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Asthma und COPD – Warum hat jeder Betroffene seine „eigene“ Erkrankung?

09.06.08.

Foto: Asthma und COPD als individuell ganz unterschiedliche Erkrankungen

Foto: Shutterstock

Die chronischen Atemwegserkrankungen Asthma bronchiale und die chronisch obstruktive (einengende) Lungenerkrankung COPD gehören in Deutschland zu den Volkskrankheiten. Von diesen beiden Erkrankungen sind einige Millionen Menschen betroffen. Vor allem bei der COPD wird mit einer weiteren erheblichen Zunahme in den nächsten zwei Jahrzehnten gerechnet; wahrscheinlich sind in hohem Maße auch Frauen unter den Neuerkrankenden.

Die nach den derzeitigen Erkenntnissen „richtigen“ Methoden der Diagnose und der medikamentösen und der nicht-medikamentösen Behandlung eines Asthmas oder einer COPD sind – als Empfehlungen an die behandelnden Ärzte – in internationalen und nationalen Leitlinien zusammengefasst worden. Für die betroffenen Patienten stehen für Laien verständliche Fassungen dieser Leitlinien zur Verfügung.

Wenn also alles so gut geregelt ist, warum führt dann nicht die Behandlung der Erkrankungen bei allen Betroffenen zu demselben Ergebnis? Warum fühlen sich z. B. zwei Patienten mit einer COPD – bei weitgehend gleichen Lungenfunktionswerten – ganz unterschiedlich „krank“ oder „gesund“?

Wie bei jeder chronischen Erkrankung, z. B. des Herzens, der Blutgefäße, des Stoffwechsels (Zuckerkrankheit), so auch bei einem Asthma oder einer COPD spielt die Akzeptanz der jeweiligen Krankheit eine wichtige Rolle. Die Krankheit anzunehmen und mit ihr zu leben, anstatt sie zu verdrängen und vielleicht noch gegen sie zu leben, macht einen ganz entscheidenden Unterschied bei der Bewältigung und im Umgang mit der Erkrankung aus.

Unterschiedliche Schweregrade und der mutmaßliche weitere Verlauf einer chronischen Atemwegserkrankung werden zudem von „gleich“ Betroffenen nicht „gleich“ erlebt und verarbeitet.

In Gesprächen mit Asthmatikern oder mit COPD-Patienten wird häufig erkennbar, dass das Wissen um den Schweregrad der Erkrankung und deren voraussichtliche Weiterentwicklung – insbesondere bei einer nicht angemessenen Behandlung – vollkommen unzureichend sind. Mit anderen Worten die Auswirkungen der Erkrankung auf das künftige Leben und dessen Qualität werden falsch eingeschätzt.

Nach dem derzeitigen Wissens- und Erfahrungsstand ist die Aussage zulässig, dass ein Asthma bronchiale – vorausgesetzt der Patient hat von seinem Arzt die richtigen Medikamente verordnet bekommen und er nimmt diese auch richtig und regelmäßig ein – so gut kontrolliert werden kann, dass der Betroffene ein weitgehend normales Leben führen kann. Eine ständige Angst vor einem Anfall akuter Atemnot wäre daher nicht zu verstehen, weil sie gar keine „objektive“ Grundlage hätte.

Von vielen COPD-Patienten werden dagegen die zu erwartenden dramatischen Auswirkungen ihrer Erkrankung auf die Lebensqualität und die voraussichtliche Lebensdauer weitgehend unterschätzt. Dies gilt auch für die Beurteilung der Bedeutung der akuten Verschlechterungen, z. B. aufgrund eines Infekts. Nur wenige Patienten wissen, dass bereits bei einem mittleren Schweregrad jede Verschlechterung (Exazerbation) den weiteren Verlauf der Erkrankung ungünstig beeinflussen kann und dass bei einer schwergradigen COPD und einem starken Infekt stets eine ärztliche Betreuung erforderlich ist. Als Folge dieser Wissensmängel werden häufig akute Verschlechterungen nicht so früh wie möglich angemessen behandelt. Eine erhebliche Verschlechterung bei einer schweren oder gar sehr schweren COPD wurde kürzlich von einem führenden deutschen Pneumologen als der „Herzinfarkt“ des COPD-Patienten bezeichnet.

Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass zu viele Patienten, bei denen eine leichte oder eine (erst) mittelgradige COPD festgestellt wurde, dazu neigen, ihre Erkrankung nicht ernst genug zu nehmen. Und vor allen Dingen den hohen Stellenwert der nicht-medikamentösen Therapie nicht erkennen. Sie lassen sich dadurch die Chancen der eigenen Einflussnahme auf den weiteren Verlauf ihrer „ganz persönlichen“ Erkrankung entgehen.

Dazu gehört vor allem der Verzicht auf das Rauchen, das – am besten mit ärztlicher Hilfe – so schnell wie möglich aufgegeben werden sollte, besser aufgegeben werden muss.

Hinzu kommt, dass sowohl bei einem Asthma als auch bei einer COPD das Körpergewicht des Patienten die Intensität der Erkrankung beeinflussen kann. Einerseits gilt ein deutliches Übergewicht bei beiden Erkrankungen als ungünstig im Hinblick auf deren weiteren Verlauf. Andererseits zeigen aktuelle Studien, dass sich die erwartete Lebensdauer bei solchen COPD‑Patienten verringert, deren Körpergewicht niedrig ist oder die in den letzten vier Wochen deutlich an Gewicht verloren haben. Solchen Patienten wird empfohlen, eine Erhöhung ihres Gewichts herbeizuführen (häufigere Mahlzeiten und zusätzlich hochkalorische Trinklösungen einnehmen).

