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Experteninterview mit Prof. Dr. med. Jürgen Barth

Im Rahmen unserer Interviewreihe stellen wir Prof. Dr. Jürgen Barth vor. Er war bis zu seinem Ruhestand Ärztlicher Direktor der Rehabilitationsklinik Nordfriesland.

Herr Prof. Dr. Barth, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Onkologie zu spezialisieren?

Ich bin eigentlich seit meiner Kindheit ein Mensch, der sehr intensiv mit seiner Umgebung lebt. Ich habe mir also immer einen Beruf gewünscht, in dem persönlicher Kontakt zu Menschen umsetzbar und möglich ist. Bei allen Schwierigkeiten, die heute mit dem modernen Arztberuf verbunden sind, ist dies nach wie vor in keinem anderen Beruf so gut umsetzbar. Im Rahmen meiner Facharztausbildung an der Universitätsklinik in Kiel habe ich mich neben den Lungenerkrankungen auch und gerade mit onkologischen Erkrankungen auseinandergesetzt. Für mein weiteres Berufsleben habe ich dann nach solchen Tätigkeitsfeldern gesucht, auf denen trotz und bei aller Spezialisierung innerhalb der Medizin der Blick für den ganzen Menschen nicht versperrt wird. Dabei bin ich auf die onkologische Rehabilitation gekommen.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

So schwierig das heutzutage im Berufsalltag ist: Mir ist wichtig, dass die Patienten ein offenes Ohr für ihre Anliegen finden, dass ihnen mit Interesse und Empathie begegnet wird und dass die Patienten auf eine Klinikumgebung treffen, die möglichst viel Individualität zur Stärkung der Persönlichkeit der Patienten zulässt.

Haben Sie neben Ihrem Beruf andere Betätigungsfelder oder Interessen, die Ihnen als „Kraftquellen“ dienen?

Sicherlich. Das ist in erster Linie meine Familie, das sind Freunde, das ist die Kunst sowie die klassische Musik und nicht zuletzt auch die norddeutsche Landschaft.

Welche Behandlungsstrategien empfehlen Sie bei Krebserkrankungen, von welchen würden Sie eher abraten?

Die Frage ist so einfach gar nicht zu beantworten. Die Behandlungsstrategien, die heute bei Krebserkrankungen empfohlen werden, sind mittlerweile in geprüften Leitlinien, die regelmäßig aktualisiert werden, festgelegt. An diese Empfehlungen sollten sich die behandelnden Ärzte unter Berücksichtigung der individuellen Situation der Patienten halten. Wichtig dabei ist, dass die behandelnden Ärzte diese Behandlungsstrategien mit den Patienten besprechen, damit die Patienten ihre Behandlung nicht nur verstehen, sondern auch hinter der Behandlung stehen können und diese aktiv unterstützen. Dies setzt auf ärztlicher Seite Kompetenz und aktuelles Fachwissen, aber auch Patientenzuwendung voraus, auf Patientenseite Vertrauen.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer im Wissen um die Erkrankung Krebs und ihre Behandlung?

Einer der großen Irrtümer im Wissen um die Erkrankung Krebs ist die weit verbreitete Einschätzung, dass es eine echte Behandlung sowieso nicht gibt. Ein weiterer Irrtum besteht sicherlich in dem oft gehörten Satz: „Nun kann man nichts mehr tun.“

Wie schätzen Sie den Einfluss psychologischer Faktoren auf die Krebsentstehung und den Krebsverlauf ein und auf welche Weise sollten sie bei der Therapieplanung berücksichtigt werden?

