel),
- Nervenwasser (1 sachverwandte Artikel),
- Alkohol (2 sachverwandte Artikel),
- Themenübersicht
Weitere Artikel
- 15.02.10: Hoffnung auf „maßgeschneiderte“ MS- ...
- 23.01.10: Tabletten vereinfachen Therapie von Multipler ...
- 13.12.09: Cannabis bessert Muskelkrämpfe bei Multipler ...
- 01.12.09: Blutdruckmittel im Test gegen MS
- 18.10.09: Multiple Sklerose: T-Zellen als Serienkiller
- 08.09.09: Bonner Forscher finden viel versprechenden ...
- 18.08.09: Herz-Kreislauf-Arzneien womöglich wirksam bei ...
- 02.08.09: Nanomedizin als Chance in der modernen Medizin
- 15.07.09: Immuntherapien gegen Multiple Sklerose
- 05.07.09: Körpereigenes Kontrollsystem für Wanderung ...
- 28.06.09: Neuer Ansatz zur Therapie der Multiplen ...
- 20.06.09: Sie sind jung und brauchen den Job: Eine ...
- 13.06.09: Multiple Sklerose Forschung: Möglicher ...
- 24.05.09: Neues Zielmolekül für Entwicklung einer ...
- 24.05.09: Dysphagie bei MS diagnostizieren und ...
- 24.05.09: Neuer Therapieansatz: Antikörper-Wirkung bei ...
- 24.05.09: Möglicher Therapieansatz: Mit manipulierten ...
- 24.05.09: Studie: Stammzelltransplantation als Therapie ...
- 24.05.09: Multiple Sklerose ursächlich behandeln
- 24.05.09: Möglicher Ansatz für Therapeutika: Myelin- ...
- 24.05.09: Bei Schmerztherapie richtig beraten
- 24.05.09: Multiple Sklerose und Sport passen gut ...
- 20.02.09: Stammzellentransplantation bei schubförmiger ...
- 06.02.09: Stammzell-Transplantation soll frühe Multiple ...
- 27.01.09: Physio- und Ergotherapie: Basis der ...
- 23.01.09: Zellmanipulation gegen Multiple Sklerose
- 08.01.09: Cannabis bei MS nicht unsachgemäß einsetzen
- 07.01.09: Gerinnungsproteine stellen möglichen neuen ...
- 07.01.09: Neues orales MS-Medikament in Studie Erfolg ...
- 07.01.09: Leukämie-Medikament gibt MS-Betroffenen ...
- 30.10.08: Schuppenflechte-Medikament hilft gegen ...
- 17.09.08: Experteninterview mit Prof. Dr. Henze
- 20.05.08: Wirkweise von Interferonen bei Multiple ...
- 05.05.08: Auf dem Weg zu wirksameren und risikoärmeren ...
- 23.04.08: Neuer Ansatz für die Behandlung der Multiplen ...
- 22.04.08: Wirkungsweise von Interferonen bei Multiple ...
- 04.04.08: Grüner Tee gegen Multiple Sklerose
- 04.04.08: Experteninterview mit Prof. Dr. Moser
- 04.04.08: G-BA verbessert Versorgung von Patienten mit ...
- 02.04.08: MS therapieren: Unterstützen Antibiotika die ...
- 05.03.08: "Blutwäsche" bei Multipler Sklerose
- 15.01.08: Experteninterview mit Prof. Dr. med. J. Jörg
- 04.01.08: Experteninterview mit Prof. Dr. med. M. Bähr
- 18.12.07: Signalblockade gegen MS: Neuer Ansatzpunkt fü ...
- 13.12.07: Ausreichende Schmerzlinderung bei jeder ...
- 13.12.07: Universitätsmedizin Göttingen startet Aufbau ...
- 08.08.07: Schwangerschaftshormon soll MS-Schäden rückg ...
- 08.08.07: Cannabis gegen neuropathische Schmerzen und ...
- 03.08.07: Neu entdeckte Immunzellen: Hoffnung auf ...
- 03.08.07: Signalblockade gegen Multiple Sklerose
- 03.08.07: Studiendaten zeigen: Weniger Schübe durch ...
- 01.08.07: Viele MS-Patienten brauchen mehr als nur ...
- 26.07.07: Rehabilitation: Das sollten Patienten wissen
- 01.06.07: Im Zweifel nachfragen - Nur korrekt ...
- 11.05.07: Musiktherapie nimmt MS-Patienten Angst und ...
- 07.05.07: Viele MS Patienten brauchen mehr als nur ...
- 31.03.07: Variable Vibrationsreize verbessern ...
- 29.03.07: Neuroprotektive Therapieansätze zur ...
- 29.03.07: SOJAEXTRAKT:VERBESSERTE BEWEGUNGSFÄHIGKEIT IM ...
- 29.03.07: Immunglobuline: Helfer im Kampf gegen ...
- 29.03.07: Vitamin B3 zum Schutz der Nerven bei Multipler ...
- 29.03.07: Hippotherapie: Ein Pferd als „Therapeut “
- 29.03.07: Hippotherapie
- 10.03.07: Interferontherapie für MS-bedingte ...
- 02.02.07: Kein Zusammenhang zwischen MS und ...
- 17.08.06: Schmerz: Erscheinungsformen und Behandlungsmö ...
- 17.08.06: Schmerzbehandlung mit Cannabinoiden
- 04.07.06: Die Entwicklung neuroprotektiver Therapien bei ...
- 04.07.06: Regulatorische T-Zellen als Ansatzpunkt für ...
- 04.07.06: Auf der Suche nach Stammzell-Therapien für ...
- 04.07.06: Compliance – Eigenverantwortung in der MS- ...
- 03.07.06: Das Bochumer Gesundheitstraining (BGT) Ein ...
- 03.07.06: Können pathologische Muster bei der ...
- 03.07.06: „Polizisten der Immunabwehr“ beeinflussen ...
- 03.07.06: Immunmodulatorische Therapien der MS in der Fr ...
- 03.07.06: Blutwäsche (Plasmapherese) bei akuten MS-Sch ...
- 03.07.06: Physiotherapeutische Behandlung bei Multipler ...
- 03.07.06: Sozialmedizinische Aspekte bei der Behandlung ...
- 02.07.06: Monoklonale Antikörper: MS-Therapie der ...
- 29.06.06: Kunsttherapie/ Gestaltungstherapie
- 22.06.06: Keine Besserung der MS durch Bienenstich- ...
- 19.06.06: Hochleistungs-Protein kurbelt Myelin- ...
- 19.06.06: Frühe Interferon-Therapie verzögert klinisch ...