Also – zur Erinnerung – gleiche Lungenfunktionswerte zu haben, heißt nicht gleich krank zu sein. An dieser Stelle sei auch auf die jeweilige körperliche Leistungsfähigkeit hingewiesen, die ganz unterschiedlich sein kann. Während für den beschwerdefreien Asthmatiker körperliche Leistungen bis hin zum Hochleistungssport möglich sind, kann schon ein Patient mit einer mittelgradigen COPD relativ schnell, z. B. je nach der Steigung eines Wanderweges, eine Atemnot entwickeln. Jedem COPD-Patienten ist daher nur zu raten, sich einer Lungensportgruppe anzuschließen.

Eine wichtige Rolle spielen auch Auswirkungen von Begleit- und Folgeerkrankungen. Während ein Asthmatiker kaum damit rechnen muss, dass „sein“ Asthma weitere Erkrankungen zur Folge hat, sieht das bei einem COPD-Patienten ganz anders aus. Eine COPD führt nicht nur zu erheblichen Beeinträchtigungen der Lungenfunktionen, sondern sie hat – nach heutigem Stand des Wissens – auch beträchtliche Auswirkungen auf den gesamten Körper. Die COPD gilt daher als eine Systemerkrankung. D. h. außer den Einschränkungen der Atmung und krankhaften Veränderungen in der Lunge können noch andere, z. T. sehr massive körperliche und andere gesundheitliche Probleme entstehen. Beispielhaft sind zu nennen: Gewichtsverlust, Entkalkung des Skeletts, Abbau der Muskulatur, Herz- und Kreislauferkrankungen, Depressionen.

Ob und inwieweit das Geschlecht für die Entstehung und den Verlauf eines Asthmas oder einer COPD eine Rolle spielt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Es fehlen objektive Daten. Beobachtungen und Erfahrungen von Ärzten könnten so interpretiert werden, dass Frauen aufgrund ihres geringeren Lungenvolumens und einer mutmaßlich höheren Entzündigungsneigung – zumal bei Beginn einer „Raucherinnenlaufbahn“ in sehr jungen Jahren – in einem früheren Lebensalter eine COPD entwickeln als Männer. Auch Frauen – unsere Gruppen zeigen es immer mehr – können auf eine dauerhafte Zuführung von Sauerstoff angewiesen sein.

Bei jeder chronischen Erkrankung werden die jeweilige Intensität der Erkrankung und deren zukünftiger Verlauf sicherlich auch von psychischen Zuständen und Prozessen geprägt. Das gilt für das Asthma und die COPD in besonderem Maße. Werden doch beim Asthma die anfallsartige akute Atemnot und bei einer COPD – bei ohnehin häufig dauernder Atemnot – eine akute Verschlechterung unmittelbar als lebensbedrohlich empfunden. Hinzu kommt, dass bei einer schweren COPD häufig die Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Erkrankung – bis hin zu der Angst vor einem Tode durch qualvolles Ersticken – die Betroffenen dauerhaft erheblich belastet. Bei vielen Erkrankten spielt zusätzlich auch die Furcht vor einer sozialen Vereinsamung eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Depressionen. Der individuell wahrgenommene Verlust an Lebensqualität hat für viele Betroffenen einen höheren Stellenwert als die krankheitsbedingten körperlichen Beschränkungen.

In der einschlägigen Literatur wird hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Asthma und Psyche – sehr vereinfacht dargestellt – ausgeführt, dass keine bestimmte psychische Konstellation bei einem Menschen ein Asthma ursächlich auslöst, dass aber empfundene Intensität und Erleben eines Asthmas auch von psychischen Problemen und Belastungen abhängig sind. Insbesondere kann sowohl zu viel als auch zu wenig Angst im Umgang mit einem Asthma gleichermaßen falsch sein. Das spielt vor allem eine Rolle bei den Konsequenzen – „Über- oder Unterreaktion“ – im Falle einer akuten Atemnot, z. B. hinsichtlich der Einleitung von eigenen und von ärztlichen Notfallmaßnahmen.

Für die Entstehung einer COPD spielen psychische Faktoren keine Rolle. Die Höhe des Anteils der COPD-Patienten, bei denen zusätzlich zu ihrer Atemwegserkrankung auch psychische Störungen (Angst, Depression) bestehen, ist in Studien in einem unterschiedlichem Ausmaß ermittelt worden.

Wiederum – sehr vereinfacht dargestellt , kann wohl gesagt werden, dass bei COPD-Patienten häufiger als in der Bevölkerung im Allgemeinen Depressionen, Ängstlichkeit und Schlafstörungen festzustellen sind. Die Intensität dieser Art der Begleiterkrankungen ist allerdings unabhängig von der Intensität der Atemwegserkrankung. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt der negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität, die ohnehin schon durch die chronische Atemwegserkrankung beeinträchtigt wird, ist eine konsequente Behandlung der psychischen Störungen sowohl bei Asthma als auch bei COPD-Patienten zwingend geboten.

Weitere Faktoren, die den Umgang mit einer chronischen Atemwegserkrankung prägen, sind eine konfliktfreie Ehe- oder Partnerschaft, eine positive Einstellung zum Leben und eine religiöse Bindung.

Viele unterschiedliche körperliche und psychische Faktoren prägen sowohl gesunde als auch kranke Menschen und machen jeden von uns zu einer individuellen Person. Weil dies so ist, hat jeder von uns sein eigenes Leben und seine „eigenen“ Erkrankungen.

Quelle: Dr. rer.pol. Helmut Berck

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