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Alzheimer: Wenn das Vergessen das Leben bestimmt

In Deutschland leiden rund 1,6 Millionen Menschen an einer Demenz. Rund zwei Drittel, also etwa 1,1 Millionen von ihnen, sind von der Alzheimerkrankheit betroffen. Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erklärt die Entstehung der Erkrankung und wie Angehörige und Betroffene lernen können, mit der Krankheit umzugehen.

Alzheimer und Demenz werden im allgemeinen Sprachgebrauch ja häufig synonym verwendet. Worin liegt der Unterschied?

Demenz ist der Oberbegriff für ein Krankheitsbild, das mit dem Abbau von geistigen Fähigkeiten (die vorher vorhanden waren) einhergeht. Dazu gehören Störungen des Gedächtnisses, der räumlichen Orientierung sowie der zeitlichen Orientierung, Störungen der Sprach- und der Rechenfähigkeit und auch Veränderungen der Stimmung und des Verhaltens. Diese Störungen werden durch einen Abbau der Nervenzellen und der Nervenzellverbindungen im Gehirn verursacht. Medizinisch spricht man erst dann von einer Demenz, wenn die Störungen so ausgeprägt sind, dass sie die Bewältigung des Alltags der Betroffenen beeinträchtigen. Die Alzheimerkrankheit ist eine von etwa 100 Krankheiten und Ursachen, die zu dem Krankheitsbild der Demenz führen. Sie ist die häufigste Demenzerkrankung und für rund 70 % der Demenzen verantwortlich.

Was sind die Ursachen für die Entstehung der Alzheimerkrankheit?

Bei der Alzheimerkrankheit bilden sich im Gehirn zwei fehlerhafte Eiweiße. Zum einen das Beta-Amyloid, das sich als sog. Plaques zwischen den Nervenzellen verklumpt und diese zerstört, und dann das Tau-Protein, das sich innerhalb der Nervenzellen zu sog. Neurofibrillenbündeln verklebt. Die genauen Ursachen für diese Bildung dieser fehlerhaften Eiweiße sind in den meisten Fällen nicht bekannt. Nur bei der sehr seltenen erblichen Form kann man Veränderungen auf einem von drei bekannten Genen dafür verantwortlich machen. Allerdings weiß man, dass alle Formen von Schädigungen des Gehirns das Risiko an Alzheimer zu erkranken erhöhen, wie etwa Schädel-Hirn-Verletzungen im jüngeren Lebensalter. Krankheiten, die die Gehirngefäße beeinträchtigen können, wie Diabetes und Bluthochdruck, erhöhen das Risiko ebenfalls, wenn sie nicht gut behandelt werden.

Was sind erste Anzeichen, die auf eine Alzheimererkrankung hinweisen können?

Wir wissen heute, dass die Veränderungen der Alzheimerkrankheit im Gehirn schon zehn bis 20 Jahre vor dem Auftreten von Symptomen beginnen. Erste Anzeichen der Alzheimerkrankheit sind meist Gedächtnisstörungen. Z. B. werden Termine oder Verabredungen vergessen. Während ein gesunder Mensch sich aber später wieder daran erinnert, dass er sich verabredet hatte, ist bei einem Alzheimer-Betroffenen meist die ganze Erinnerung daran, den Termin überhaupt vereinbart oder in den Kalender eingetragen zu haben, verloren. Es kann auch Probleme mit der Orientierung geben an Orten oder auf Wegen, die man eigentlich gut kennt. Ein Warnsignal kann auch sein, wenn altbekannte Dinge plötzlich schwierig werden, wenn eine Hausfrau das Rezept für das Lieblingsgericht nicht mehr kennt oder Probleme beim Ausfüllen eines Überweisungsauftrags auftreten, obwohl sich an dem Vordruck nichts geändert hat. Wenn so etwas einmalig auftritt, muss man sich noch keine Sorgen machen. Wenn es allerdings wiederholt und über einen längeren Zeitraum vorkommt, sollte man mit dem Hausarzt darüber sprechen.

Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es?

Bisher gibt es keine Medikamente, die die Alzheimerkrankheit stoppen oder gar heilen könnten. Die sog. Antidementiva, die zur Behandlung eingesetzt werden, können die Verschlechterung der geistigen Leistungsfähigkeit bei einem Teil der Betroffenen um mehrere Monate verzögern. Aber auch jenseits von Medikamenten kann man einiges tun. Ergotherapie kann dabei helfen, den Alltag mit der Krankheit so zu gestalten, dass die Betroffenen noch möglichst lange möglichst viele Dinge selbstständig tun können. Logopädie hilft bei Sprachstörungen und Musiktherapie, Verhaltenstherapie oder Erinnerungstherapie kann das seelische Wohlbefinden verbessern und Unruhe oder aggressives Verhalten eindämmen. Auch körperliche Aktivität, geistige Anregungen, soziale Kontakte und eine ausgewogene Ernährung wirken sich positiv auf einen langsameren Krankheitsverlauf aus.

Wie können Angehörige lernen, mit der Erkrankung umzugehen?

