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Lebens(t)raum e. V.: eine besondere Gemeinschaft

Eigenständig bleiben trotz Behinderung und selbstbestimmt in einer selbst gewählten Gemeinschaft leben: Das sind zwei der Ziele des Wohnprojekts Lebens(t)raum e. V. Vermutlich elf Personen – einige davon mit MS – werden voraussichtlich 2013 zusammen ein Haus in der bayerischen Gemeinde Inning beziehen. Das ist schon etwas Besonderes, denn das Wohnprojekt Lebens(t)raum, bei dem Menschen mit neurologischen Erkrankungen und Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen gemeinsam unter einem Dach, jedoch in abgeschlossenen Wohnungen leben, ist eines der ersten seiner Art in Deutschland.

„Bei einem Klinikaufenthalt hatten wir die Vision, eine Art Wohngemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten zu gründen, in der sich die Bewohner den eigenen Fähigkeiten und Neigungen entsprechend gegenseitig unterstützen“, sagt Sonja Leukel, eine der Initiatorinnen von Lebens(t)raum. Damit der Traum Wirklichkeit wird, nahm sie, selbst an MS erkrankt, die Suche nach einem geeigneten Objekt in Angriff. Und das musste eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen: Es musste ausreichend Platz für eine gewisse Zahl barrierefreier Wohnungen bieten, es sollte in Bayern liegen, und zwar in einem Ort mit guter Anbindung an die nächste Stadt und damit u. a. auch an ärztliche Versorgung. Da einige Beteiligte im Rollstuhl sitzen, durfte die Region nicht zu bergig und das Gelände des Anwesens nicht zu abschüssig sein.

Unterstützung ist wichtig

Nachdem ein passendes Haus gefunden war, stellten sich weitere Fragen. Eine der vorrangigsten war und ist die der Finanzierung. Die Initiatoren des Projekts suchten gezielt nach Möglichkeiten der Förderung, denn es war klar, dass die Kosten weder von einem Einzelnen noch von der Gruppe insgesamt getragen werden können. Zudem soll das Projekt auch dann weiter bestehen, wenn jemand auszieht. Daher gründeten die „Lebens(t)räumer“ einen gemeinnützigen Verein, der die Trägerschaft für das Wohngebäude übernimmt. Außerdem fanden sie einen wichtigen Kooperationspartner in der Stiftung trias, die neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens fördert. Die Stiftung wird das Grundstück für das Wohnprojekt erwerben und dem Verein Lebens(t)raum per Erbpacht (99 Jahre) zur Verfügung stellen. Der Verein selbst ist für den Umbau der Gebäude zuständig. Schließlich hat im November 2011 auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Lebens(t)raum e. V. in sein Förderprogramm aufgenommen. Unterstützung erhält der Verein weiterhin von Anne Dellgrün, die Erfahrung bei der Gründung von Wohngruppen von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen hat.

Neben der Finanzierung tauchten im Laufe der Planungen noch weitere Probleme auf. So muss der Verein sein Wohnprojekt beispielsweise so organisieren, dass es nicht unter die Heimaufsicht fällt und die Initiatoren keine Heimvorschriften beachten müssen. Auch die Vorstellungen aller Teilnehmer vom Zusammenleben müssen unter einen Hut gebracht werden. Um sich gegenseitig über alle Fortschritte zu informieren und das weitere Vorgehen zu beraten, treffen sich die Projektteilnehmer einmal monatlich.

Jeder Bewohner ist ein wichtiger Teil der Gemeinschaft

„Wir sind im Moment sieben ‚Feste‘ und vier Interessierte“, sagt Sonja Leukel. „Wenn alle bis zum Einzug dabeibleiben, wäre unser Haupthaus damit voll. Zunächst ist die Fertigstellung von acht Wohnungen mit einer Größe von 30 bis ca. 66 m2 geplant, die der Verein an die einzelnen Parteien vermieten wird. Wir haben jedoch die Möglichkeit, später noch weitere Nebengebäude umzubauen. An einem Einzug Interessierte können sich nach einem vorherigen gegenseitigen Kennenlernen daher gerne auf die Warteliste setzen lassen.

Wer bei uns einziehen möchte, muss übrigens nicht MSler sein oder eine andere neurologische Erkrankung haben, aber er sollte unsere Vorstellungen vom Zusammenleben teilen. Natürlich muss auch die Chemie stimmen. Wir erwarten, dass sich jeder, der mit uns zusammenwohnt, in die Gemeinschaft einbringt. Jeder tut etwas für jeden, denn jeder kann etwas, was die anderen nicht können oder nur ungern machen. So sind manche von uns leidenschaftliche Köche, andere kaufen lieber ein, wiederum andere bügeln gerne. Ich als Heilpraktikerin lege z. B. Wert auf einen gesunden Lebensstil, insbesondere auch auf gesunde Ernährung. Dazu möchten wir unser eigenes gentechnikfreies Biogemüse anbauen. Die Samen dafür haben wir schon.

Zentraler Bestandteil unseres Wohnprojekts werden unsere Gemeinschaftsräume sein, in die wir auch unsere Trainingsgeräte stellen, die jeder Bewohner nutzen kann. Die Tätigkeit von Pflegediensten wollen wir nur in Anspruch nehmen, wenn es gar nicht anders geht. Allerdings können wir eventuell günstigere Verträge mit Pflegediensten abschließen, weil sich der Pflegedienst im Bedarfsfall in unserer Wohnanlage gleich um mehrere Personen kümmern kann. Wir sehen unser Projekt daher auch als Mittel, Pflegeleistungen effizient zu gestalten und Pflegekosten so niedrig wie möglich zu halten. Daneben streben wir eine Begleitforschung an, um die Kosteneffektivität von Wohngruppen zu belegen.“

Nachmachen ausdrücklich erwünscht!

Sonja Leukel hofft, dass Lebens(t)raum e. V. viele Nachahmer findet: „Wir wünschen uns, dass unser Projekt anderen Mut macht, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Wir sehen es als Kirchturm, dessen Glocken selbst von ganz weit weg gehört werden. Gerne wollen wir zu den Vorreitern gehören, die Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie MS die Integration in das gesellschaftliche Leben ermöglichen bzw. erleichtern. Ganz konkret wollen wir beispielsweise nach dem Einzug Hoffeste und Lesungen veranstalten, um Teil des gemeinschaftlichen Lebens zu werden und anderen zu zeigen, was trotz eines Handicaps alles möglich ist. Unsere Planungen sind mittlerweile abgeschlossen, jetzt geht es an die Umsetzung.”

Quelle: MS 2/12

28.12.12

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