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Experteninterview mit Prof. Dr. med. Peter Berlit

Schlaganfallpatienten und ihre Angehörigen sind häufig unsicher und überfordert mit der Entscheidung, welche der möglichen Therapieoptionen nach dem Schlaganfall die beste für sie ist. Prof. Dr. Peter Berlit, Essen, gibt im Interview Auskunft über wichtige Fragen.

Prof. Berlit, wie verlaufen Behandlung und Rehabilitation?

In der Akutbehandlung des Schlaganfalles hat die Wiedereröffnung eines verschlossenen Gefäßes höchste Priorität. Standardtherapie ist die intravenöse Lyse innerhalb eines 4,5-Stunden-Zeitfensters.Ob später noch invasive Maßnahmen ergriffen werden, muss im Einzelfall anhand der Befunde (CT, MRT, Duplex) mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen diskutiert werden.

Für die Rehabilitation sind dann immer die individuellen Gegebenheiten des Patienten maßgeblich: Wie ist die berufliche Situation, wie sind die häuslichen Umstände? Natürlich ist für die Entscheidung, ob eine stationäre oder eine ambulante Rehabilitation infrage kommt, das Ausmaß der neurologischen Ausfälle nach Schlaganfall wichtig, aber die individuellen Besonderheiten müssen dabei stets berücksichtigt werden. Die Frage, ob eine krankengymnastische Behandlung ausreicht oder ob beispielsweise eine Logopädie, eine Ergotherapie, ein computergestütztes Training oder auch spezielle physikalische Maßnahmen erforderlich sind oder nicht, müssen individuell entschieden werden. Wichtig sind weiter gezielte Informationen zu Ernährung, sportlichen Aktivitäten und dem Umgang mit psychologischen Problemen.

Welche Behandlungsstrategien empfehlen Sie für Schlaganfall-Patienten, von welchen würden Sie eher abraten?

Die Vorbeugung nach einem stattgehabten Hirninfarkt erfolgt mit Azetylsalizylsäure (ASS) oder Clopidogrel bei Gefäßveränderungen und mit Antikoagulanzien beim Vorhofflimmern. Immer müssen bestehende Gefäßrisikofaktoren korrigiert werden. I. d. R. nicht indiziert sind sog. durchblutungsfördernde Medikamente, Vitamine oder Maßnahmen, die angeblich die Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessern sollten. Hingegen sind Ausdauersport, eine gesunde Ernährung mit Verzicht auf Rauchen und Alkohol wichtig.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer im Wissen um die Erkrankung Schlaganfall und ihre Behandlung?

Auch Laien sollten wissen, dass es sich bei einem Schlaganfall in 85 % der Fälle um eine Durchblutungsstörung des Gehirns handelt und in 15 % um eine Einblutung in das Hirngewebe. Die Tatsache, dass mindestens die Hälfte aller Schlaganfälle von Warnsymptomen angekündigt wird, ermöglicht im Einzelfall die Verhinderung bleibender Ausfälle. Leider werden die Warnsymptome (sog. TIAs) vom Betroffenen und seinen Angehörigen oft bagatellisiert. Aber auch flüchtige Gefühlsstörungen, eine flüchtige Ungeschicklichkeit der Hand, das vorübergehende Suchen nach Worten oder die vorübergehende Erblindung auf einem Auge müssen ernst genommen werden und gehören auf einer Schlaganfallspezialstation abgeklärt! Auch bei einem Patienten, der nur vorübergehend neurologische Symptome gehabt hat, kann die Kernspintomografie einen Schlaganfall zeigen! Was leider bezüglich der Behandlung auch viele Kranke nicht realisieren ist, dass die wirksamste Therapie, nämlich das Auflösen oder Entfernen von Gerinnseln aus den Hirngefäßen, nur innerhalb eines sehr engen Zeitfensters möglich ist. I. d. R. sollte innerhalb von 4,5 Stunden das Gefäß wieder eröffnet sein.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Schlaganfall-Therapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Eine ganz spannende Frage ist, wie sich die Möglichkeit der Thrombektomie weiter entwickelt. Wir wissen, dass wir mit der Medikamentenauflösung von Gerinnseln an unsere Grenzen kommen, wenn das Gerinnsel sehr lang ist oder wenn eine der großen Adern im Kopf verstopft ist. Dann reicht häufig ein solches Lysemedikament nicht aus und die einzige Möglichkeit, das Gefäß wieder zu eröffnen besteht darin, das Gerinnsel mechanisch zu entfernen. Es gibt Patienten, die nach der Entfernung eines Gerinnsels praktisch schlagartig wieder gesund sind, auch wenn sie vorher hochgradig gelähmt waren und nicht mehr sprechen konnten. Bei anderen Kranken funktioniert dies nicht. Wir müssen genau analysieren, welches die Kriterien für den Einsatz dieses invasiven und natürlich nicht ungefährlichen Verfahrens sind.

Ein großer Fortschritt ist auch die Entwicklung der neuen Antikoagulanzien, die im Unterschied zu Marcumar keiner ständigen Laborkontrolle bedürfen und die mit einem geringeren Blutungsrisiko einhergehen. Allerdings dürfen diese Medikamente nur eingesetzt werden bei der absoluten Arrhythmie bei Vorhofflimmern, nicht bei Herzklappenerkrankungen.

Bei dem sog. wake up stroke, d. h., bei Patienten, die morgens mit ihrem Schlaganfall aufwachen, müssen die Möglichkeiten der bildgebenden Diagnostik weiter ausgebaut werden, um in der Akutsituation entscheiden zu können, bei welchem Kranken noch invasive Maßnahmen wie Lysetherapien oder Thrombektomie vertretbar sind und bei wem nicht.

Wie schätzen Sie den Einfluss psychologischer Faktoren auf den Krankheitsverlauf ein und auf welche Weise sollten Sie bei der Therapieplanung berücksichtigt werden?

Wenn von einem Moment auf den nächsten wesentliche Funktionen durch einen Schlaganfall ausfallen – d. h., beispielsweise eine Lähmung auftritt, Sehstörungen resultieren oder nicht mehr richtig gesprochen werden kann, stellt dies eine enorme psychische Belastung des Betroffenen dar und reaktive depressive Verstimmungen sind häufig. Wenn ein depressiver Patient mit Rückzugstendenzen reagiert, ist dies absolut kontraproduktiv für alle Maßnahmen der frühen Rehabilitation – der Kranke arbeitet weder bei Krankengymnastik noch bei Ergotherapie oder Logopädie richtig mit. Deshalb ist es entscheidend, frühzeitig depressive Verstimmungen zu erkennen und auch zu behandeln. Es konnte in Studien gezeigt werden, dass der Einsatz sog. Serotoninwiederaufnahmehemmer auch bei Kranken, die nicht die typische Symptomatik einer Depression aufwiesen, die Rehabilitationsergebnisse verbessern konnten.

Quelle: Ratgeber Schlaganfall und Aphasie 2014

15.09.14

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