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Schlaganfall-REHABILITATION: Wiederholung bringt Bewegung in die Nervenzellen

Nach dem Schlaganfall beginnt für die Betroffenen ein neues Leben. Viele Tätigkeiten und Abläufe, die vor dem einschneidenden Ereignis selbstverständlich waren, müssen aufs Neue erlernt werden. Basis dafür ist die ausdauernde Arbeit mit den Patienten, wie sie im Neurologischen Rehabilitationszentrum Leipzig geleistet wird. Gesundheit und mehr sprach mit Prof. Dr. Horst Hummelsheim, dem Direktor der Einrichtung.

In Ihrer Klinik werden Patienten mit unterschiedlichsten neurologischen Erkrankungen behandelt. Welche Rolle spielen Schlaganfallpatienten?

Prof. Hummelsheim: Die Schlaganfallpatienten sind in unserer Klinik die stärkste Gruppe, auch weil das generell die größte Patientengruppe in der Neurologie ist. Bei uns macht das rund 60 Prozent von insgesamt 210 Patienten aus. Die genaue Zahl hängt natürlich auch zum Beispiel davon ab, wie viele Patienten mit Schädel-Hirn-Traumata zu versorgen sind. Der Sommer bringt immer viele Motorradverletzte, dann kann es relativ zu den anderen Patientengruppen zahlenmäßige Verschiebungen geben. Was aber zu sagen ist: Die meisten Schlaganfall-Patienten, die in unser Rehabilitationszentrum kommen, sind schwer betroffen und nicht in der Lage, die Verrichtungen des täglichen Lebens selbstständig zu erledigen.

Der Schlaganfall ist passiert: Wann beginnt eine Reha?

So schnell wie möglich. In der Akutneurologie, beispielsweise in der Stroke Unit des Universitätsklinikums, geht es darum, das Ausmaß der Hirnschädigung so gering wie möglich zu halten und den medizinischen Zustand des Patienten zu stabilisieren, sodass er keine intensivmedizinische Betreuung mehr braucht. Sobald feststeht, wie groß die Hirnschädigung ist, kann Rehabilitation einsetzen. Wobei sich unsere Klinik den Rehabilitationsphasen B bis D widmet: B ist die Früh- und Intensivrehabilitation, C ist die postprimäre und Mobilisationsphase und D ist die Anschlussheilbehandlung. Die Reha bei uns kann durchaus schon drei Tage nach dem Schlaganfall beginnen, und die Patienten können auch schwerst betroffen sein. Wir sind in der Lage und ausgestattet, die lebenswichtigen Funktionen rund um die Uhr zu überwachen sowie Notfälle und Zwischenfälle zu behandeln. Nur wenn erneut eine chirurgische Maßnahme notwendig ist, würden wir die Patienten wieder in die Universitätsklinik zurückverlegen.

Steht am Beginn des Aufenthaltes in Ihrer Klinik nochmals eine Diagnostik?

Aus den Patientenunterlagen bekommen wir die nötigen Daten und Informationen über den Zustand des Patienten. Wir nehmen hier nur eine Reha-spezifische Diagnostik vor. Da geht es um das Erfassen von Funktionseinbußen und Funktionsressourcen. Wir prüfen die funktionellen Folgen für den Alltag des Patienten. Also: Kann er laufen? Kann er die Hände bewegen? Hat er eine Rumpfkontrolle? Es wird zudem geprüft, ob der Patient schlucken kann – was häufig bei schwer betroffenen Schlaganfallpatienten nicht der Fall ist. Andere Fragen sind: Wie steht es um die Sprachfähigkeit, um die intellektuellen Leistungen, um die Konzentrationsfähigkeit und um die räumliche Orientierung? Wichtig ist zudem zu prüfen, ob der Patient eine Depression hat. Denn viele Patienten rutschen schnell in eine depressive Verstimmtheit, weil sie sich hilflos und nutzlos fühlen.

Wie gehen Sie dann weiter vor?

Abhängig von den Beeinträchtigungen und den Funktionsreserven wird ein Reha-Plan erstellt. Denn die Patienten haben meist nicht nur eine Bewegungsstörung, sondern auch eine Störung in der höheren Hirnleistung oder in der Kommunikation. Deshalb kommen eigentlich in jedem Fall die unterschiedlichsten therapeutischen Berufsgruppen zum Einsatz, eine multiprofessionelle Behandlungsstrategie also. Bei schwer betroffenen Patienten muss genau überlegt werden, wie die Reha zu gliedern ist. Basisstörungen müssen zuerst angegangen werden. Wenn beispielsweise der Patient eine schwere Aufmerksamkeitsstörung hat, verdient diese die erste und größte therapeutische Anstrengung. Die gleichzeitig bestehende Bewegungs- oder Sprachstörung wird ebenfalls behandelt. Beide profitieren aber von der Besserung der Aufmerksamkeitsstörung.

