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„Es gibt zu wenig Angebote, um Diabetiker wirklich gut betreuen zu können“

Anna Mayer, Bundesvorsitzende der Österreichischen Diabetikervereinigung (ÖDV), spricht im Interview über rückläufige Mitgliederzahlen in den Selbsthilfegruppen und Nachholbedarf in der Diabetikerbetreuung in Österreich.

Die ÖDV ist die größte und älteste Selbsthilfeorganisation Österreichs – wie viele Gruppen, Mitarbeiter und Beratungsstellen gibt es derzeit?

Derzeit gibt es österreichweit 50 Gruppen, 90 Mitarbeiter und acht Beratungsstellen, aufgeteilt auf die einzelnen Bundesländer.

Was zeichnet die Selbsthilfegruppen der ÖDV aus und wie helfen sie den Betroffenen?

Wir helfen den Betroffenen durch engagierte Gruppenleiter, meistens selbst Betroffene, oder Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Unser Ziel ist es, die Betroffenen in ihrer Kompetenz zu stärken und zu motivieren sowie Eigenverantwortung für ihre Diabetestherapie zu übernehmen.

Was bietet die ÖDV allgemein an, um Betroffenen zu helfen und sie zu unterstützen?

Ein für uns wichtiges Anliegen ist die Interessenvertretung für Diabetiker. Hier hat die ÖDV in den 37 Jahren ihres Bestehens schon sehr viel erreicht. Ich denke da an die Forderung nach Diabetikerschulungen, die für jeden erreichbar und leistbar sind. Da sind wir eine gutes Stück weitergekommen. Aber zufriedenstellend ist das Angebot noch nicht, gerade im Bereich von Diabetes Typ 2. Eine große Unterstützung für Betroffene gibt es von uns auch mit der mobilen Beratung und dem Angebot der Diabetes-Nanny, die bei Bedarf Familien zu Hause unterstützt.

Welche Angebote werden von Betroffenen besonders gerne angenommen?

Ganz besonders oft und gerne genützt werden die Angebote: Kindercamp, Jugend Update, Skikurs und die Familienschulungen. Aber auch unsere Homepage wird gerne besucht. Auch die Service- oder Beratungsstellen werden gut angenommen, dort werden dann vorwiegend Einzelberatungs-Gespräche geführt.

Wie viele Menschen mit Diabetes sind derzeit österreichweit in Selbsthilfegruppen?

Wir haben rund 22.000 Teilnehmer an ÖDV-Aktivitäten. Diese Zahl beinhaltet die Teilnehmer von Schulungen, Schulungscamps, Info-Tagen, Einzelberatungen, Gruppentreffen mit Fachvorträgen, Gesundheitsmessen und aus der mobilen Beratung. Die Teilnehmerzahlen der einzelnen Gruppen sind allerdings stark schwankend und leider rückläufig.

Liegt das auch an den zahlreichen digitalen Programmen, die Menschen mit Diabetes via Internet oder Smartphone in Anspruch nehmen können?

Ja durchaus, denn Betroffene informieren sich zunehmend über die neuen Medien. Den direkten Erfahrungsaustausch nehmen immer weniger in Anspruch. Aus meiner eigenen Betroffenheit weiß ich aber, dass der direkte Kontakt enorm wichtig ist und durch andere Informationsquellen nicht ersetzt werden kann. Aufgrund der neuen digitalen Möglichkeiten müssen wir uns immer wieder neue Angebote überlegen. Vor allem die Jugend ist für den Selbsthilfegedanken schwer zu begeistern. Sehr schwierig ist es auch, junge Menschen für die ehrenamtliche Mitarbeit in der ÖDV zu motivieren.

Wie würden Sie das Angebot zur Unterstützung von Menschen mit Diabetes in Österreich generell beschreiben?

Hinsichtlich der steigenden Zahlen von Diabeteserkrankungen – ca. 600.000 laut Diabetesbericht 2013 – gibt es viel zu wenig Angebote, um Diabetiker wirklich gut betreuen zu können. Die Wartezeiten in den Spezial-Ambulanzen, aber auch in den Ordinationen der Allgemeinmediziner, wo vorwiegend Typ-2-Diabetiker betreut werden, sprechen für sich. Ich denke, es ist enorm wichtig, am Image von Diabetes zu arbeiten. Immer noch wird Diabetes, vor allem der Typ-2-Diabetes, als harmlose Erkrankung dargestellt. Das ist ein Grund für die Betroffenen, es nicht so ernst zu nehmen. Es heißt immer noch „Ich hab a bissl Zucker“. Solange man nichts spürt, kann es ja auch nicht so schlimm sein. Im Hinblick auf die steigenden Zahlen, ist also immer noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

In welchen Bereichen gibt es in Österreich Nachholbedarf in Bezug auf das Angebot und die Betreuung von Diabetikern?

Das individuelle Gespräch ist die wichtigste Grundlage für eine kompetente, kontinuierliche Betreuung und für den Erfolg einer Therapie. Allerdings ist gerade dafür in den Arztpraxen kaum Zeit. Das Wohlbefinden des Patienten wird selten hinterfragt, meistens geht es um die Werte, die gemessen werden, der Mensch dahinter wird sehr oft vergessen. Für Betroffene mit einer chronischen Erkrankung ist es schwierig, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren. Die Gespräche mit Ärzten, Diabetesberatern, Diätologen und anderen Betroffenen leisten hier also wichtige Aufklärungs- und Motivationsarbeit.

Quelle: Befund Diabetes Österreich 1/2016

02.01.17

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