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Interview mit Dr. jur. Bruno Pfeifer

Dr. jur. Bruno Pfeifer erlitt im Februar 2003 einen schweren Schlaganfall. Hier berichtet er offen über seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Hirninfarkt und seinen Folgen.

Herr Dr. Pfeifer, der Schlaganfall überraschte Sie während des Skifahrens. War Ihnen die Tragweite dessen, was Ihnen widerfährt, bewusst?

Im ersten Moment nicht, denn in den ersten Stunden besserte sich die Symptomatik. Und als sie sich dann lebensbedrohlich verschlechterte, war ich für mehrere Tage bewusstlos, bekam Krampfanfälle und musste mehrfach operiert werden. Als ich aufwachte, konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Ich konnte kein Wort mehr sprechen und war halbseitig rechts gelähmt. Da war mir klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Aber was daraus in der Zukunft werden würde, war mir natürlich nicht klar. Ich ging davon aus, dass es rasch besser wird.

Wie kamen Sie nach den ersten Monaten Reha im täglichen Leben zurecht?

Als ich in die Reha kam, konnte ich schon sehr mühsam einzelne Wörter sprechen, verstand aber vieles nicht und hatte große Probleme, gehen zu lernen und mit den Aktivitäten des täglichen Lebens zurechtzukommen. Schließlich konnte man den Blasendauerkatheter entfernen, und ich lernte, mich mit Hilfe anzuziehen. Am schwierigsten war die Aphasie, die mich erheblich behinderte, weil ich bei den einfachsten Dingen Probleme hatte, mich zu verständigen. Erst nach längerer Reha konnte ich am Hirtenstock gehen und sogar den Weg nach Hause sehr langsam zu Fuß zurücklegen.

Meine wichtigste Hilfe in der Reha und auch jetzt nach sieben Jahren war und ist meine Überzeugung, dass ich noch einiges besser machen und weiter lernen kann. Ich mache immer noch geringe Fortschritte. Meine gute Stimmung hat mich glücklicherweise nie verlassen. Man glaubt es mir oft nicht, aber ich war tatsächlich nie depressiv, obwohl so viele Patienten nach Schlaganfall in eine Depression fallen.

Wie hat der Schlaganfall ihr Familienleben verändert?

Vier Monate nach meinem Schlaganfall brachte meine Frau unser zweites Kind auf die Welt, und ich sah in der Reha-Klinik, wie es dort auf dem Flur laufen lernte. In Wirklichkeit hatte meine Frau neben unseren beiden kleinen Kindern noch ein drittes, nämlich mich, zu versorgen. Sie war damit überfordert, obwohl die Familie bei der Versorgung mithalf. Und wir konnten uns in den spannungsgeladenen Situationen nicht verständigen, weil ich mich nicht ausdrücken konnte. Das führte dann dazu, dass meine Frau sich nach einem Jahr von mir trennte, zu einem neuen Partner zog und die Kinder mitnahm. Ich zog zu meinen Eltern zurück. Dort lebe ich jetzt selbstständig und sehe meine Kinder regelmäßig.

Sie haben seit dem Schlaganfall große Fortschritte gemacht, haben aber auch sicherlich immer wieder Rückschläge erleben müssen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Natürlich gab es Komplikationen, aber ich habe mich nie zurückwerfen lassen. Meine positive Einstellung ist eine entscheidende Hilfe. Es ist wie beim Skifahren: Wenn ich hinfalle, stehe ich wieder auf und fahre weiter. Es hat keinen Sinn, über das Hinfallen zu lamentieren.

Sie fahren wieder Auto, Fahrrad, sogar Ski – haben Sie noch Ziele für die Zukunft?

Ich bin schon gleich, nachdem ich wieder Auto fahren durfte, allein nach Spanien und später oft nach Frankreich gereist, wo die Verwandtschaft meiner Mutter lebt. Ich möchte auch weiter oft reisen. Ich unternehme alles, um trotz meiner gelähmten rechten Hand möglichst selbständig zu sein: Ich schreibe inzwischen links, fotografiere und filme, bearbeite alle Bilder und Filme selbst am PC, führe meine Korrespondenz mit dem PC und Telefon. Ich gehe gern ins Kino und die Oper. Und wenn ich Lust habe, spiele ich mit der linken Hand Klavier. Inzwischen bin ich Botschafter der Stiftung Schlaganfallhilfe und halte mit Freude regelmäßig Vorträge in ganz Deutschland.

Herr Dr. Weller, der Arzt, der das Buch über mich geschrieben hat, fährt manchmal mit. Dann halten wir den Vortragsabend gemeinsam. Er spricht über meine medizinischen Belange, und ich zeige, wie ich mit den Handicaps zurechtkomme. Und er „übersetzt“ oder formuliert oft, wenn ich nicht fließend genug sprechen kann – so wie in diesem Interview auch. Die Tätigkeit im Kirchengemeinderat meiner Gemeinde macht mir viel Spaß. Und besonders wichtig ist mir der regelmäßige Kontakt mit meinen Kindern. Ich fahre Liegedreirad und gehe jedes Jahr einmal zum Skifahren. Mein großer Traum ist, wieder im Tiefschnee fahren zu können.

Durch meine Aphasie kann ich sehr schlecht lesen, aber ich verstehe gut, wenn ich die Sätze höre. Deshalb lasse ich mir täglich von einer Software alle Texte vorlesen, die ich per E-Mail erhalte. Auch meine abonnierte Tageszeitung höre ich auf diese Weise im PC. Damit bin ich gut informiert. Mithilfe von Korrekturprogrammen kann ich auch weitgehend Schreibfehler vermeiden, wenn ich mit E-Mail antworte. Mein Leben ist sehr erfüllt, und ich bin offen für die Überraschungen, die es noch für mich bereit hält.

Welchen Rat würden Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Am wichtigsten erscheint mir, jeden Tag alles für ein gesundes und bewusstes Leben zu tun. Da wir nicht wissen, ob und wann auch so ein gesunder Mensch wie ich vom Schlaganfall getroffen wird, brauchen wir eine positive Lebenseinstellung, um mit Konflikten richtig umzugehen. Und dann habe ich noch meinen tiefen Glauben, und ich sehe jeden Tag, dass Gott es trotz allem gut mit mir meint.

Quelle: Ratgeber Schlaganfall und Aphasie 2012

18.01.13

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