Das heißt, ehe die eigentliche Reha beginnt, wird erst psychologisch therapiert?

Nein. Rehabilitation hat viele medizinische Aspekte. Und Psychologie und Physiologie sind – wie meist im Leben – auch hier nicht voneinander zu trennen. Wir müssen in den genannten Fällen zuerst ein Fundament schaffen, auf dem sich aufbauen lässt. Das heißt nicht, dass der Patient in dieser Phase nicht auch mit der Physiotherapie anfängt. Aber dabei geht es oft zuerst um die allgemeine Mobilisierung. Das Training selektiver und komplexer Bewegungen gelingt umso besser, je besser Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit sind. Wie ich schon sagte, sind viele unserer Schlaganfallpatienten erheblich beeinträchtigt. Nur ein kleinerer Teil hat einzelne Störungen, beispielsweise der Handbeweglichkeit oder beim Sprachverständnis. Mit diesen Patienten können wir von Anfang an ganz gezielt eine Funktion üben.

Was bringt dieses gezielte Üben von einzelnen Bewegungen? Muss der Patient sich nicht erst einmal erholen?

Sie können sicher sein, dass wir die Patienten nicht überfordern. Aber in der neurologischen Rehabilitation stehen aktivierende Maßnahmen im Mittelpunkt. Um es einfach zu sagen: Durch den Schlaganfall ist ein Teil des Gehirns ausgefallen. Es muss sich neu organisieren. Die gesunden Hirnbereiche können und müssen neue Aufgaben übernehmen. Unsere übenden Verfahren sind bestens dazu geeignet, diese Umstellungsprozesse im Hirn anzustoßen und in die richtige Richtung zu bringen. Wir beschäftigen uns ja auch wissenschaftlich mit der neuronalen Plastizität, also der Eigenschaft von Nervenzellen oder von ganzen Hirnregionen, sich in Abhängigkeit von der Benutzung zu verändern. Diese Eigenschaft ist ja die Chance und Voraussetzung, dass eine Hirnschädigung ausgeglichen werden kann: Durch wiederholtes Üben übernimmt ein anderer Bereich des Gehirns die Aufgaben der durch den Schlaganfall ausgefallenen Region. Unsere Rehabilitation ist also weit von dem entfernt, was man früher Kur genannt hat. Denn dadurch, dass jemand in ein Bad taucht, ändert sich in seinem Hirn überhaupt nichts.

Was wird also geübt mit den Patienten?

Das ist ganz unterschiedlich, je nach Schädigung. Aber nehmen wir ein Beispiel: Der Patient kann einen Schlüssel nicht drehen. Dann wird er diese Drehbewegung immer und immer wieder üben müssen. Und diese Wiederholung gleichförmiger Bewegungen führt zu neuronaler Plastizität, sprich: Hirnzentren organisieren sich neu, um dieses Drehen – das ist ja ein Komplex von verschiedensten Muskelaktivierungen in Fingern, Handgelenk und Unterarm – ausführen zu können. Die Gleichförmigkeit einer Bewegung bewirkt mehr als das abwechselnde Üben von Drehen, Greifen und Ziehen. Diese Erkenntnis, an der auch ich wissenschaftlich beteiligt war, wurde Mitte der 90er Jahre zu einem Grundprinzip der motorischen Rehabilitation. Inzwischen sind wir inhaltlich noch ein Stück weiter gegangen und haben Erkenntnisse der Sportmedizin übernommen. Dort ist ja seit langem klar: Wenn eine Leistung erhöht werden soll, muss der Sportler veranlasst werden, immer in der Nähe seiner individuellen Leistungsgrenze zu t r a i n i e r e n . Auch wir haben festgestellt, dass der Patient also diese eine Bewegung nicht nur ständig wiederholen muss, sondern parallel zu seiner Funktionsverbesserung auch zum Beispiel Geschwindigkeit und eingesetzte Kraft steigern soll. Dann lernt sein Gehirn schneller. Mit diesen Erkenntnissen aus der Sportmedizin und den Trainingswissenschaften fordern wir also unsere Patienten auf, sich beim Üben dem Maximum zu nähern. Das muss dem Patienten natürlich plausibel gemacht werden und selbstverständlich gibt es auch Übungspausen. Zudem achten wir darauf, dass der Patient sich nie überfordert fühlt, denn das wäre psychologisch fatal.

Quelle: Universitätsklinikum Leipzig

29.03.07

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