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Ernährung bei Histaminintoleranz: Worauf sollte man achten

Antje Müller ist Diplom-Ökotrophologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie ist seit 16 Jahren als Ernährungsberaterin tätig, arbeitet unter anderem im Bereich der Gesundheitsförderung für Krankenkassen und gibt Kurse zu verschiedenen Ernährungsthemen.

Histaminintoleranz bedeutet, dass manche Menschen in der Nahrung enthaltenes Histamin nicht vertragen und darauf mit körperlichen Symptomen reagieren. Es wird vermutet, dass Histaminintoleranz bei manchen Menschen eine Abbaustörung ist, d. h., ihr Körper produziert zu wenig von den Enzymen, die Histamin abbauen. Auf welche Nahrungsmittel gilt es bei Histaminintoleranz vorwiegend zu verzichten?

Als Faustregel kann man sagen: Menschen mit Histaminintoleranz sollten vor allem auf länger gereifte eiweißhaltige Lebensmittel verzichten. Denn Histamin entsteht in Lebensmitteln im Laufe von Umbauprozessen. Frisches Fleisch oder frischer Fisch enthalten so gut wie gar kein Histamin. Lagern diese jedoch bereits seit zwei Tagen im Kühlschrank, reagieren manche Menschen mit Histaminintoleranz nach dem Verzehr bereits mit Symptomen. Nach vier Tagen im Kühlschrank ist eine körperliche Reaktion bei Histaminunverträglichkeit dann schon die Regel. Es handelt sich dabei eigentlich um eine Vergiftung, auf die manche Menschen schneller, andere hingegen langsamer reagieren. Daneben enthalten viele fermentierte oder vergorene Lebensmittel Histamin, wie etwa Sauerkraut oder sauer Eingelegtes.

Neben den Speisen, die selbst größere Mengen Histamin enthalten, gibt es Lebensmittel, die Histamin im Körper freisetzen. Zu den bekanntesten gehören Erdbeeren, Zitrusfrüchte und Kaffee.

Als Drittes existiert eine Gruppe von Nahrungsmitteln, die andere biogene Amine enthalten, auf die Menschen mit Histaminunverträglichkeit ebenfalls empfindlich reagieren können. Zu ihnen gehören insbesondere Nüsse, hauptsächlich Walnüsse und Cashewnüsse. Die Speisen, die bei Histaminintoleranz mit Vorsicht zu genießen sind, summieren sich also.

Wie finden Betroffene heraus, wie viel Histamin sie vertragen?

Leider nicht über Bluttests oder andere medizinische Tests. Denn die Ursachen für eine Histaminunverträglichkeit sind noch nicht genau geklärt. Betroffene finden das Ausmaß ihrer Histaminverträglichkeit daher i. d. R. nur heraus, indem sie einen Auslassversuch durchführen. D. h.: Etwa zwei Wochen lang sollte man auf histaminhaltige Nahrungsmittel so weit wie möglich verzichten.

Die meisten Menschen, die mit Histaminintoleranz diagnostiziert wurden und zu mir in die Beratung kommen, sind dann erst einmal verunsichert. Die Listen mit histaminhaltigen Nahrungsmitteln verwirren dann eher und man fragt sich, was man während der Zeit des Auslassversuchs essen darf. Es entsteht leicht das das Gefühl: „Da bleibt ja gar nichts übrig.“ Und dann wartet man förmlich nach jeder Mahlzeit darauf, dass der Bauch, die Haut oder der Kreislauf reagiert.

Ich habe daher gute Erfahrungen damit gemacht, den Betroffenen Positivlisten mit den Nahrungsmitteln mitzugeben, die sie während der Auslassdiät essen dürfen. Gleichzeitig erhalten die Betroffenen noch eine Liste mit Nahrungsmitteln, bei denen sie vorsichtig sein sollten. Diese Speisen werden in der zweiten Phase allmählich wieder eingeführt. So kann man feststellen, wie viel Histamin sie individuell vertragen.

