- Anzeige -
Curado.de Logo

Sie sind hier: Startseite - Krankheiten - Stoffwechselerkrankungen - Diabetes mellitus - Therapie - Experteninterview mit Frau Prof. Dr. med. A.-G. Ziegler

Experteninterview mit Frau Prof. Dr. med. A.-G. Ziegler

Im Rahmen unserer Interviewreihe setzen wir die Vorstellung der Mitglieder unseres wissenschaftlichen Beirats fort, die der Redaktion von Befund Diabetes mit medizinischen Beiträgen und ihrem Fachwissen beratend zur Seite stehen. In dieser Ausgabe möchten wir Ihnen Frau Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler vorstellen. Sie ist Chefärztin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Suchtmedizin am Klinikum Schwabing in München und Leiterin des Instituts für Diabetesforschung an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums rechts der Isar der TU München.

Frau Prof. Dr. Ziegler, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Diabetologie zu spezialisieren?

Prof. Ziegler: Ich wollte eigentlich nicht unbedingt Ärztin werden und auch nicht Diabetologin. Ich habe Medizin studiert, weil meine Eltern es wünschten. Neben der Medizin habe ich auch Philosophie studiert. In die Diabetologie kam ich als Studentin im Praktischen Jahr (PJ) per Losverfahren. Allerdings hat mir die Arbeit in der Diabetologie am Klinikum Schwabing so viel Spaß gemacht, dass ich noch während meines PJs eine Doktorarbeit über „Immunphänomene beim Typ-1-Diabetes“ begann und ein Stellenangebot in der Anästhesiologie ausschlug. Seitdem bin ich dem Fachgebiet treu geblieben – fasziniert durch meine Lehrer Hellmut Mehnert und Eberhard Standl am Klinikum Schwabing und George Eisenbarth an der Joslin Clinic der Harvard Medical School in Boston und getrieben von dem Wunsch, den Ursachen der Diabeteserkrankung auf die Spur zu kommen und eine Therapie zu entwickeln, die Diabetes heilen oder verhindern kann. Ich habe es seitdem nie bereut, den Arztberuf gewählt zu haben, ganz im Gegenteil.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

Prof. Ziegler: Höchste Kompetenz und Kontinuität. Diabetes bedeutet für den Patienten eine dauerhafte Anstrengung und ständiges Engagement für eine gute Stoffwechseleinstellung und die richtige Lebensführung. Menschen mit Diabetes bedürfen immer wieder der Unterstützung zur Motivation und auch immer wieder einer Anpassung der Therapie an eine veränderte Lebenssituation.

Haben Sie neben Ihrem Beruf andere Betätigungsfelder oder Interessen, die Ihnen als „Kraftquellen“ dienen?

Prof. Ziegler: Die Berge (Bergsteigen, Ski fahren, auf Skitouren gehen, radeln), Lesen sowie Theater- und Opernbesuche.

Worin sehen Sie das größte Problem bezüglich der wachsenden Anzahl von Betroffenen?

Prof. Ziegler: Sowohl die Anzahl der Menschen mit Typ-1- als auch Typ-2-Diabetes nimmt drastisch zu. Seit der Jahrtausendwende war beim Typ-1-Diabetes z. B. ein Anstieg der Neuerkrankungen bei Kindern von ca. 9 % zu verzeichnen. Ich befürchte, dass eine gute Versorgung aller Menschen mit Diabetes bei einer derartigen „Epidemie“ nicht sichergestellt ist. Chronische Erkrankungen wie Diabetes verursachen hohe Kosten – differenzierte, kostenintensive Therapien können möglicherweise bald nicht mehr finanziert werden. Das könnte aber einen Rückschritt in der Qualität der Versorgung der Menschen mit Diabetes bedeuten.

Welchen Einfluss hat der Lebensstil auf den Diabetes?

