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Was ist Multiple Sklerose?

17.05.06.

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des Zentralnervensystems, bei der autoimmune Prozesse eine Rolle spielen und die in jungen Jahren (mit 20–40 Jahren), manchmal aber sogar wesentlich früher beginnt. Durch die hochspezialisierten modernen Untersuchungsverfahren kann die Diagnostik oft bereits nach einem Schub und MR-tomografisch nachgewiesener Progression nach ein bis drei Monaten gestellt werden. Durch den frühen Einsatz moderner Medikamente ist der Verlauf der Erkrankung heute meist weniger dramatisch als früher, aber trotzdem bleibt es eine unheilbare Erkrankung, die das Leben des Betroffenen nachhaltig beeinflusst.

Was ist MS?

Die MS ist eine Erkrankung, die das Gehirn und das Rückenmark (Zentrales Nervensystem = ZNS) befällt. Die Nerven des Gehirns und des Rückenmarks sind wie Kabel einer elektrischen Leitung isoliert. Diese Isolierschicht nennt man Myelin. Ohne diese Myelinschicht können Nervensignale nicht richtig fließen. Bei der MS werden die Myelinschichten zerstört. Dieser Vorgang kann an ganz unterschiedlichen Orten im ZNS geschehen, es entstehen vielfach (multiple) entzündliche Herde. Die zerstörten Isolierschichten können nicht immer vollständig repariert werden, es entstehen Narben aus festem, hartem Bindegewebe (skleros = hart). Abhängig von der Stärke der Entzündung können aber auch die Nervenfortsätze selbst zerstört werden, was zu bleibenden Schäden führt.

Mögliche Ursachen der MS

Als Ursache der MS scheint eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen Myelin und möglicherweise auch gegen nichtmyeline Antigene vorzuliegen. Eine Rolle spielen das myelinbasische Protein (MBP), das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) und andere. Früher hielt man die MS für eine rein demyelinisierende Erkrankung, d. h. eine Erkrankung der Markscheiden um die Nerven. Heute wissen wir, dass es sogar bereits im frühen Krankheitsverlauf zum axonalen (Axon = Neurit, Nervenfortsatz) Schaden kommen kann, der letztlich für das Ausmaß der bleibenden Behinderung und neurologischen Defizite verantwortlich ist.

Es gibt verschiedene Verlaufsformen der Multiplen Sklerose, die auch durch unterschiedliche immunologische Prozesse bedingt sind:

  1. die schubförmige Verlaufsform mit guter Remission,
  2. die schubförmige Verlaufsform mit sekundär chronischer Progression, d. h. mit zusätzlichem allmählichen Fortschreiten und
  3. die primär chronische Verlaufsform, bei der sich Symptome nicht mehr zurückbilden.
    Die anderen Verlaufsformen sind Zwischenformen.

Symptome der MS

Die Symptome der Multiplen Sklerose sind „multipel“, d. h. es können ganz unterschiedliche Bereiche betroffen sein und die Symptome können mehr oder weniger stark ausgeprägt sein, anhaltend oder aber sich zurückbildend. Wir kennen

  • Augensymptome, wie Entzündung des Sehnervs, Verschwommensehen, Doppelbilder, Augenzittern,
  • Symptome des Hirnstamms mit Gesichtsschmerz (sog. Trigeminusneuralgie), Gesichtslähmung, Schwindel, Brechreiz, verwaschener Sprache,
  • Kleinhirnsymptome, wie Zittern, Tremor, Koordinationsstörungen (z. B. betrunkener Gang, abgehackte Sprache), aber auch Symptome durch
  • Befall des Rückenmarks, wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Taubheits- und Schweregefühl, Lähmungen von Armen und Beinen (komplett oder inkomplett), Blasen- und Mastdarmstörungen sowie Störungen der Sexualfunktion,
  • Psychische Beeinträchtigungen. Darunter verstehen wir nicht nur die völlig natürlichen Reaktionen von Trauer und Verzweiflung auf die Erkrankung, sondern auch organisch bedingte Veränderungen im Sinne eines Chronic-Fatigue-Syndroms (d. h. rasche Ermüdbarkeit), aber auch Euphorie, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwäche.

Therapie der MS

Die therapeutischen Optionen für die MS sind in den letzten 15 Jahren ganz erheblich und entscheidend verbessert worden. Die neuen Therapien ermöglichen einem Patienten mit guter Compliance, der zuverlässig seine Medikamente einnimmt bzw. sich spritzt, dass das Gehvermögen nicht nur wesentlich länger erhalten bleibt, sondern der Rollstuhl unter Umständen ganz umgangen werden kann.

Dabei ist es nicht nur wichtig, dass innerhalb von zwei bis drei Tagen nach Beginn eines Schubs die hochdosierte Methylprednisolontherapie begonnen wird, bei schubförmigen Verlaufsformen muss darüber hinaus auch eine Intervall-Therapie durchgeführt werden. Sollten diese Therapien mit Interferonen oder Glatirameracetat versagen, kann eine frühzeitige Therapieeskalation mit Mitoxantron in Betracht gezogen werden.

Bei diesen grundlegenden Therapien gibt es leider noch keinen Indikator dafür, welche Therapie bei welchem Patienten am besten helfen wird. Es kann aber nicht jeder Patient mit beliebiger Intervall-Therapie behandelt werden, sodass hier immer eine individuelle Beratung durch einen erfahrenen Facharzt nötig ist.

Sind einmal bleibende Symptome in Form von Lähmungen, Bewegungseinschränkungen etc. aufgetreten, sind Krankengymnastik und physikalische Therapie angezeigt. Bei Störung der Feinmotorik der Hände kann z. B. eine Ergotherapie durchgeführt werden, bei Sprachstörungen eine logopädische Behandlung. Oft ist auch eine zusätzliche psychologische Behandlung anzuraten, wenn der Patient Probleme mit der Krankheitsbewältigung hat.

Was kann der Betroffene selbst tun?

  1. Der Patient muss auf frühe Behandlung eines neu aufgetretenen Schubs achten.
  2. Möglichkeiten einer Intervall-Therapie sollten mit dem behandelnden Arzt besprochen und ggf. wahrgenommen werden.
  3. Gesunde Ernährung.
  4. port kann dazu beitragen, dass vor allem bei Patienten mit funktionsbeeinträchtigenden Symptomen wie Lähmungen, Koordinationsstörungen und Gangunsicherheiten die motorischen und koordinativen Einschränkungen durch Übung gemildert werden. Sport hilft schwerstbehinderten und bettlägerigen Menschen, sich vor gefährlichen Sekundärkomplikationen zu schützen, z. B. vor Thrombosen oder Infektionen, Knochen- und Muskelschwund, Wundliegen und Verstopfung. Welche Art von Sport ausgeführt werden kann, muss wieder in ausführlicher Beratung mit dem behandelnden Arzt geklärt werden. Jedoch sollte der MS-Patient diszipliniert sein Koordinations- und Bewegungssystem schulen. Je nach Behinderungsgrad müssen Übungen individuell angepasst werden.

Chefärztin Dr. med. Gerlinde Schock, Vorsitzende des Ärztlichen Beirats der DMSG, Landesverband Thüringen e. V.

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