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Geschichte der MS

Menschen, die an MS erkrankten, gab es mit großer Wahrscheinlichkeit bereits im Mittelalter. So soll die später heiliggesprochene niederländische Nonne Lidwina von Schiedam (1380–1433) MS gehabt haben – sie ist zumindest die Erste, bei der Krankheitssymptome beschrieben wurden, die der MS zugeschrieben werden können. Doch erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Medizin so weit, dass sie Krankheiten und auch das Nervensystem wissenschaftlich untersuchte. 1824 wurde das klinische Bild der MS erstmals beschrieben, 1838 zeigten erstmals Zeichnungen des schottischen Pathologen Robert Carswell, die er auf Grundlage von Autopsien angefertigt hatte, physiologische Veränderungen, die als MS gewertet werden können.

Es sollte dann noch bis 1868 dauern, bis der durch Nervenschädigungen gekennzeichneten Krankheit der Name Multiple Sklerose verliehen wurde. Bereits 1849 veröffentlichte der deutsche Arzt Friedrich Theodor von Frerichs eine medizinische Abhandlung, in der eine Krankheit beschrieb, die er „Hirnsclerose“ nannte und die mit „psychischen Störungen“ einherging. Der deutsche Pathologe Georg Eduard von Rindfleisch machte 1863 entzündliche Prozesse als Ursache für die Schädigung von Nervenfasern bei der noch nicht als MS bezeichneten Krankheit aus. Doch erst der französische Neurologe und Pathologe Jean-Martin Charcot, der auch als „Vater der Neurologie“ bezeichnet wird, stellte die MS 1868 als eigenständige Krankheit dar, nachdem er bei einer jungen Frau neurologische Probleme festgestellt, diese genau beschrieben und im Anschluss an ihren Tod ihr Gehirn untersucht hatte. Er machte sog. Plaques im Gehirn für die neurologischen Ausfälle verantwortlich. 1891 führte der deutsche Mediziner Heinrich Quincke die erste Lumbalpunktion durch, die später eine wesentliche Rolle für die Diagnose der MS spielen sollte. 1919 wurden erstmals bei MS-Patienten Veränderungen des Nervenwassers (Liquors) festgestellt, die jedoch noch nicht eingeordnet werden konnten.

Die Rolle des Myelins

Zum Verständnis der Krankheit MS trug zudem eine Entdeckung des französischen Mediziners und Anatoms Lois-Antoine Ranvier bei. 1878 fand er heraus, dass das von dem berühmten deutschen Arzt Rudolf Virchow schon 1854 beschriebene Myelin die Nervenfasern ummantelt und eine schnelle Informationsübertragung ermöglicht. Bei der MS wird die Myelinschicht durch entzündliche Prozesse zerstört und damit die Informationsübertragung gestört. 1916 untersuchte der Schotte James Dawson die Gehirne von Menschen mit MS unter dem Mikroskop und beschrieb die entzündlichen Veränderungen im Nervengewebe. 1925 entwickelte der Brite Edgar Douglas Adrian das erste Verfahren zur Messung von Nervenaktivität und erhielt 1932 für seine Arbeit über die Funktionsweise von Nervenfasern den Nobelpreis. 1928 schließlich wurden die Zellen entdeckt, die das Myelin produzieren: die Oligodendrozyten. Etwa zu dieser Zeit glaubten die Mediziner noch, dass ein Giftstoff, der aus dem Blut zu den Nervenfasern gelangt, bei MS die Myelinschicht schädigt. Manche vermuteten hingegen, dass die Krankheit durch eine Virusinfektion hervorgerufen wird, da einige Menschen nach Impfungen gegen Virusinfektionen MS-ähnliche Symptome entwickelten. Doch die Forschungen des US-amerikanischen Arztes Thomas Rivers deuteten bereits 1935 darauf hin, dass es Zellen des körpereigenen Immunsystems sein mussten, die das Myelin zerstörten. Er injizierte Labortieren virusfreies Myelin, woraufhin deren Körperabwehr damit begann, das körpereigene Myelin zu zerstören, und sich MS-ähnliche Symptome einstellten. Rivers hatte damit zugleich das spätere Tiermodell für die MS entwickelt, experimentelle allergische bzw. autoimmune Enzephalomyelitis (EAE) genannt. An Tieren (hauptsächlich Mäusen) mit EAE werden noch heute Forschungen zur MS angestellt.