Zwei Wochen lang sollen die Patienten während des Auslassversuchs nach dieser festen Struktur essen und dabei genau beobachten, ob sich für sie etwas ändert. Es gibt nämlich auch Menschen, deren Symptome sich während des Auslassversuchs nicht verbessern. Das mag dann zwar für die Betroffenen erst mal unbefriedigend sein. Aber auch das Wissen, dass das Essen bei den Beschwerden nicht die Hauptursache ist, führt dazu, dass man wieder etwas unbefangener und vielfältiger essen kann. Und bei den Klienten, die merken, dass sich die Symptome verbessern, erfolgt ein schrittweiser Kostaufbau – ein Verfahren, das aus der Allergiediät kommt. Dabei behalten die Klienten die Basisdiät aus den zwei Wochen bei und fügen alle zwei Tage ein neues Lebensmittel hinzu, um dessen Verträglichkeit auszutesten.

Der Körper produziert ja auch selbst Histamin. Kann es daher sein, dass Betroffene an manchen Tagen histaminhaltige Nahrungsmittel besser vertragen und an anderen schlechter?

Ja. Deshalb ist für mich die Histaminintoleranz auch der Fiesling unter den Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Denn die Verträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel kann sich von Tag zu Tag unterscheiden. Das Problem bei Histaminintoleranz ist, dass sie von mindestens drei Faktoren abhängig ist: Zu den Vorgängen, die sich im Körper abspielen, kommen noch verschiedene Umwelteinflüsse hinzu – und der Histamingehalt der einzelnen Lebensmittel ist auch je nach Reifungsdauer oder Lagerung unterschiedlich.

Zu den Stoffen innerhalb des Körpers, die die Histaminunverträglichkeit beeinflussen, gehören etwa Hormone. So verschlimmern sich etwa die Beschwerden, die durch eine Histaminintoleranz ausgelöst werden, bei vielen Frauen vor der Menstruation. Auch Stress, der ebenfalls den Hormonhaushalt beeinflusst, hat Auswirkungen auf die Histaminintoleranz. Wenn dann noch Schlafmangel, Wetterfühligkeit oder ein Ortswechsel hinzukommen, wird es bei manchen noch schlimmer. Daneben spielen auch andere äußere Umstände wie etwa der Pollenflug eine Rolle. Histaminintolerante Pollenallergiker reagieren in der Pollensaison oft weitaus stärker auf Histamin als etwa im Winter. Während sie in der kalten Jahreszeit unter Umständen problemlos z. B. ein Stück Parmesan essen können, ist ihnen das während der Flugzeit „ihrer“ Pollen nicht möglich.

Demnach spielt auch die Psyche bei Histaminintoleranz eine gewisse Rolle, zum Beispiel bei Stress?

Zwar wirkt sich der seelische Zustand durchaus auf den Körper aus, dennoch muss man ganz pragmatisch fragen, was dieses Wissen den Betroffenen nützt. Wenn jemand Stress im Alltag hat, etwa weil der Hund verrückt spielt oder die Schwiegereltern ihn nicht leiden können, lassen sich die äußeren Umstände nur schwer ändern. Dann kann es z. B. passieren, dass nach dem Verzehr einer Orange das Gesicht an zu blühen fängt, obwohl Orangen sonst vertragen werden. Andererseits kenne ich Menschen mit Histaminintoleranz, die sagen, dass sie im Urlaub überhaupt nicht danach fragen, ob der Fisch am selben Tag gefangen wurde, und ihn sowie andere histaminhaltige Nahrungsmittel ohne Probleme vertragen. Trotzdem sind viele Klienten in der Ernährungsberatung es leid, in die „Psychoecke“ gedrängt zu werden. Denn die äußeren Faktoren lassen sich eben kaum ausschalten.

Was hilft Menschen mit Histaminintoleranz?

Helfen können bei Histaminintoleranz unter Umständen Medikamente. Bei manchen Betroffenen etwa greifen Antihistaminika ganz gut, anderen hilft ein (in Deutschland) frei verkäufliches Medikament, das hilft, das Histamin im Körper abzubauen. Es enthält das Enzym Diaminoxidase, das Histamin im Körper abbaut. Folgt man der Theorie, dass Histaminunverträglichkeit durch eine Störung des Diaminoxidase-Haushalts hervorgerufen wird, kann dieser Wirkstoff helfen. Deshalb kann es z. B. vor Feiern oder Essenseinladungen sinnvoll sein, diesen Wirkstoff zu nehmen.

