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Ich liebe das Leben

Alles begann im Februar 1997. Empfindungsstörungen schlichen sich über den kleinen Finger der linken Hand den Arm entlang. Nach drei Tagen hatten sie den Oberkörper erreicht. Meine Haut fühlte sich an, als wäre sie mit einer fremden Schicht überzogen. Die eigenen Berührungen waren fremd und unangenehm.

Mein Hausarzt schickte mich zum Kardiologen. Aber mit dem Herzen war alles in Ordnung. Ich musste weiter zur Neurologie. Doch der Termin lag so weit voraus, dass die Empfindungsstörungen längst verschwunden waren, als ich der Ärztin von ihnen berichtete. Sie waren gegangen, wie sie gekommen waren. Schleichend. Heimlich. Doch nun waren sie weg. Das war für mich die Hauptsache.

Die Neurologin konnte nichts feststellen. Meinen Schilderungen begegnete sie mit Ratlosigkeit und Skepsis. „So was gibt es nicht. Das bilden Sie sich alles nur ein!“, lautete ihre knappe Diagnose. So ging ich mit meinen Einbildungen und ein wenig Groll gegen die Ärztin nach Hause. Nur weil ihr nichts einfiel, musste sie mich doch nicht für verrückt erklären, oder?! Aber ihr Urteil hatte mich tiefer getroffen, als ich es mir eingestand.

Ein halbes Jahr lang hatte ich Ruhe. Doch zum Ende des Semesters kehrte das Abnorme zurück: Taubheit an den Händen, mir war schwindelig. Alles nur Einbildung? Gerade hatte ich die Prüfungen absolviert und freute mich auf die Ferien. Die ersten zwei Wochen trat ich zwangsweise kürzer. Dann war der Spuk vorbei.

Nach weiteren sechs Monaten kamen die seltsamen Empfindungen zurück. Dazu gesellten sich Probleme beim Laufen: aufgeschlagene Knie, blaue Flecke. Ich fiel Treppen hinauf, nicht hinunter. Warum tat der rechte Fuß nicht mehr das, was er sollte? Ich konnte nicht mehr abschätzen, wie hoch ich ihn hob. Und wenn ich ihn aufsetzen wollte, war nichts zum Aufsetzen da. Ich stolperte und fiel. Das war keine Einbildung mehr! Die Probleme wuchsen und sie blieben. Allmählich bekam ich Angst.

Erst im Januar 1999 entschied ich mich, erneut einen Arzt aufzusuchen. Das Laufen war inzwischen sehr beschwerlich geworden. Meine Füße und Beine fühlten sich betonschwer an. Sie hatten ihr Gewicht verdreifacht. Ich konnte nicht mehr geradeaus gehen. Für meine Wege brauchte ich die doppelte Zeit. Auch die Empfindungsstörungen, die meine Haut befallen hatten, konnte ich deutlich spüren. Das alles waren die Anzeichen dieser mysteriösen Erscheinung.

Der ausschlaggebende Moment ereignete sich auf einer Treppe zur U-Bahn. Mein Blick heftete sich an die Stufen, um mir zusätzlich Halt zu geben. Zu unsicher war ich geworden. Einer meiner Fehltritte führte für einen mir entgegenkommenden Passanten zum Seitenhieb. Meine Finger hielten sich verkrampft am Geländer fest, um zu verhindern, dass ich vollends das Gleichgewicht verlor. Erschrocken blickte ich auf. Der Mann war längst weitergelaufen. Doch ich hörte seine Beschimpfungen noch lange Sekunden durch die Steinwände des Gewölbes hallen. „Besoffen. Schon am helllichten Tag. Furchtbar diese junge Frau. Es wird immer schlimmer.“ Ich war so erschöpft von allem. Was hatten meine „Einbildungen“ nur aus mir gemacht?! Oder steckte doch mehr dahinter?

