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Blasenfunktionsstörungen: Raus aus der sozialen Isolation

MS kann nahezu alle Bereiche des menschlichen Körpers in Mitleidenschaft ziehen, so auch die Funktion der Harnblase. Im Verlauf der Krankheit haben nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zwischen 50 % und 80 % der Betroffenen Probleme mit der Blasenfunktion, 10–14 % bereits bei der Diagnose der MS.

An der Steuerung der Harnblasenfunktion sind verschiedene Bereiche des Zentralnervensystems (ZNS) beteiligt. Daher kann die MS Auswirkungen auf die Blase haben. Je nachdem, welche Bereiche des ZNS durch die MS betroffen sind, kommt es entweder zu einer überaktiven Blase mit übermäßigem Harndrang, z. T. auch zu Inkontinenz, oder zu einer eher schlaffen Blase mit Entleerungsstörungen, die in einer Blasen- oder Nierenentzündung münden können. Da im Verlauf der MS andere Teile des Nervensystems betroffen sein können, kann sich die Form der Blasenfunktionsstörung z. B. durch einen Schub ändern.

Offenheit beim Arztbesuch

Solange der Toilettengang problemlos abläuft, denkt niemand über die Harnblase und ihre Arbeitsweise nach. Das ändert sich, wenn sich die Blase häufiger als sonst bemerkbar macht, sie gar „überläuft“ oder es vermehrt zu Blasenentzündungen kommt. Da Probleme mit der Harnblase, darunter vor allem mit der Kontinenz, dem Halten des Urins, nach wie vor ein Tabuthema sind, ist es vielen Betroffenen unangenehm, mit dem Arzt darüber zu reden. Doch genau das ist unerlässlich. Denn je eher eine Behandlung eingeleitet wird, umso weniger gesundheitliche Probleme treten i. d. R. in der Folge auf. Diejenigen, die mit einer überaktiven Blase und Inkontinenz zu kämpfen haben, ziehen sich aus Angst und Scham nicht selten ab einem gewissen Zeitpunkt aus dem sozialen Leben zurück, etwa, weil sie befürchten, nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden, oder weil sie Angst haben, ihr Problem könne z. B. durch Geruchsbelästigung öffentlich werden.

Die soziale Isolation, in die sich manche aufgrund der Blasenstörung begeben, beeinträchtigt die Lebensqualität ungemein. Depressionen und Ängste können im schlimmsten Fall die Folge sein. Ärzte, die mit MS vertraut sind, wissen um die Problematik der Blasenfunktionsstörungen. Für sie ist das nichts Besonderes. Die MS Therapie Konsensusgruppe der DMSG empfiehlt zur Früherkennung von Blasenfunktionsstörungen regelmäßige Restharnbestimmungen bei Menschen mit MS (z. B. mithilfe von Ultraschall), selbst wenn Betroffene bislang keine Symptome wie Inkontinenz aufweisen.

Toilettentagebuch, Beckenboden- und Miktionstraining

Bei Problemen mit der Harnblase – gleich welcher Art – empfiehlt es sich, über einen Zeitraum von wenigstens zwei Wochen ein sog. Toilettentagebuch oder Blasentagebuch zu führen. Darin sollte stehen, wann und wie oft man zur Toilette geht, in welchen Situationen sich Symptome wie Harndrang oder Inkontinenz gezeigt haben, aber durchaus auch, welche Getränke man zu sich genommen und wie viel man getrunken hat. Denn Kaffee z. B. wirkt harntreibend und kann die Harndrangproblematik u. U. verstärken. Das Gleiche gilt auch für bestimmte Nahrungsmittel, z. B. für Spargel. Besonderheiten wie Schwierigkeiten mit der vollständigen Entleerung der Harnblase (verstärkte Anwendung der Bauchpresse) sollten ebenfalls notiert werden. Anhand dieses Toilettentagebuchs bekommt der Arzt einen Überblick über die Toilettengewohnheiten und kann oft schon Zusammenhänge ausmachen.

