
Shutterstock
Nach einem Schlaganfall droht den Betroffenen nicht selten ein erneuter Hirninfarkt, der bei wenigen Patienten eine Einengung der Blutgefäße im Gehirn verursacht.
Diese Engpässe können mit Hilfe von Gefäßstützen – sogenannten Stents – erweitert werden. Im vergangenen Jahr musste eine amerikanische Studie jedoch abgebrochen werden, nachdem darin 14,7 Porzent der Patienten nach Einsetzen eines Stents ins Gehirn innerhalb von 30 Tagen einen weiteren Schlaganfall erlitten hatten oder verstorben waren. Zum Zeitpunkt des Studienabbruchs waren erst 451 der geplanten 764 Patienten in die Untersuchung eingeschlossen. Im Zuge der aktuellen Debatte um fehlerhafte Medizinprodukte werden auch kritische Stimmen zur Sicherheit in der Verhütung wiederholter Schlaganfälle laut.
Hierzu muss angemerkt werden, dass diese Behandlungsmethode in den USA deutlich häufiger zum Einsatz kam als in Deutschland üblich. Experten der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR), der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) weisen darauf hin, dass darüber hinaus bei Schlaganfallpatienten mit Verengungen der Gehirngefäße zunächst eine bestmögliche medikamentöse Therapie eingeleitet werden müsse. Erst dann komme hierzulande eine Behandlung mit Stents ausschließlich für die wenigen Schlaganfall-Patienten in Frage, die auf eine medikamentöse Therapie nicht ausreichend ansprechen und weiterhin Durchblutungsstörungen im Gehirn haben.
Mitunter zeigen Schlaganfallpatienten mit verengten Gehirngefäßen trotz intensiver medikamentöser Therapie Symptome, die auf einen erneuten Schlaganfall hindeuten. Nur in diesen Fällen sehen die Leitlinien in Deutschland vor, den Einsatz eines Stents zu erwägen und werden nur nach sorgfältiger Patientenberatung und bei begründeter Notwendigkeit eingesetzt.
“In der amerikanischen Studie setzte man die Stents jedoch sehr viel leichtfertiger ein”, betont Professor Jansen: Die US-Forscher behandelten Patienten schon dann mit einem Stent, wenn eine Gefäßverengung im Schädel das erste Mal zu einer Schlaganfallsymptomatik geführt hatte. “Diese Ausweitung der Patientengruppe widerspricht den in Deutschland geltenden Behandlungskriterien, wie sie sich auch in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) widerspiegeln”, so Professor Dr. med. Wolfgang H. Oertel, 1. Vorsitzender DGN aus Marburg. “Die PTAS dürfen bei Schlaganfallpatienten nicht als Therapie der ersten Wahl etabliert werden”, warnen die Experten der Fachgesellschaft.
Die medikamentöse Behandlung ist die Therapie der Wahl. Ob deren Überlegenheit jedoch auch für den Langzeitverlauf gilt, bleibe abzuwarten. In jedem Fall gilt: “Erst wenn es unter einer doppelten Hemmung der Thrombozytenfunktion, also der Gerinnung, dennoch zu erneuten Hirninfarkten oder deren Vorzeichen kommt, sollten wir eine PTAS in Erwägung ziehen”, so Professor Dr. med. Joachim Röther, 2. Vorsitzender der DSG aus Hamburg. Eine nach den negativen Ergebnissen nun diskutierte generelle Ablehnung des Stent-Eingriffs aufgrund eines zu hohen Risikos sei jedoch medizinisch ungerechtfertigt und werde der Komplexität der Erkrankungen nicht gerecht.
Deutsche Experten haben bereits im September nach Abbruch der SAMMPRIS-Studie in Veröffentlichungen reagiert. Damals wurden diese Reaktionen nur wenig beachtet. Erst durch das Bekanntwerden fehlerhafter Brustimplantate wurde die wichtige Debatte zur Sicherheit medizinischer Produkte in Deutschland neu entfacht. Bei den Stents für Schlaganfall-Patienten wird das Problem allerdings nicht durch ein mangelhaftes Implantat erzeugt, sondern durch die erweiterte Anwendung der Behandlungsmethode auf Patienten, die in Deutschland zunächst ausschließlich mit Medikamenten behandelt würden.
Quelle: Medical Press
02.02.12