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Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Sicher haben Sie, wenn über die Multiple Sklerose (MS) gesprochen wird, schon häufiger die Begriffe „schubförmige MS“ und „schleichende MS“, „chronisch progredient“ oder „primär progredient“ gehört. All diese Ausdrücke beziehen sich auf die verschiedenen Verlaufsformen einer MS. Ebenso wie die Symptome dieser Erkrankung sind auch ihre Verlaufsformen offenbar sehr unterschiedlich.

Wie Sie sicher wissen, beginnt die Erkrankung am häufigsten im frühen Erwachsenenalter, also zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr. Es können aber auch Kinder sowie ältere Menschen (> 50 Jahre) an MS erkranken. Frauen sind dabei ungefähr doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Selten verläuft die MS ausschließlich in Schüben. Dann ist eine vollständige, aber auch eine unvollständige Rückbildung der aktuellen Schubsymptome möglich (schubförmiger Verlauf, im Englischen: relapsing-remitting). Am häufigsten allerdings erleiden die Betroffenen in den ersten Jahren der Erkrankung mehrere Schübe, denen sich dann die zweite Phase mit einem eher langsam fortschreitenden Verlauf anschließt. Wie viele Schübe auftreten und in welchen zeitlichen Abständen sie sich ereignen, ist dabei individuell sehr unterschiedlich und hängt von der sog. Krankheitsaktivität ab. Einige Menschen erleiden mehrere Schübe innerhalb eines einzigen Jahres, bei anderen wiederum vergehen viele Jahre – seltener auch einmal Jahrzehnte – bis zum nächsten Schub. Auch der Übergang in die langsam fortschreitende Phase ist höchst unterschiedlich (sekundär chronisch progredienter Verlauf, im Englischen: secondary progressive). Diese Phase kann nach zwei bis drei Schüben, aber auch erst nach zehn bis 20 Schüben beginnen und damit vielleicht schon nach zwei bis drei Jahren der Erkrankung oder auch erst nach vielen Jahren.

Viele Schübe verlaufen unbemerkt

Für die Entscheidung zu einer Therapie mit Immunmodulatoren (z. B. Interferone, Glatirameracetat oder andere) sollten Sie dabei wissen, dass nicht alle Schübe so ausgeprägt sind, dass Sie sie immer gleich anhand neuer Symptome bemerken können. Wir wissen mittlerweile, dass viele Schübe (= Entzündungsherde im Gehirn oder Rückenmark) auch unbemerkt verlaufen, trotzdem aber nicht weniger Spätfolgen haben können. Dies ist auch ein wesentlicher Grund für einen möglichst frühzeitigen Behandlungsbeginn bei schubförmiger MS. In diesem Zusammenhang sind auch regelmäßige Untersuchungen mittels Kernspintomografie wichtig. Auch im langsam fortschreitenden Stadium können allerdings noch Schübe auftreten.

Was ist überhaupt ein Schub oder wie äußert er sich? Als Schub bezeichnet man das Auftreten eines oder mehrere neuer neurologischer Symptome innerhalb weniger Tage. Hierzu zählen auch Symptome, die eventuell schon bei einem früheren Schub aufgetreten waren, sich in der Folgezeit aber wieder zurückgebildet hatten. Die Symptome eines neuen Schubes gehen nicht innerhalb weniger Stunden wieder zurück, sondern bleiben über mehr als 48 Stunden bestehen oder verstärken sich in den folgenden Tagen sogar weiter. Schübe werden häufig durch Infekte, ausgeprägte seelische oder körperliche Belastungen (Stress), Operationen und vieles mehr ausgelöst. Auch nach einer Entbindung steigt das Risiko eines Schubes an, während es im Verlauf der Schwangerschaft erheblich geringer ist als sonst. Früher wurden übrigens auch Impfungen verdächtigt, MS-Schübe auszulösen. Mittlerweile weiß man aber aus zahlreichen Studien, dass diese Gefahr ganz offensichtlich nicht besteht.

Viele Patienten vermuten, dass die gelegentlich auftretenden kurzfristigen Veränderungen des Befindens und/oder des Leistungsvermögens, z. B. nach einer größeren körperlichen Anstrengung, im Rahmen einer Erschöpfung, bei großer Hitze oder auch im Rahmen eines Infektes, ebenfalls Schübe seien. Es können dann z. B. verstärkt Sehstörungen, eine Muskelschwäche oder eine vermehrte Spastik auftreten. Diese Symptome bilden sich aber in aller Regel recht rasch, manchmal innerhalb von einer halben bis zwei Stunden wieder zurück und werden daher nicht als Schub eingestuft.

Primär chronisch-progredienter Verlauf

Lediglich bei 10 bis 15 % aller MS-Betroffenen treten niemals Schübe auf, der Krankheitsverlauf wird dann als primär chronisch-progredient bezeichnet (im Englischen: primary progressive). Bei diesem Verlauf gibt es auch nur seltene Phasen, in denen sich einmal entstandene Symptome zumindest teilweise wieder zurückbilden.

Dieser Verlaufstyp unterscheidet sich von der primär schubförmigen MS in mehrfacher Hinsicht. So sind die Betroffenen bei Erkrankungsbeginn meist älter als diejenigen mit einer schubförmigen Multiplen Sklerose. Frauen sind bei primär chronisch-progredientem Krankheitsverlauf in etwa gleich häufig betroffen wie Männer. Die im Kernspintomogramm nachweisbaren Herde sind zumeist kleiner und weniger zahlreich, auch nehmen sie wohl eine geringere Menge Kontrastmittel auf. Vermutlich liegen der primär progredienten MS andere immunologische und feingewebliche Vorgänge als der schubförmigen MS zugrunde.

Eine Unterscheidung der einzelnen Verlaufsformen der MS ist noch aus einem anderen Grund wichtig. Die vielfältigen Studien mit Beta-Interferonen, Glatirameracetat, Mitoxantron u. a. hatten zum Ergebnis, dass diese Medikamente nur beim schubförmigen Verlauf eine eindeutige Wirksamkeit zeigen, z. T. auch beim sekundär chronisch-progredienten Verlauf, allerdings nur, wenn hierbei noch Schübe auftreten. Insbesondere beim primär chronisch-progredienten Verlauf konnte ein positiver Effekt auf die Entwicklung neuer Symptome leider nicht nachgewiesen werden, sodass die Medikamente hierfür auch nicht zugelassen sind. Die Folge dieser Erkenntnis ist leider, dass Ihnen Ihr Neurologe für diesen Verlaufstyp auch keine eindeutige Therapieempfehlung geben kann.

Wie bereits erwähnt, wird die langsame und stetige Zunahme einzelner Krankheitssymptome in den späteren Krankheitsstadien ganz überwiegend der fortschreitenden Degeneration zugeschrieben, also dem langsamen Abbau von Nervenfasern und -zellen. In dieser Phase der MS wird daher die Behandlung der einzelnen Symptome immer wichtiger. Bislang nämlich stehen leider keine Medikamente zur Verfügung, die diesen langsamen Verlust von Nervenfasern wirksam aufhalten könnten.

Quelle: Prof. Dr. Thomas Henze

Aus Befund MS 1/2010

23.04.10

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