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Nahrungsmittelallergie unter die Lupe genommen

28.06.07.

Nahrungsmittelallergie

Shutterstock

Der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinischen Immunologie (DGAKI) zur Folge ist ein Drittel der deutschen Bevölkerung an einer Allergie erkrankt. An einer Nahrungsmittelallergie leiden etwa drei Prozent der Erwachsenen und vier Prozent der Kinder(1). Eine allergische Reaktion auf einen Nahrungsmittelbestandteil ist mit 150-200 Toten im Jahr der häufigste Grund einer lebensbedrohlich verlaufenden Allergie.

Eine Nahrungsmittelallergie ist eine abnormale Reaktion des Immunsystems gegenüber einem sonst harmlosen Lebensmittelbestandteil. Dabei handelt es sich um Proteine (Eiweiße) mit Obeflächenstrukturen, so genannte Epitope, an die bei Allergikern Immunoglobulin-E-Antikörper (IgE) binden. IgE-Antikörper binden ihrerseits an bestimmte Zellen des Gewebes (Mastzellen) und lösen damit die Freisetzung von Botenstoffen wie beispielsweise Histamin aus. “Die Folgen einer Histaminausschüttung bei einer Nahrungsmittelallergie sind zumeist Schwellungen der Schleimhäute, der Atemwege sowie Hautreaktionen. Die allergische Reaktion kann aber auch zu einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock führen, erklärt Professor Thomas Fuchs vom Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA). “Anzeichen eines Allergieschocks können Juckreiz an Händen und Füßen, Hautausschläge, Übelkeit, Atemnot und vor allem Blutdruckabfall sein. Dies kann zum Organausfall bis hin zum Tod führen.

Klassifizierung der häufigsten Nahrungsmittelallergien

Die häufigsten Auslöser einer Nahrungsmittelallergie sind Allergene aus Erdnüssen, Hühnerei, Kuhmilch und Fisch. Hier handelt es sich um “klassische Nahrungsmittelallergene (Typ 1-Allergene): Proteine, die hitze- und säurestabil sind. Die Allergene gelangen auch im gekochten Zustand kaum verändert in den Magen-Darm-Trakt. Sie können so bei allergiekranken Menschen schwere allergische Reaktionen auslösen.

Stark zugenommen hat die Sensitivität gegenüber “pollenassoziierten Nahrungsmittelallergenen (Typ 2-Allergene). Typ 2-Allergene sind in Nüssen, Obst und Gewürzen, aber auch in Gemüse wie beispielsweise Sellerie enthalten. Es handelt sich dabei um Proteine mit einer sehr ähnlichen Oberflächenstruktur wie Pollenallergene. “Ein Heuschnupfen-Patient, der gegen Birkenpollenallergene sensibilisiert ist, reagiert häufig allergisch auf den Genuss von Kernobst und Gewürzen, so Fuchs. “Dieses Phänomen wird als Kreuzallergie bezeichnet. Die meisten Allergene des Typ 2 sind wesentlich hitzeempfindlicher als die des Typ 1. Sie verursachen bei rohem Genuss hauptsächlich Juckreiz oder Schwellungen im Mund und Rachenraum. Seltener können auch Nesselsucht am ganzen Körper oder ein allergischer Schnupfen auftreten. Gekocht oder gebacken sind die Lebensmittel für die meisten Allergiker aber gut verträglich.

Dieselbe oder die gleiche Apfelallergie?

Allergie ist nicht immer gleich Allergie! Beim Apfel sind mittlerweile vier Proteine bekannt, an die IgE-Antikörper binden (Mal d 1-4). Das Apfelallergen Mal d 1 ist strukturell dem Birkenpollen-Hauptallergen sehr ähnlich. Diese Kreuzreaktivität führt zu relativ milden Symptomen im Mundbereich. Das Allergen Mal d 3 hingegen ähnelt dem Pfirsich-Hauptallergen, hat eine hohe Strukturstabilität und kann anaphylaktische, also sehr schwere allergische Reaktionen auslösen.(6) Unterschiedliche Sensibilisierungswege führen demnach zu der gleichen, aber nicht der selben Allergie. Die Erforschung unterschiedlicher Allergene ermöglicht eine genauere Diagnose und individuelle Allergie-Behandlung durch einen allergologisch ausgebildeten Facharzt.

Nicht nur beim knackigen Apfel, auch beim Milchgenuss gibt es unterschiedliche Auslöser allergischer Reaktionen. “Irrtümlicherweise wird die Laktose-Unverträglichkeit häufig mit einer echten Milchallergie verwechselt³, erklärt der Göttinger Allergologe Fuchs. Bei Laktose-intoleranten Menschen fehlt das Enzym Laktase, das den Milchzucker spaltet. Der Milchzucker gelangt daher unverdaut in den Darm und stellt eine Nahrungsquelle für Bakterien dar. Die dabei entstehenden “Abfallprodukte senken den pH-Wert und reizen die Darmschleimhaut. Blähungen, Durchfall und Übelkeit sind die Folge. Betroffene können dagegen Tabletten mit Laktasen einnehmen. Ähnliche Symptome lassen sich auch bei einer echten Milchallergie beobachten. Hier sind aber Milcheiweiße wie das Casein die Übeltäter. Spezifische IgE-Antikörper gegen diese Eiweiße sind dann im Blutserum nachweisbar. Milchallergiker müssen alle Produkte, die Milcheiweiß enthalten, meiden.