Für die Angehörigen ist es besonders wichtig, dass sie sich gut über die Krankheit informieren und sich mit den Veränderungen, die sie mit sich bringt, auseinandersetzen. Damit das Zusammenleben möglichst positiv gestaltet werden kann, ist es wesentlich, die Betroffenen nicht ständig damit zu konfrontieren, was sie nicht mehr können. Besser sollte man all die Fähigkeiten sehen und anerkennen, die noch weiterhin vorhanden sind. Sehr hilfreich ist dafür der Kontakt zu Alzheimer-Gesellschaften und anderen Beratungsangeboten. In Angehörigengruppen kann man sich mit anderen austauschen und auch über die Gefühle von Verlust und Trauer sprechen, die die Erkrankung eines geliebten Menschen mit sich bringt.

Welche Hilfen gibt es darüber hinaus noch für Angehörige?

Zusätzlich zu Beratungsangeboten und Gesprächsgruppen gibt es eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten für die Betreuung, die das Leben mit der Krankheit erleichtern. Schulungen für Angehörige informieren über das Krankheitsbild oder über pflegerische Maßnahmen – auf Wunsch kann man solche Schulungen auch bei sich zu Hause erhalten. Es gibt ehrenamtliche Helfer, die stundenweise nach Hause kommen, und Betreuungsgruppen, in denen ein- oder mehrmals wöchentlich vielfältige Aktivitäten stattfinden. Tagespflegeeinrichtungen bieten ganztägige Betreuung an einem oder mehreren Tagen pro Woche an, teilweise sogar am Wochenende, meist in Kombination mit einem Fahrdienst. Ambulante Pflegedienste helfen vor allem bei der Körperpflege, können aber auch für hauswirtschaftliche Hilfen eingesetzt werden. Wenn Angehörige Urlaub von der Pflege machen wollen, gibt es die Möglichkeit die Erkrankten in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung vorübergehend unterzubringen. Die Pflegeversicherung stellt für diese Hilfen Leistungen zur Verfügung. Je nach Bedarf deckt sie allerdings nur einen Teil der Kosten ab.

Wo gibt es noch besondere Defizite bei der Versorgung?

Viele der o. g. Angebote gibt es noch nicht flächendeckend. Insbesondere in ländlichen Regionen fehlen Angebote oder sind schwer erreichbar. Außerdem entstehen Probleme ein passendes Angebot zu finden besonders dann, wenn die Erkrankten besonders schwierige Verhaltensweisen entwickeln, wenn sie z. B. einen großen Drang haben, nach draußen zu laufen, obwohl sie sich nicht mehr orientieren können oder wenn sie aggressives Verhalten zeigen. Viele Einrichtungen sehen sich dann überfordert. Umgekehrt heißt das aber, dass die Angehörigen, die durch das Verhalten natürlich auch besonders belastet sind, dann damit allein dastehen. Daran muss sich dringend etwas ändern.

Was können Betroffene für sich selbst tun?

Wenn die Diagnose in einem frühen Stadium gestellt wird, können die Betroffenen noch selbst Vorsorge für ihre Zukunft treffen. Z. B. können sie entscheiden, ob und wem sie eine Vorsorgevollmacht erteilen wollen, in einer Patientenverfügung festlegen, wie ihre Behandlung am Lebensende aussehen soll oder auch darüber sprechen, wie sie sich ihre Betreuung und Pflege im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit wünschen.

Wie können Familien den Alltag gestalten?

Die Alzheimerkrankheit führt dazu, dass Alltagsfähigkeiten nach und nach abnehmen. Die meisten Betroffenen möchten aber trotzdem weiterhin möglichst selbstständig bleiben und sich auch nützlich machen. Wenn komplexe Tätigkeiten schwierig werden, können Angehörige versuchen, sie in kleinere Einzelschritte aufzuteilen, die noch bewältigt werden können. Z. B. kann die Bitte, den Tisch zu decken, eine Überforderung darstellen. Einfacher ist es, zunächst darum zu bitten, Teller auf den Tisch zu stellen. Dann im nächsten Schritt das Besteck, Gläser, Untersetzer usw. Es gibt viele Möglichkeiten, auch weiterhin schöne Dinge miteinander zu unternehmen. Manchmal reichen kleine Anpassungen, um das möglich zu machen. So kann man etwa beim Besuch eines Konzerts Plätze am Rand wählen, um bei auftretender Unruhe leicht und unauffällig den Saal verlassen zu können. Beschäftigungen, die an Fähigkeiten anknüpfen, die früh im Leben gelernt wurden, sind meist noch lange möglich, wie etwa gemeinsames Singen.

Welche Probleme sehen sich Erkrankte und ihre Angehörigen im Sozialleben gegenüber?

Nach wie vor ist die Angst vor der Krankheit groß und viele Menschen wissen nicht, wie sie mit den Erkrankten umgehen sollen. Sie vermeiden den Kontakt mit ihnen, was zu einer Isolation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen führt. Wichtig wäre es deshalb, dass noch mehr Angebote sich auch für Menschen mit Demenz öffnen und dass Menschen auch dann weiterhin in ihrem Verein bleiben können, wenn sie eine Demenz entwickeln. Viele Menschen haben auch in ihrem beruflichen Alltag mit Menschen mit Demenz zu tun, z. B. Verkäufer im Einzelhandel, Bankangestellte oder Polizisten. Sie alle sollten ein Grundwissen zum Umgang mit Menschen mit Demenz haben. Insgesamt ist aber das Thema Demenz in den vergangenen Jahren stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gekommen.

Quelle: Deutsches Magazin für Frauengesundheit 2/2017

04.01.18

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