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Experteninterview mit Prof. Dr. Johannes Jörg

Welche Behandlungsstrategien empfehlen Sie für Parkinson-Patienten, von welchen würden Sie eher abraten?

Die Behandlung sollte spätestens dann beginnen, wenn belastende Symptome auftreten. Die Art der Behandlungsstrategie hängt von der Art der Symptomatik und dem Alter des Patienten ab, da L-Dopa-Präparate beim Altersparkinson (> 70. Lebensjahr) viel besser vertragen werden und viel seltener nach Langzeitbehandlung zu motorischen Fluktuationen führen:

  • beim Altersparkinson vom Akinesetyp kann früh mit L-Dopa plus Benserazid (oder Carbidopa) begonnen werden. L-Dopa sollte immer mit einem MAO-B-Hemmer kombiniert werden. Je nach Verträglichkeit kann zusätzlich auch mit einem Dopaminagonisten kombiniert werden; hier sollte man ebenso wie bei Amantadinen wegen der Nebenwirkungen eher zurückhaltend sein.
  • beim Parkinsonkranken mit Beginn vor dem 70. Lebensjahr ist mit einem MAO-B-Hemmer immer einzustellen, alleine wegen des vermuteten neuroprotektiven, besser noch krankheitsmodifizierenden Effektes. Als Zweitmedikament kommen bei geringer Symptomatik Amantadine, bei deutlicherer Symptomatik sofort Dopaminagonisten hinzu. Erst nach mehrjähriger Therapie wird die Einstellung auf Dopa-Präparate nötig. Diese sollten aber die ersten Jahre nur in Kombination mit Amantadinen und Dopaminagonisten erfolgen.
  • Bei Auftreten von motorischen Fluktuationen und Dyskinesien sind Amantadine, COMT-Hemmer, L-Dopa-Retardpräparate, L-Dopa-Einnahme im Zwei-Stunden-Rhythmus über den Tag verteilt und retardierte Dopaminagonisten zwingend, bevor an Medikamenten-Pumpensysteme oder eine Hirnstimulation gedacht wird.
  • Im fortgeschrittenen Stadium der Parkinsonkrankheit muss die medikamentöse mehrgliedrige Therapie wieder bis hin zur alleinigen dopaminergen Therapie reduziert werden. Diese Bereitschaft zum medikamentösen Verzicht ist spätestens dann angezeigt, wenn Nebenwirkungen der einzelnen Antiparkinson-Medikamente nicht mehr durch Antipsychotika, Antiemetika etc. in den Griff zu bekommen sind.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer im Wissen um die Erkrankung Morbus Parkinson und ihre Behandlung?

Man glaubte viele Jahre, dass Pestizide oder Insektizide in der Pathogenese eine Rolle spielen könnten. Epidemiologische Untersuchungen in Stadt- und Landbevölkerungen haben diese Hypothese nicht bestätigen können. Sieht man sich Studien zu dem Ernährungsverhalten bis hin zur Koffein- oder Nikotin-Verbrauch an, findet man leider immer noch keinen überzeugenden Ernährungsansatz, um sich vor dem Auftreten von Parkinson schützen zu können.

Wie schätzen Sie den Einfluss psychologischer Faktoren auf den Krankheitsverlauf ein und auf welche Weise sollten sie bei der Therapieplanung berücksichtigt werden?

Regelmäßiges motorisches und kognitives Training sind für Gesunde und noch mehr für Kranke mit der Gefahr einer Demenzerkrankung sehr wichtig. Verhaltenstherapeutische Ansätze spielen in der Kupierung (Unterdrückung) der Freezing-Phänomene eine wichtige Rolle, da Medikamente beim on-Freezing meist versagen. Hier ist die enge Kooperation von Neuropsychologe und Physiotherapeut nötig.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Parkinson-Therapie und welche Erwartung haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Die motorischen Fluktuationen spielen in der L-Dopa-Langzeittherapie eine immer größere Rolle. Da beim fortgeschrittenen Parkinson aber u. a. die verlangsamten Magendarm-Entleerungszeiten mit zu diesen Problemen beitragen, müsste es in naher Zukunft gelingen, L-Dopa-Präparate zu entwickeln, die im Duodenum und Jejunum ähnlich wie bei der Pumpentherapie mit bestimmten Medikamenten eine kontinuierliche Freisetzung über mehr als 24 Stunden bewirken. Die bisherigen Retardierungs-Techniken mit L-Dopa sind leider noch sehr unbefriedigend.

In naher Zukunft müsste es auch technisch möglich werden, dass alleine mit Dopa-Tabletten-Einnahmen der Dopa-Serum-Spiegel gleich hoch wie unter der jetzigen Pumpentherapie zu halten ist, um damit die motorischen Fluktuationen und Dyskinesien zum Verschwinden zu bringen.

Bei der Entwicklung weiterer Dopaminagonisten erwarte ich deutlich stärkere antiakinetische und antidepressive Langzeiteffekte und weniger Nebenwirkungen (Tagesmüdigkeit, Übelkeit…). Dieser Ansatz ist für fortgeschrittene Stadien der Parkinsonkrankheit mit zunehmender Degeneration der präsynaptischen Neurone ebenso wichtig wie für die atypischen Parkinsonsyndrome.

Bei der Tiefen Hirnstimulation (THS) erhoffe ich mir für die Zukunft Systeme, die extern und damit ohne operative Implantation selektiv – ggf. an mehreren Stellen – stimulieren können. Bis es so weit kommt, werden aber wohl noch zehn bis 20 Jahre vergehen.

Prof. Dr. em. Johannes Jörg, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Quelle: Ratgeber Parkinson 2012

18.01.13

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