Prof. Ziegler: Der Einfluss des Lebensstils auf die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes ist unumstritten. Aber auch beim Typ-1-Diabetes werden Ernährungsfaktoren und Umweltfaktoren – vor allem in frühster Kindheit – als Triggerfaktoren für die Entstehung von ß-Zellautoimmunität und damit von Typ-1-Diabetes diskutiert. So haben Studien aus Deutschland gezeigt, dass eine zu frühe Einführung von Beikost, insbesondere von Getreide im ersten Lebensjahr eines Kindes, mit einem erhöhten Diabetesrisiko einhergeht. Studien aus den USA und Finnland haben ähnliche Daten veröffentlicht, wobei in Finnland nicht so sehr das Getreide, sondern vielmehr Beeren und Obst in den ersten Lebensmonaten mit einem erhöhten Diabetesrisiko in Zusammenhang gebracht wurden. Aber auch Infektionen bzw. das Fehlen von Infektionen, also eine übertriebene Hygiene, werden mit Typ-1- Diabetes in Verbindung gebracht. Beim Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, d. h. die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse werden vom körpereigenen Abwehrsystem fälschlicherweise zerstört. Wie hängen nun frühkindlicher Lebensstil und Typ-1-Diabetes zusammen? Forscher diskutieren, dass das Verdauungssystem eine wichtige Rolle bei der Reifung des körpereigenen Abwehrsystems spielt und der Kontakt zu Fremdstoffen wie Nahrung einerseits und Bakterien und Infektionen andererseits die Entwicklung des Verdauungssystems und somit des Abwehrsystems beeinflusst.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer im Wissen um die Erkrankung Diabetes und ihre Behandlung?

Prof. Ziegler: Bis heute wird meiner Meinung nach nicht ausreichend darauf geachtet, dass Menschen mit Diabetes – insbesondere Typ-1-Diabetes – vom Zeitpunkt der Diagnose an sofort und andauernd eine exzellente Stoffwechseleinstellung haben. Auch wenn diabetesassoziierte Komplikationen selten innerhalb der ersten fünf bis zehn Jahre nach Beginn der Erkrankung auftreten, zeigen die Daten der amerikanischen DCCT-Studie eindeutig, dass Menschen mit Diabetes ein sog. Stoffwechselgedächtnis haben und dass eine hervorragende Diabeteseinstellung, d. h. ein normaler HbA1c- Wert von nicht über 6,5 %, innerhalb der ersten Jahre nach Diabetesmanifestation sich noch Jahrzehnte positiv auf die Verhinderung von Diabeteskomplikationen auswirkt.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Diabetes-Therapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Prof. Ziegler: Die Impfung zur Verhinderung von Typ-1 bei Risikopersonen und die Zellersatztherapie bei Menschen, die bereits an Typ-1-Diabetes erkrankt sind. Ich glaube, dass es innerhalb der nächsten zehn Jahre möglich sein wird, eine Impfung mit Insulin oder anderen Bestandteilen der Betazelle zu entwickeln, die einer Fehlentwicklung des Abwehrsystems bei Risikopersonen vorzeitig entgegenwirkt. Damit könnten Personen mit erhöhtem Diabetesrisiko (z. B. Verwandte oder Personen mit bestimmten Risikogenen) vorbeugend behandelt werden. Auch für Personen, die bereits erkrankt sind, gibt es eine Reihe von Neuentwicklungen in der Zellersatztherapie und Immuntherapie. Hier erwarte ich mir einen Fortschritt und eine Weiterentwicklung aus dem Tierversuch hin zur Anwendung beim Menschen innerhalb der nächsten Jahre.

Welche Rolle spielen Patientenmagazine zur Deckung des Informationsbedarfs der Betroffenen?

Prof. Ziegler: Sie spielen eine sehr wichtige Rolle, denn Menschen mit Diabetes sind ja in vielen Situationen ihr eigener Arzt. Sie kontrollieren und therapieren ihren Stoffwechsel und wissen oftmals sehr gut Bescheid über ihre Erkrankung. Es ist deshalb absolut wichtig, die Patienten über Neuentwicklungen aufzuklären und über alle Aspekte der Diabeteserkrankung zu informieren.

Inwieweit trägt Befund Diabetes aus Ihrer Sicht zur Aufklärung und Deckung des Informationsbedarfs bei?

Prof. Ziegler: Befund Diabetes ist eine exzellente Zeitschrift und ein wichtiger Baustein im Informationssystem für unsere Patienten.

Vielen Dank, Frau Prof. Ziegler.

aus Befund Diabetes 3/2007

04.01.08

Newsletter An-/Abmeldung

Code: FMYS