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Brustkrebs: Am Rande des Zusammenbruchs

Beatrix Falkenstein berichtet von ihrer Odyssee durch das Gesundheitssystem

Ich bin 52 Jahre alt. Im Oktober 2014 habe ich dem Tod in die Augen gesehen. Im September 2015 wurde ich neu geboren. Nach meiner ersten Mammografie im Screeningprogramm für Frauen ab 50 im Oktober 2014 bekam ich die Diagnose Brustkrebs. Ein nicht tastbarer, 2,5 cm großer, bösartiger und schnell wachsender Tumor war im Mammografiebild deutlich zu sehen. In diesem Moment blieb für mich die Zeit stehen, und ich bin wie betäubt mit meiner Nachricht nach Hause gefahren, um sie dort möglichst für mich zu behalten.

Doch schon bald wurde mir klar, dass dies nicht gehen wird, da ich mit rasender Geschwindigkeit durch Diagnostik und Therapie gejagt wurde und dafür ein wirklich stabiles Umfeld brauchen würde. Also sammelte ich meine Familie in Raten um mich und „beichtete“ etwa acht Mal von meiner Krebserkrankung, der bald anstehenden OP, der die Chemotherapie und die Bestrahlung folgen würden. Ich schüttelte mich kräftig und raffte mich auf den Weg, der vor mir lag, unbeschadet zu gehen.

Was ich dann erlebt habe, war nicht nur physisch und psychisch aufreibend, sondern hat mich wirklich mehrfach an den Rand eines Nervenzusammenbruchs geführt: Es begann mit einer Aufklärung über die Erkrankung und die folgende Therapie im Schweinsgalopp und einer Terminkaskade für alle notwendigen Untersuchungen und Eingriffe.

Morgens um sieben Uhr nüchtern zur Lymphknotenmarkierung, gefolgt von Anästhesieaufklärung, OP-Aufklärung und brusterhaltender OP an der rechten Brust. Nach der OP überließ man mich weitestgehend meinem Schicksal. Patientenbetreuung wurde in dieser Klinik sehr klein geschrieben und ich war froh, drei Tage später nach Hause zu dürfen.

Unendlich lange Wartezeiten

Eine Woche später dann wieder zurück in die Klinik: Die Portanlage erhielt ich in lokaler Anästhesie, danach folgten Röntgen und Echo fürs Herz, dann die Chemotherapie-Aufklärung und anschließend zurück in die Brustklinik, um die weiteren Termine zu vereinbaren. Zu essen gab es nichts und die Wartezeiten zwischen den einzelnen Untersuchungen waren jenseits von Gut und Böse.

Dass die Chemotherapie ein halbes Jahr dauern wird, wurde mir erst in der Aufklärung klar; vorher hat das niemand erwähnt. Danach Bestrahlung für sieben Wochen und anschließende Reha. Ach, und noch ein Rezept für die Perücke, nicht zu vergessen, da mir ja alle Haare ausfallen würden.

Während der ersten drei Chemotherapien wollte die zuständige Oberärztin dreimal meinen ja bereits entfernten Tumor untersuchen. Zu allem Überfluss erhielt ich einen Termin zum Ultraschall, um zu prüfen, ob der Tumor unter der Chemotherapie geschrumpft sei. Nachdem die Ärztin mich zwei Stunden auf einem Holzstuhl vor der Brustklinik warten ließ, stellte sie dann fest, dass ich dort falsch sei, da der Tumor ja schon operiert wurde. Offenbar hatte jemand in meiner Akte den Begriff „neoadjuvant“ verwendet, was so viel bedeutet wie: Der Tumor ist noch da. Erst die Pflegekraft in der onkologischen Tagesklinik hat den Eintrag dann korrigiert.

Bei der folgenden Bestrahlung war die Betreuung nicht besser. Jeder grapschte an mir herum, zog und zerrte an meiner Brust und wollte mir die Welt erklären. Informationen zum Ablauf und zu den Folgen der Bestrahlung gab es nur wenige. Die Terminfindung war ebenfalls extrem schwierig, da jeden Tag für den Folgetag erst ein Zeitraum vereinbart wurde.

Da ich aber bereits zwei Wochen nach der OP wieder Vollzeit gearbeitet habe, brauchte ich ein festes Zeitfenster, um meine beruflichen Termine entsprechend planen zu können. Auch meine Bitte, dass ich ja Kollegin sei und als Pflegedienstleitung in einer Klinik arbeite, brachte nicht viel. Man stellte mir anheim, mich doch lieber für die sieben Wochen arbeitsunfähig zu melden, dann würden die Termine ja kein Problem mehr sein.

Über so viel „Fachkompetenz“ und „Kundenorientierung“ war ich schlichtweg sprachlos. Als mir der Oberarzt in der Bestrahlung dann im Gespräch noch mitteilte, dass ich „gute Chancen hätte, das Ganze irgendwie zu überleben“, hatte ich die Nase voll.

Von dem Zeitpunkt an lehnte ich ab, was mir nicht passte, nahm nur noch Termine wahr, die ich für sinnvoll erachtete, und fragte laut und deutlich jeden, der mir gegenüber unfreundlich war, warum er das tue. Die meisten wurden rot und antworteten nicht, waren aber beim nächsten Mal erheblich freundlicher.

Nun bin ich privat krankenversichert und selbst Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und kann mich entsprechend auch im Gesundheitswesen bewegen. Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl den Menschen ergeht, die keinen solchen Hintergrund haben und die die richtigen Fragen, die man stellen muss, um Antworten zu bekommen, nicht kennen?

Die Antwort ist einfach: Man ist schnell verloren in einem System, das mit dem Leben der Patientin spielt, wenn sie sich nicht wehrt und für sich selbst kämpfen kann. Ich habe erst dann professionelle Hilfe bekommen, als ich zur fünfwöchigen Rehabilitation eingewiesen wurde. Dort hat man mit mir physisch und psychisch gearbeitet, dass ich bereits nach drei Wochen mich soweit erholt hatte, dass ich den Krebs abschließen und entsorgen konnte.

Beatrix Falkenstein

Quelle: Leben? Leben! 4/2016

08.03.17

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