Intensivierte Forschung zu MS

Die Forschung zu MS hatte bis nach dem Zweiten Weltkrieg zwar nicht stillgestanden, doch erst, nachdem der Bruder der US-Amerikanerin Silvia Lawry an MS erkrankte, wurde sie verstärkt vorangetrieben. Lawry suchte zunächst über eine Anzeige in der New York Times nach Menschen, die von der MS geheilt wurden. Zwar erhielt sie zahlreiche Rückmeldungen, doch keiner der Betroffenen kannte eine Behandlung, die geholfen hatte. Lawry gründete daraufhin 1946 die National MS Society der USA, um den Austausch zwischen Medizinern und Betroffenen im ganzen Land zu fördern, Geld zu sammeln und schließlich ein Heilmittel für die MS zu finden. Die National MS Society forcierte die Forschung zur MS, sodass in den Folgejahren u. a. Möglichkeiten zur Diagnose (Liquordiagnostik) entdeckt wurden und die Beziehung zwischen der Krankheit und dem Immunsystem deutlich wurde, obwohl die Mediziner noch bis in die 1950er-Jahre hinein glaubten, dass Probleme mit dem Blutkreislauf die Erkrankung auslösten. Weltweit gründeten sich nun nationale MS-Gesellschaften, die sich auf Lawrys Betreiben 1967 in der Multiple Sclerosis International Federation (MSIF) zusammenschlossen.

Entwicklung von Therapien

Nachdem die National MS Society ein Expertenteam zusammengestellt hatte, um Richtlinien für die Diagnose der MS zu entwickeln, wurde in den 1960er-Jahren erstmals eine klinische Studie zur Behandlung der MS mit einem Hormon (ACTH, adenocorticotropes Hormon) durchgeführt, das die Kortisonausschüttung aus der Nebennierenrinde fördert. Eine Gruppe von Patienten erhielt ACTH, eine andere ein Scheinmedikament. Dabei zeigte sich, dass unter der Behandlung mit ACTH körperliche Beeinträchtigungen zurückgingen. Ersetzt wurde die Behandlung mit ACTH später durch die Therapie mit hoch dosiertem, intravenös verabreichtem Kortison, das auch heute noch eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS-Schüben spielt.

In späteren Jahren wurden zusätzliche Diagnoseverfahren (evozierte Potenziale, 1972: Computertomografie = CT) für die MS etabliert, zugleich begannen die ersten Studien mit Interferon-beta zur Behandlung der MS. 1993 wurde das erste Beta-Interferon zur verlaufsmodifizierenden Therapie der MS in den USA zugelassen. 1981 haben Mediziner in England festgestellt, dass sich MS auch mit dem neuen Diagnoseverfahren Magnetresonanztomografie (MRT) feststellen ließ, wodurch häufigere Untersuchungen möglich wurden (die CT ist wegen der hohen Belastung des Körpers mit Röntgenstrahlung dafür eher ungeeignet). Mithilfe der MRT stellte sich 1988 auch heraus, dass es sich bei der MS um eine Krankheit handelt, die stetig voranschreitet. Bis dahin dachten die Forscher, dass dies nur während der Schübe der Fall sei. 2001 wurden die sog. McDonald-Kriterien eingeführt zur Diagnose und Klassifizierung der MS, die zuletzt 2010 überarbeitet wurden.

Einige Zeit nach Einführung des ersten Medikaments zur verlaufsmodifizierenden Therapie wurden zwei weitere Beta-Inferone als Standardwirkstoffe zugelassen, 2002 schließlich der Wirkstoff Glatirameracetat. 2013 kam mit Teriflunomid europaweit das erste Medikament zur Behandlung der MS in Tablettenform auf den Markt, 2014 folgte Dimethylfumarat. Für die Behandlung hochaktiver Verlaufsformen stehen mit Alemtzumab, Fingolimod und Natalizumab 2015 weitere Medikamente zur Verfügung. Interferon-beta sowie Mitoxantron werden zur Behandlung der sekundär progredienten MS ohne aufgesetzte Schübe eingesetzt.

Quelle: Befund MS 3/2015

16.12.15

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