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Diagnose Brustkrebs: Unvollkommen vollkommen

Kathrin Lubig war gerade einmal 31 Jahre alt, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde. „Die Therapie“, sagt sie heute, „war wie eine Achterbahnfahrt, ganz ohne Zweifel. Manchmal auch wie eine Horrortour durch eine Geisterbahn: Am Ende ist einem leicht übel, man hat eine neue Frisur, ein anderes emotionales Empfinden und ein neues Lebensgefühl.“ Jetzt, etwa eineinhalb Jahre später, erzählt sie ihre Geschichte.

Ich habe alles mitgenommen, was ich mitnehmen konnte: Chemotherapie, Mastektomie, Bestrahlung und im Abgang, die Antihormontherapie.

Mich hat die Diagnose vererbter Brustkrebs ganz unerwartet mit 31 Jahren erwischt. Ich habe bei mir selbst einen verdickten Lymphknoten unter der Achsel ertastet und mir einen Termin bei einer Gynäkologin geholt. Dort ging dann auch alles ziemlich schnell. Ihr Satz: „Da ist etwas drin, das muss raus“, ist noch fest in mir verwurzelt. Ich hatte vor allem Angst vor einer Brustamputation. Das stürzte mich und meinen Freund in ein Gefühlschaos aus Hoffnung und Angst.

Die Wochen vor der eigentlichen Diagnose waren für mich die schlimmsten. Ob ich Krebs hatte oder nicht, war dabei tatsächlich zweitrangig. 20 Jahre alte Bilder aus dem Fernsehen kamen mir da in den Sinn und spielten sich in einer Endlosschleife in meinem Kopf ab. Es folgten innerhalb der nächsten drei Wochen eine Mammografie, ein Brustultraschall, eine Biopsie sowie ein MRT. Während dieser Zeit bekam ich leider kein aufklärendes Gespräch durch meine Gynäkologin, auch das Diagnosegespräch wurde erst festgelegt, als ich darauf bestand. Doch während dieses Gesprächs wurden mir schon die nächsten Termine bei der Humangenetik sowie der Onkologischen Tagesklinik durchgegeben. Klar, dass da meine Hutschnur platzte!

Die Ungewissheit belastet

Aufgelöst und wutentbrannt habe ich mich dann im Brustzentrum direkt gemeldet. Damit kehrte dann auch Klarheit ein. Dort erhielt ich die Information: „Es ist bösartig, es ist eine neoadjuvante Chemotherapie angedacht mit einer anschließenden OP.“ Ich hätte nie gedacht, dass mich eine Krebsdiagnose erleichtert, aber sie hat es! Weil das Ungewisse für mich in diesem Moment schwieriger zu ertragen war. Jetzt hatte ich einen Weg und einen Plan. Natürlich ist eine Krebstherapie kräftezehrend, aber Angst hatte ich davor nicht. Viele meiner Freunde hatten selbst schon eine Krebstherapie hinter sich und haben mir geholfen, zuversichtlich zu bleiben. Am Ende dachte ich nur, zum Glück ist es Brustkrebs und ich habe eine 80%ige Heilungschance. Man klammert sich da an jeden Grashalm.

Gleich zu Beginn meiner Therapie wurde mir klar mitgeteilt, dass eine brusterhaltende Operation zu 99,9 % nicht möglich sein wird. Zu viele, zu große Tumorherde, die zu dicht unter der Haut lagen, wurden meinem Busen zum Verhängnis. Mein Freund hatte mich in dieser Phase immer wieder auf einen möglichen Brustaufbau aufmerksam gemacht, was mich zu der Zeit sehr beruhigte. Zudem hatte ich auch ca. ein halbes Jahr Zeit, um mich an den Gedanken der Brustabnahme zu gewöhnen. Der Tumor, den ich dann „Schakeline“ nannte, präsentierte ich ausgiebig in einem Blog im Internet. Ich schrieb für mich, meine Familie, meine Freunde sowie Interessierte, von meinen Gedanken über Rollenbilder, in die wir gesteckt werden sowie von meinem Empfinden von meiner Weiblichkeit und dem Kontrollverlust.

Auch ohne Brust attraktiv sein

Erst kurz vor Ende meiner Chemotherapie brachte ich den Mut auf, um mir die Info-Broschüren zum Thema Brustaufbau anzuschauen. Vor allem wollte ich auf das OP-Gespräch vorbereitet sein und die Zügel für meine Entscheidungsmöglichkeiten selbst in die Hand nehmen. Auch haben mich andere mutige Frauen mit einer Mastektomie darin bestärkt, dass man „oben ohne“ sehr attraktiv wirken kann. Danke dafür!