Als Selbsthilfe bei einer überaktiven Blase bietet sich vor allem im Anfangsstadium der MS ein Beckenbodentraining an – wenn nach wie vor die Fähigkeit besteht, den Beckenboden willentlich zu kontrollieren. Denn der Beckenboden ist maßgeblich am Verschluss der Blase beteiligt. Ein trainierter Beckenboden kann den Urin besser halten, selbst bei starkem Harndrang. Ein solches Beckenbodentraining sollte unter Aufsicht eines Physiotherapeuten erlernt werden, u. U. mit technischen Hilfsmitteln wie Biofeedback. Das Miktionstraining hingegen soll helfen, den richtigen Zeitpunkt für die Harnblasenentleerung abzupassen. Hier gilt es z. B. bei überaktiver Blase, vorzeitig – also vor einsetzendem Harndrang – auf die Toilette zu gehen und die Blase gezielt zu entleeren. Zu Hause kann man auch versuchen, die Intervalle zwischen den Toilettengängen gezielt zu verlängern, doch unterwegs ist es oft besser, vorzeitig die Toilette aufzusuchen, denn die Angst vor Inkontinenz kann u. U. den Harndrang verstärken.

Medikamente und Selbstkatheterismus

Zur Hemmung der überaktiven Blase werden i. d. R. zunächst Anticholinergika (auch Antimuskarinika genannt) eingesetzt. Das sind Medikamente, die die Muskulatur der Blase beruhigen, sodass sie nicht schon bei geringer Füllmenge in „Alarmbereitschaft“ versetzt wird und sich zusammenziehen und entleeren will. Mit diesen Arzneimitteln gelingt es oft, die Blasenkapazität zu erhöhen. Allerdings werden sie nicht eingesetzt, wenn nach der Entleerung der Harnblase eine größere Menge Restharn in ihr verbleibt. Denn sonst würde sich das Risiko für Blasenentzündungen oder zu den Nieren aufsteigende Infektionen zu stark erhöhen. Wer nachts unter häufigem Harndrang leidet, dem kann der Arzt ggf. den Wirkstoff Desmopressin verordnen. Dies Mittel sorgt dafür, dass sich nachts weniger Urin bildet und folglich auch weniger Harn in der Blase sammelt. Helfen diese Medikamente nicht, gibt es noch die Möglichkeit, Botulinum-Toxin Typ A in die Harnblase zu spritzen. Dieses Nervengift lähmt die Muskulatur der Harnblase z. T. und sorgt somit dafür, dass der Harndrang abnimmt. Allerdings besteht die Gefahr, dass die benachbarte Muskulatur ebenfalls beeinträchtigt wird und sich Restharn in der Blase sammelt. Botulinum-Toxin hilft i. d. R. nur über einen gewissen Zeitraum sicher – Studien gehen von rund 40 Wochen aus.

Sowohl bei der überaktiven Blase als auch bei Entleerungsstörungen mit Restharnbildung hat sich auch die gezielte Entleerung der Blase mithilfe eines Katheters bewährt. Wer sich dafür entscheidet, hat ein einfaches und, bei richtiger Anwendung, weitgehend nebenwirkungsfreies Mittel zur Hand, um die Blase zu dem Zeitpunkt zu entleeren, wenn er es möchte – und zwar vollständig. Der sog. intermittierende Selbstkatheterismus kommt i. d. R. für MS-Betroffene infrage, die über eine gute Handfunktion verfügen, wobei Hilfsmittel wie Beinspreizer oder Penishalter eingesetzt werden können, wenn die Kraft der Hand nicht ausreicht. Auch Männer können den Selbstkatheterismus i. d. R. problemlos lernen. Natürlich kann auch eine andere Person den Katheter einführen. Angenehmer empfinden es die meisten Menschen jedoch, es selbst zu tun. Eine Dauerableitung des Urins über einen Katheter kommt infrage, wenn es keine andere Methode zur Harnableitung gibt. Die Gefahr von Infektionen ist dabei erhöht, zudem schränkt ein Dauerkatheter die Betroffenen in ihrem alltäglichen Leben (z. B. in Bezug auf die Sexualität) ein. Auch operative Methoden (z. B. das Einsetzen eines sog. Blasenschrittmachers oder ein Harnblasenersatz) kommen zur Behandlung von Blasenfunktionsstörungen bei MS erst ganz zuletzt zum Einsatz.

Quelle: Befund MS 02/2013

23.10.13

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