Doch es scheint auch eine ganze Reihe Menschen zu geben, bei denen das Histamin durch die Darmwand nicht richtig transportiert wird. Denen hilft der genannte Wirkstoff leider nicht. Das kann man austesten, indem man den Wirkstoff ausprobiert – am besten an einem Wochenende, an dem man nach dem Verzehr histaminhaltiger Speisen nicht arbeiten muss. Falls es dann nicht klappt, kann man sich dann entsprechend schonen.

Was hilft im Umgang mit der Histaminintoleranz?

Ganz pragmatisch helfen technikaffinen Menschen beim Einkauf Apps, die histaminreiche und histaminarme Speisen auflisten. Auch der Austausch über Internetforen oder Internetgruppen kann hilfreich sein. Wobei: Er ist manchmal mit Vorsicht zu genießen, weil man dort immer wieder auf Menschen trifft, die nur ihre eigene Geschichte loswerden wollen, meinen die „Wahrheit“ für sich gepachtet zu haben, zu einem richtigen Austausch jedoch nicht bereit sind. Die meisten Betroffenen finden recht schnell heraus, wo sie sich gut aufgehoben und respektiert fühlen und wo nicht.

Als Ernährungsberaterin möchte ich auch noch darauf hinweisen, dass es keine Schande ist, den Umgang mit einer Histaminintoleranz nicht alleine hinzubekommen. Es kann sehr sinnvoll sein, eine professionelle Ernährungsberatung in Anspruch zu nehmen. Denken Sie daran: Niemand, der Rückenschmerzen hat, würde glauben, dass er allein mit den Schmerzen fertig werden muss. Stattdessen würde er seinen Arzt vielleicht darum bitten, Physiotherapie zu verordnen.

Ernährung ist leider immer noch ein Thema, bei dem viele Menschen glauben, sie müssten allein damit klarkommen. Bei der mittlerweile unüberschaubaren Vielfalt an hochverarbeiteten Lebensmitteln und dem Dschungel an Ernährungsdogmen ist das aber heute schwierig – selbst wenn man keine Unverträglichkeit hat. Eine professionelle Ernährungsberatung hilft bei allen ernährungsbedingten Problemen, eine bessere Struktur in die eigene Ernährung zu bekommen und im Idealfall Beschwerden auszuschalten. Außerdem entlastet sie den Arzt. Es ist daher gerade bei Nahrungsmittelintoleranzen sinnvoll, den Arzt auf ein Rezept für eine Ernährungsberatung anzusprechen. Oft wissen die Ärzte nicht einmal, dass mit dieser Bescheinigung die Krankenkassen einen Teil der Beratungskosten erstatten. Listen von anerkannten Berater/innen finden sich bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, dem Verband der Ökotrophologen und beim Verband der Diätassistenten.

Nicht zuletzt können auch Selbsthilfegruppen Menschen mit Histaminintoleranz Unterstützung bieten. Leider gibt es nicht überall vor Ort entsprechende Gruppen. Auskunft bieten i. d. R. Koordinierungsstellen für Selbsthilfegruppen.

Gibt es noch etwas, das Sie in Bezug auf Histaminintoleranz noch für erwähnenswert halten?

Ja. Viele Menschen mit Histaminintoleranz reagieren auf Zusatzstoffe in der Nahrung. Ein Effekt eines professionell erstellten Ernährungsplans ist es, dass er vielen Betroffenen zeigt, wie sie ihr Essen selbst zubereiten können – aus frischen Nahrungsmitteln, die keine Zusatzstoffe enthalten. Bislang ist es nämlich schwierig, bei einer Ernährung, die vorwiegend aus Fertigprodukten besteht, nachzuweisen, welche Stoffe neben Histamin Beschwerden hervorrufen.

Vielen Dank Frau Müller für das Gespräch.

Quelle: allergikus 3/2017

19.10.17

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