Ein zweites MRT vor meiner Operation machte mich noch auf eine Entzündung in meiner gesunden Brust aufmerksam. Da bei mir eine genetische Veranlagung besteht, habe ich mich daraufhin für eine beidseitige Mastektomie entschieden. Die Angst und das Risiko vor einer weiteren Erkrankung und einer erneuten Therapie waren mir zu groß. Für mich hieß es im Endeffekt: Erstens: Abnahme der Tumorbrust ohne Expander, denn der Tumor war zu dicht an der Unterhaut und der Brustwarze, weshalb die Haut mit abgenommen werden musste. Da ich sehr schlank bin, spannte die Haut sehr und ein Expander hätte eine zu starke Belastung für die Narbe bedeutete. Und zweitens: eine brusterhaltende OP der gesunden Brust mit Silikonimplantat.

Nach der Operation war dann alles anders, als ich vorher vermutet hatte. Für mich waren die ersten Tage körperlich anstrengend. Während die brustfreie Seite kaum Schmerzen verursachte, machte mir die Brust mit dem Implantat mehr zu schaffen. Die Angst nicht mehr attraktiv zu sein oder mich weniger nach mir zu fühlen, verpuffte. Im Gegenteil, ich fühlte mich fast wie vorher. Natürlich kann man den Verlust eines Körperteils nicht ignorieren und ich schrieb tatsächlich über meine Trennungsschmerzen – physisch als auch psychisch – und weinte mich aus.

Veränderungen bewusst machen

Doch danach kam meine medizinische Neugier hervor; ich wollte mich so akzeptieren, wie ich bin. Meine Narbe habe ich ausgemessen, fotografiert und alles mit viel schwarzem Humor in meinen Blog im Internet gestellt. Ich habe also versucht, meine Veränderung aktiv zu leben und zu verarbeiten. Das Ungewöhnliche für mich ist, dass sich meine „flache“ Seite normaler anfühlt als die Seite mit dem Implantat. Die Haut über dem Silikon ist immer etwas kühler und auch die Brustwarze ist durch die Narben gefühllos.

Als optischen Ausgleich trage ich eine Epithese. Zuhause ist es häufig ohne Epithesen-BH gemütlicher. Mit diesem habe ich aber die Möglichkeit, ohne Druck und mit so viel Zeit wie nötig, eine Entscheidung für oder gegen einen Aufbau zu treffen. Mein Partner unterstützt mich in meinen Entscheidungen. Attraktivität wird von der gesamten Ausstrahlung bestimmt. Und wenn man sich im eigenen Körper wohlfühlt, geht das auch ohne Brüste.

Die Vorstellung mich auch ohne Brüste wohlfühlen zu können, habe ich sowohl meinem Freund, als auch meinen Eltern und Freunden zu verdanken. Mit ihnen habe ich gesprochen. Ich habe ziemliches Glück, das ich von vielen Seiten Zustimmung erfahre, was meine Gedanken und mein Handeln betrifft. Es wird plötzlich sehr bedeutend, so angenommen zu werden, wie man ist: unvollkommen. Anstatt also nur über einen Brustaufbau nachzudenken, überlege ich tatsächlich, einen Abbau meiner gesunden Seite in Betracht zu ziehen. Ich möchte nicht mehrfach operiert werden, um einem Schönheitsideal gerecht zu werden. Häufig sind Ärzte von meinen Gedanken überrascht, schließlich hat man Jahre lang damit verbracht, die Medizin so zu verbessern, dass eine brusterhaltende Operation im Fokus steht. Für meinen Einzelfall muss man plötzlich umdenken.

Das bedeutet für mich, dass ich meine Meinung und meine eigenen Bedürfnisse den Ärzten deutlich machen muss, damit ich in meinem Körper leben kann. Ich versuche mich selbst neu zu empfinden und die Kontrolle über meinen Körper wieder zu bekommen. Ein großes Vorhaben ist es, mich tätowieren zu lassen für den Weg, den ich gegangen bin.

Im Großen und Ganzen kann ich Betroffenen nur raten, den eigenen Weg zu suchen. Freunde zu finden, die einen unterstützen, in dem sie einen so nehmen, wie man sein möchte. Nach der Tumor-OP sollten Entscheidungen ohne Druck und mit dem Pro und Kontra sowie dem Bauchgefühl gefällt werden, das kann auch fünf Jahre nach der ersten OP sein. Keine falsche Scheu vor einer professionellen Zweitmeinung, man muss sich schließlich im eigenen Körper wohlfühlen. Das ist nicht immer leicht und nach einer gewissen Zeit nach der Therapie verändert sich auch das Empfinden wieder. Nachdem die Krisensituation vorüber ist und das Gefühl der Lebensbedrohung abebbt, lebt man sich in den neuen Körper ein. Auch sollte man darauf achten, was der Operateur kann und welche Aufbaumethode – Implantat oder Eigengewebe – für einen infrage kommt.

Quelle: Leben? Leben! 1/2017

09.06.17

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