Wie kann eine Nahrungsmittelallergie behandelt werden?

Zunächst sollten Betroffene einen allergologisch ausgebildeten Facharzt aufsuchen, damit die Allergieursache festgestellt wird. Wird eine Kreuzallergie diagnostiziert, kann eine spezifische Immuntherapie (SIT) auch Hyposensibilisierung oder Allergie-Impfung genannt gegen das jeweilige kreuzreaktive Pollenallergen helfen. Bei einer SIT werden die spezifischen Allergene regelmäßig in Form einer Spritzen-, Tropfen- oder Tablettentherapie verabreicht. Nach einiger Zeit gewöhnt sich das Immunsystem an den Allergieauslöser und reagiert weniger heftig darauf. Handelt es sich um eine “klassische Nahrungsmittelallergie (Typ 1), hilft allerdings nur konsequente Vermeidung des Allergie auslösenden Lebensmittels.

Zur medikamentösen Behandlung können Allergiker Antihistamin-Tabletten gegen auftretenden Juckreiz und Hautausschläge einnehmen. Anaphylaxie-gefährdeten Allergikern rät der erfahrene Allergologe Fuchs eindringlich: “Vom Allergologen verschriebene Notfallmedikamente sollten immer griffbereit mitgetragen werden. Diese können den Kreislauf stabilisieren und Leben retten.

“Eine sichere Vorbeugemöglichkeit gibt es nicht, aber das Stillen über sechs Monate ist von Vorteil für Kinder. Ist ein Kind bereits allergiekrank, sollte eine Diät nur nach Absprache mit einer allergologisch ausgebildeten Diätassistentin durchgeführt werden, um einer Mangelernährung vorzubeugen. sagt der Allergologe und Kinder- und Jugendarzt Dr. Ernst Rietschel von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA).

Die Möglichkeiten einer spezifischen Immuntherapie bei einer Nahrungsmittelallergie sind bisher beschränkt. Zurzeit wird aber eine neue Therapie bei einer schweren Kuhmilch- oder Erdnussallergie am pädiatrischen Allergiezentrum der Berliner Charité getestet unter der Leitung von Dr. Kirsten Beyer, Mitglied der GPA. “In der Studie wird Milch beziehungsweise pürierte Erdnuss in sehr viel Wasser stark verdünnt. Die Kinder trinken unter Beobachtung jeweils das verdünnte Nahrungsmittel, gegen das sie allergisch sind. Innerhalb einer Woche wird die Allergenkonzentration dann schrittweise erhöht, erklärt Beyer den Therapieverlauf. “Bisher wurden keine schweren allergischen Reaktionen beobachtet, jedoch ist eine intensive Überwachung der Patienten während der Therapie notwendig. Einige ihrer kleinen Patienten, die zuvor an einer Milchallergie litten, können bereits zu Hause bis zu 100 ml Milch pro Tag trinken. So sind die Kinder zumindest geschützt, wenn doch einmal Milcheiweiße in einem Lebensmittel enthalten sind.

Molekularbiologische Fortschritte – für Allergiker Fluch und Segen zugleich

Ein Segen des molekularbiologischen Fortschritts ist, dass dadurch die Möglichkeiten für die Anwendung einer spezifischen Immuntherapie erweitert werden können. Hoffnungen weckt eine Studie, in der Erdnussallergene so verändert wurden, dass IgE-Antikörper nicht mehr binden. “Eine definierte Menge dieser Allergene wurde Mäusen mit einer Erdnussallergie verabreicht. Anschließende Messungen zeigten einen niedrigeren Spiegel an Erdnuss-spezifischen IgE-Antikörper im Blut als zuvor. Auch zeigten die Tiere klinisch weniger Reaktionen. Dieses Ergebnis lässt für zukünftige therapeutische Anwendungen bei Nahrungsmittelallergikern hoffen³, so Dr. Beyer vom pädiatrischen Allergiezentrum der Charité.

Der Fluch des molekularbiologischen Fortschritts besteht für Allergiker darin, dass Nahrungsmittel gentechnisch manipuliert sein können. Bereits 1996 wurden in einem Versuch Paranuss-Gene in Sojapflanzen eingeschleust. Da diese Gene Informationen für die Produktion von Nussproteinen tragen, reagierten Nussallergiker auch allergisch auf das genveränderte Soja. Auf der anderen Seite können durch die Gentechnik Allergie-auslösende Proteine auch eliminiert werden. Dadurch sinkt das Allergierisiko beim Verzehr dieser Lebensmittel. Im Jahr 2006 wurde die Allergenproduktion in einer Tomatensorte durch diese moderne Methode der Molekularbiologie erfolgreich unterbunden: Bei einem so genannten Haut-Prick-Test mit der “Allergen-freien Tomate zeigten Tomatenallergiker nur noch leichte Hautausschläge.

Quelle: Ärzteverband Deutscher Allergologen e. V.

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