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Brustkrebs: Palliative Versorgung von Angehörigen

Letzter Ausweg: Zärtlichkeit!

Die meisten Menschen stehen irgendwann einmal vor der Frage „Wie verabschiede ich mich von dem geliebten Menschen?“. Beim Tod der Großeltern sehen wir dieses Ereignis vielleicht mit kindlichen Augen und stehen nicht an vorderster Front. Beim Verlust der Eltern verändert sich alles, denn mit einem Mal wird klar, behält die Reihenfolge seine gesunde Ordnung, dann sind wir – die Kinder – die nächsten. Ganz zu Schweigen, wenn man seinen Lebenspartner oder gar seine Kinder loslassen muss. Es sind die schlimmsten und auch nachhaltigsten Momente in unserem Leben. Bedauerlicherweise müssen immer mehr Menschen auf die Hilfe fremder Personen vertrauen, die sie in den schweren Stunden umsorgen. Gott sei Dank gibt es ganz wunderbare Helfer und auch immer mehr Einrichtungen, die den Patienten in dieser Phase begleiten, wenn es keine nahen Angehörigen gibt oder diese sich nicht in der Lage sehen, diese Aufgabe zu übernehmen.

Ja oder Nein

In südlichen Ländern ändern sich die Zeiten natürlich auch und auch dort sterben Menschen in fremder Obhut oder vielleicht auch einsam, aber dennoch zeigt sich, dass durch ein enges familiäres Gefüge die Angehörigen diese ehrenvolle Aufgabe recht gut meistern. Wir wollen weder urteilen, noch richten über Menschen, die sich dieser Verantwortung entziehen, denn die Frage, ob man einem geliebten Menschen bis zuletzt beistehen kann, muss JedeR für sich selbst beantworten. Niemand wird diese Entscheidung leichtfertig treffen. Vielleicht einige Wenige!

Bei Susan G. Komen Deutschland erreichen mich manch kuriose Erlebnisberichte, die ich kaum nachvollziehen kann. So hat ein Ehemann seiner Frau nach der OP einen Klebezettel auf dem Nachttisch im Krankenhaus hinterlassen, auf dem stand: „Ich verlasse Dich!“. Gott sei Dank gibt es viel mehr Erfreuliches zu berichten. Dennoch klagen viele Betroffene über schmerzhafte Trennungen während oder kurz nach der Erkrankung. Nun wollen wir ja alle „Survivor“ sein und den Titel dieses wunderbaren Magazins umsetzen, also Leben. Dafür setzen wir uns in Bewegung, dafür kämpfen wir.

Dennoch gehört zum Leben eben auch das Sterben und dies sollte so würdevoll wie auch das zurücklassende Leben sein. Nichts wird so dankbar angenommen als die Nähe von liebenden Angehörigen. Nichts bringt mehr Licht in die Dunkelheit als das Gefühl des Geborgenseins in den Tagen des Abschieds. Und trotzdem ist es legitim, wenn Angehörige sich überfordert fühlen, den Patienten zu pflegen bzw. dem Sterbenden beiseitezustehen, denn nach einer Sterbebegleitung ist nichts mehr so, wie es einmal war. In der entscheidenden Frage, ob man es wagt, den Partner/den Angehörigen auf dem beschwerlichen Weg zu begleiten, gibt es nur ein eindeutiges „Ja“ oder ein klares „Nein“. Ein bisschen „mitgehen“ gibt es nicht.

Es gibt kein Zurück

Das, was einen während der Pflege eines Angehörigen dann erwartet – hat man sich dafür entschieden, den Patienten zu Hause zu umsorgen –, kann man sich meistens vorher nicht vorstellen. Zwischenzeitlich gibt es in vielen Städten schon mobile Palliativteams, die die Angehörigen fachlich rundherum professionell beraten und unterstützen. Kein Mensch muss heute noch schmerzvoll dahinsiechen. Die Profis in Sachen „Schmerzlinderung“ können alle Fragen beantworten, sehen jedweden Notstand und stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es mobile Pflegedienste, die die Angehörigen bei der täglichen Pflege unterstützen und auch alle notwendigen Hilfsmittel, die die Versorgung erleichtern, stehen bereit. Es gibt nicht viele Länder, die so eine umfassende Versorgung bieten.

Allerdings ist dann auch das Ende der Fahnenstange erreicht in Sachen „Hilfestellung“, denn würdevolles Sterben bedeutet nicht, dass das Bett frisch bezogen ist und die Medikamente korrekt verabreicht werden. Den Sterbenden begleiten, heißt, unzählige Male rund um die Uhr – vorzugsweise Mitten in der Nacht – den Gang auf den Nachtstuhl, herausheben, halten, stützen bis die eigene Wirbelsäule erlahmt, immer wieder Wäsche wechseln, Schmerzen lindern und wenn alles geschafft ist, wieder von vorne beginnen, schlaflos über Tage und Nächte hinweg, den Verlust von Zeit- und Raum- bzw. Hungergefühl. Wie lange dauert eine Stunde in gemeinsam durchwachter Nacht? Was tun gegen die Angst vor dem nahenden letzten gemeinsamen Moment? Hat man sich entschieden, den geliebten Menschen zu Hause auf seinem letzten Weg zu begleiten, gibt es kein Zurück mehr, dann gibt es keine Haltestation zum Aussteigen, schließlich wird man bedingungslos gebraucht. Und Liebe hat dann nur noch eine Antwort: Der Wunsch des geliebten Menschen ist Befehl. Er ist die Hauptperson, nach ihm richtet sich alles Tun.

Die Zärtlichkeit siegt

Quälende Verlustängste, tiefe Trauer und die völlige Erschöpfung sind oft kaum zu ertragen und man bleibt am Ende möglicherweise traumatisiert zurück. Andererseits wird diese gemeinsame und intensive Zeit einem später über vieles hinweghelfen, einen wahrhaft reich machen an einer Fülle von Emotionen und Erinnerungen. Vielleicht durfte man teilhaben an der Entwicklung des Sterbenden, konnte mitfühlen, wie seine Seele auf Wanderschaft ging, wenn man den Mut aufbringt, sich völlig hinzugeben, Teil dieser Verabschiedung zu werden, beflügelt von dem Wunsch, dem Sterbenden Freude zu schenken, alle Zärtlichkeit zu geben, denn die erreicht ihn bis zum letzten Moment. Kann er sie noch erwidern, ist es ein wunderbares Glück. Liebe ist, weiter zu streicheln, auch, wenn der eigene Arm abstirbt. Zärtlichkeit schmiedet das Band, das bleiben wird. Seien Sie versichert, es ist eine Ehre, einen geliebten Menschen begleiten zu dürfen.

Corinna Saric
Mitglied des Vorstands von Susan G. Komen Deutschland e. V.

Quelle: Leben? Leben! 2/2015

27.07.15

Palliativmedizinische Betreuung bei Brustkrebs
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