Der Besuch bei dem zweiten Neurologen brachte schnell Gewissheit. Bereits nach meiner kurzen Einleitung ahnte er, was vor sich ging. Doch er sagte nichts. Er überwies mich zum MRT. Und siehe da, aus dem Hinweis der Schwester, mich mit den Untersuchungsergebnissen schnellstmöglich an meinen Arzt zu wenden, schloss ich, dass es erkenntnisreiche Befunde gab. Irgendetwas Physisches war nicht in Ordnung. Ich bildete mir das alles nicht ein! Ich war nicht verrückt! Erleichtert und beschwingt verließ ich das Krankenhaus. Drei Tage später hatte ich die Diagnose MS. Ich fiel tief.

Erst als die Kortisongaben mir mein Gleichgewicht zurückbrachten und ich meinen alten Gang wieder spüren konnte, erfüllte mich Hoffnung. Innerhalb weniger Tage verflüchtigten sich die Symptome. Ich lernte, mich selbst zu spritzen: erst an einer Tomate mit Wasser, dann an mir selbst. Ich fand mich in die Lage versetzt, der Krankheit etwas entgegenzusetzen. Es ging mir besser. Als ich das Krankenhaus verließ, kam mir das Leben viel wertvoller vor.

Erst viel später wurde mir bewusst, wie sehr mich diese Ereignisse prägten. Sie stärkten mich für spätere Schicksalsschläge. Sie halfen mir dabei, sie zu durchleben, ohne aufzugeben und zu verzweifeln. Denn ich hatte gelernt, dass sich neue Türen öffnen, wenn sich alte Wege verschließen. Ich hatte erfahren und erfahre es immer wieder, dass sich Erhofftes erfüllt. Ich bin sehr dankbar dafür. Ich will leben und ich liebe das Leben.

2014 veröffentlichte ich einen Roman über einen der schwersten Schicksalsschläge meines Lebens: den Freitod meines Mannes. Er war Alkoholiker, süchtig, mehrfachabhängig von Alkohol, Nikotin und Schmerztabletten. Ich merkte es anfänglich nicht und ich brauchte Jahre, um mir einzugestehen, dass es so war. Als ich die Wahrheit begriffen hatte, wollte ich Thomas heilen. Ich blickte auf ein ganzes Meer an Erfahrungen zurück, Leute in diversen Situationen und zu verschiedenen Problemen eifrig und engagiert zu unterstützen. Das konnte ich gut, hatte ich doch schon als Kind die Rolle der Problemlöserin und Unter-die-Arme-Greiferin angenommen. Ich hatte gelernt, hohe Maßstäbe zu definieren und mich und andere daran zu messen. Nichts ging mir gut und schnell genug. Ich hatte immer Tipps und Ratschläge parat. Die Latte hatte ich nach ganz oben gelegt.

Doch die Aufgabe, die ich mir nunmehr auferlegt hatte, scheiterte kläglich. Thomas nahm sich 2011 das Leben. In dieser Zeit war es für mich besonders wichtig, mich auf die bereits erlebten Wunder zu besinnen. Irgendwann schaffte ich es tatsächlich, alles dankbar anzunehmen, was gut für mich war und was mir in Liebe gegeben wurde. Das Leid, das mich und meinen Sohn damals umgab, verlor nach und nach an Dominanz.

Meine Welt ist wieder bunt und froh geworden. Ich habe einen Verlag gegründet. Bücher verschiedener Autoren habe ich veröffentlicht, die Mut und Kraft geben. Und ab und zu tauche ich hinein in die Welt der Kinder. Mein eigener Verlag ist entstanden und er wächst. Er wächst langsam. Und genauso ist es gut. Die Maßstäbe, die heute für mich gelten, sind Liebe und Frohsinn. Hier können Sie meinen Roman Suizid – Die Rückkehr des Lichts erhalten.

Andrea Schröder

Quelle: Befund MS 1/2017

03.05.17

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