Mittlerweile haben verschiedene Studien belegt, dass es so etwas wie eine „Krebspersönlichkeit“, die zu einer Krebserkrankung disponiert, nicht gibt. Insofern ist die Krebsentstehung nicht eine Frage der Persönlichkeit oder der psychologischen Situation von Patienten vor Diagnose der Krebserkrankung. Hingegen ist eine psychologische Unterstützung beim Akzeptieren und Verarbeiten der Diagnose Krebs sehr hilfreich. Mittlerweile gibt es Ergebnisse aus Langzeitstudien, die belegen, dass eine gute Verarbeitung der Krebserkrankung und der Belastung der Therapie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann. Daher sollten neben den klassischen onkologischen Therapiemaßnahmen, wie Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie, auch psychoonkologische Therapieangebote berücksichtigt werden. Da die Diagnose Krebs und die damit verbundene, oft viele Monate dauernde Behandlungszeit einen unglaublichen Stress für die Patienten bedeuten, sind Techniken zum Stressabbau, wie etwa Entspannungstechniken, sehr hilfreich und sollten bereits in der Akutklinik eingeleitet werden. Selbstverständlich sind die Psychoonkologie sowie die Stressbewältigung ein Schwerpunkt auch in der onkologischen Rehabilitation.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Krebstherapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Ich bin ziemlich sicher, dass die nächsten Jahre Fortschritte in der Krebstherapie bringen werden. Die modernen Therapieansätze, die ihre Angriffspunkte in der speziellen Biologie der Krebszellen haben, werden die Therapiemöglichkeiten entscheidend verbessern. Hierzu gehören z. B. Antikörper, die die Bildung von tumorzugehörigen Blutgefäßen unterdrücken und/oder in die Wachstumssteuerung von Krebszellen eingreifen. Eine Reihe von Präparaten aus diesem Bereich stehen uns bereits zur Verfügung, weitere sind in der Testung bzw. in der Entwicklung. Fortschritte erwarte ich auch in der Entwicklung mehr individueller Chemotherapieansätze, die zu einer größeren Wirksamkeit der Chemotherapie führen können, bei gleichzeitig reduzierten Nebenwirkungen.

Welche Rolle spielen Patientenmagazine bei der Deckung des Informationsbedarfs der Betroffenen?

Während man noch vor Jahren, ganz und gar aber vor Jahrzehnten über die Krebserkrankungen gar nicht oder nur wenig sprach und dementsprechend auch die Patienten nur wenig wussten, haben Patienten heute einen enormen Bedarf, die Art der Krebserkrankung und natürlich dadurch auch die erforderlichen bzw. durchgeführten Therapiemaßnahmen zu verstehen. Der informierte, der „mündige Patient“ möchte auch fundiertes Wissen über diagnostische und therapeutische Möglichkeiten haben, um dieses Wissen ggf. auch gezielt zu nutzen. Dabei spielen Patientenmagazine eine große Rolle. Sie können durch Übersichtsartikel, durch spezielle Informationen, durch Erfahrungsberichte von Ärzten und Patienten den Informationsbedarf abdecken und damit die Unsicherheit, die Krebspatienten oftmals begleitet, deutlich reduzieren.

Welche Art von Informationen sollten solche Magazine liefern?

Patientenmagazine sollten in verständlicher Form übersichtliche Informationen über die Krebserkrankung selbst liefern, sie sollten Therapiemaßnahmen erklären, aber auch Hilfen im Umgang mit der Krebserkrankung bieten. Hierzu ist eine Mischung aus verständlich formulierten Fachartikeln durch Mediziner ebenso wie Erfahrungsberichte durch Patienten selbst hilfreich.

Inwieweit tragen Befund Krebs und Leben? Leben! aus Ihrer Sicht zur Aufklärung und Deckung des Informationsbedarfs bei?

Beide Patientenmagazine erfüllen aus meiner Sicht die Anforderungen an eine sinnvolle Mischung aus fachlicher Information, informativer Stütze und Aspekten der Lebenshilfe. Wir sehen täglich, wie intensiv Patienten diese Magazine lesen und sich auch über darin enthaltene Informationen austauschen.

Herr Prof. Dr. Barth, wir danken Ihnen sehr herzlich für Ihre Ausführungen.

Quelle: Befund Krebs 2/2008

28.05.08

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