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Therapie und Forschung, Klinik und Information

Experteninterview mit Prof. Dr. Karl Wessel und Dr. Carsten Moschner

Im Interview erläutern Prof. Dr. Karl Wessel, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Befund MS, und Oberarzt Dr. Carsten Moschner welche Punkte für sie als Ärzte im Umgang mit MS sowie in Therapie und Forschung bedeutsam sind.

  • Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

Prof. Wessel:
Die Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung und wir versorgen in unserer Klinik mehrere hundert Patienten mit dieser Diagnose. Wir tun dieses als Team innerhalb der Klinik, wo neben Ärzten auch Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, medizinisch-technische Assistenten und andere Mitarbeiter beteiligt sind. Wichtig ist, dass die Patienten Vertrauen in dieses Team entwickeln und das setzt eine gute Aufklärung über die Krankheit, die erforderlichen Untersuchungen und die Behandlungsmöglichkeiten voraus. Deswegen nehmen wir uns gerade bezüglich dieser Informationen genügend Zeit für die Patienten. Viele Patienten müssen über die Zeit immer wieder in unsere Klinik kommen und dann ist es wichtig, dass sie sich medizinisch kompetent und individuell gut behandelt fühlen.

  • Welchen Einfluss hat der Lebensstil auf den Krankheitsverlauf? Was sollte eher vermieden werden, was kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen?

Dr. Moschner:
Die allgemeinen Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil – ausgewogene Ernährung, ausreichende körperliche Bewegung, regelmäßiger Schlaf etc. – gelten genauso für MS-Patienten. Die meisten unserer Patienten wollen ihre gewohnten Aktivitäten in Beruf, Familie und Freizeit, soweit es möglich ist, weiterführen und wir bestärken sie darin. Wenn bestimmte Dinge aufgrund von Erschöpfung oder körperlichen Behinderungen nicht mehr möglich sind, beraten wir sie individuell, welche Alternativen, z. B. im Sportbereich, infrage kämen. Einschränkungen machen wir bezüglich der Lebensweise eher nicht, vielleicht mit der Ausnahme, dass manche Patienten auf große Wärme, wie in der Sauna oder beim Sonnenbad, mit einer Zunahme von Schwäche oder Reizerscheinungen reagieren. Dann sollte diese Wärme vermieden werden.

  • Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer bzw. Vorurteile im Wissen um die Erkrankung?

Prof. Wessel:
Die Diagnose MS löst bei den meisten Menschen große Ängste aus, die oft sehr überzogen sind. Natürlich kann die Krankheit auch heute noch sehr schwer verlaufen, aber andererseits können aber viele Patienten weiter auch langfristig ein selbstständiges und relativ beschwerdefreies Leben führen. Auch stimmt das Vorurteil nicht, dass es keine effektive Behandlung gibt.

  • Was sind die Grundpfeiler der MS-Therapie?

Prof. Wessel:
Da ist einmal die Immuntherapie, die darauf abzielt, mit Medikamenten die der MS zugrunde liegenden autoimmunologischen Prozesse im Zentralen Nervensystem zu hemmen bzw. zu modulieren und damit das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Dann gibt es die symptomatischen Therapien, die einzelne Symptome wie z. B. Müdigkeit, Spastik oder Blasenfunktionsstörungen lindern. Dabei kommen neben Medikamenten auch Physiotherapie, Ergotherapie und andere nicht-medikamentöse Verfahren zum Einsatz. Letztlich sind natürlich auch Hilfen durch Angehörige, Freunde und, wenn nötig, professionelle Pflegekräfte Teil der Therapie.

  • Welches sind nach Ihrer Meinung die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der MS-Therapie und welche Erwartungen haben sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Dr. Moschner:
Absehbar wird es in den nächsten Jahren neue Immuntherapeutika geben, die bei gleicher oder besserer Wirkung als bisherige Medikamente weniger Nebenwirkungen haben und leichter anzuwenden sind, weil sie nicht gespritzt werden müssen, sondern in Tablettenform vorliegen werden. Noch im Stadium der Forschung sind Verfahren der Stammzelltherapie und Nervenregeneration, die es vielleicht langfristig erlauben, bisher dauerhaft geschädigte Nervenbahnen wieder zu reparieren. Aber hier ist noch sehr viel Forschung erforderlich, bevor diese Verfahren so ausgereift sind, dass sie in der Praxis angewandt werden können.

  • Welche Behandlungsstrategien empfehlen Sie für MS-Patienten, von welchen würden Sie eher abraten?

Dr. Moschner:
Bei der zunehmenden Zahl der in der MS-Therapie angewandten Medikamente und Verfahren ist es nicht möglich, diese Frage pauschal zu beantworten. Es erfordert ein zunehmendes Expertenwissen von darauf spezialisierten Neurologen in Praxis und Klinik, um für den einzelnen Patienten die optimale Therapie zu finden. Ein aktueller MS-Forschungsschwerpunkt ist es, mit neuen Untersuchungsverfahren die Therapien voraussagen zu können, die für den einzelnen Patienten bei guter Verträglichkeit das beste Behandlungsergebnis ermöglichen. Dabei kommen uns neue Erkenntnisse aus so unterschiedlichen Gebieten wie Molekularbiologie, Genetik und technischen Bildgebungsverfahren wie der Kernspintomografie zugute.

  • Welche Rolle spielen Patientenratgeber bei der Deckung des Informationsbedarfs der Betroffenen?

Prof. Wessel:
Seriöse Patientenratgeber sind sicher ein sehr gutes Mittel, um MS-Patienten und ihren Angehörigen Informationen zu ihrer Krankheit in einer verständlichen Form anzubieten. Allerdings kann natürlich kein Ratgeber das vertrauensvolle persönliche Gespräch zwischen dem Patienten und seinem Arzt ersetzen.

Aus dem “Ratgeber MS 2010”

22.08.10

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