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Neue Hoffnung bei Leukämie: Medikamente gegen Osteoporose und Rheuma

Das Immunsystem ist entscheidend bei der Entstehung von Krebs. Denn ein Tumor wächst nur, wenn entartete Zellen dem Immunsystem entkommen. Forscher können jetzt das Immunsystem im Blut stärken – dabei helfen bestimmte Antikörper, die für ganz andere Krankheiten bereits zugelassen sind, etwa Osteoporose oder Rheuma. Sie könnten zukünftig Leukämiepatienten das Leben retten, berichtet die Wilhelm-Sander-Stiftung.

Das Immunsystem gilt als neuer Hoffnungsträger in der Krebsbehandlung – 2013 kürte das Forschungsmagazin Science die Immuntherapie als „Wissenschaftsdurchbruch des Jahres“. Auch deutsche Forscher tragen immer mehr Erkenntnisse zu den Mechanismen der Immunabwehr bei Krebs bei. Das Team von Helmut Salih, Universitätsklinikum Tübingen, hat gezeigt, wie Leukämiezellen die körpereigene Abwehr austricksen – und dabei einen Weg gefunden, wie diese Erkenntnisse für die Behandlung von Leukämiepatienten verwendet werden könnten.

Natürliche Killerzellen als Ansatzpunkt

Dazu hatten die Forscher ganz bestimmte Komponenten des Immunsystems im Visier, die natürlichen Killerzellen, NK-Zellen. Sie spielen als erste Verteidigungslinie des Immunsystems vor allem bei Blutkrebs eine Rolle. Aber erst in den letzten Jahren sind die Mechanismen, durch welche NK Zellen entartete Blutzellen erkennen und abtöten, besser verstanden worden. Heute weiß man, dass die Aktivität der NK-Zellen durch eine Balance aus aktivierenden und hemmenden Eiweißmolekülen, auch Rezeptoren genannt, reguliert wird. Gleichzeitig ist aus anderen Studien inzwischen klar, dass ein Tumor, um wachsen zu können, eine Umgebung braucht, die mitspielt. Diese Umgebung schafft sich der Krebs selbst – Forscher nennen das die „Tumor-Wirt-Interaktion“.

Ein Trick der Tumorzellen ist es dabei, aktive NK-Zellen lahmzulegen, wenn diese zur Abwehr anrücken. So entkommen die Krebszellen den Killerzellen und können sich weiter unbehelligt vermehren. Die Wissenschaftler rund um Helmut Salih haben sich auf dieses Wechselspiel der Tumor- und NK-Zellen konzentriert. Sie hatten dabei vor allem eine bestimmte Gruppe von Rezeptoren im Blick, die zur Molekülfamilie der Tumor-Nekrose-Faktoren (TNF) gehören. Dabei gelang es den Forschern nicht nur, das Zusammenspiel zwischen Tumor und Immunsystem besser zu verstehen. Die Forscher experimentierten gleichzeitig damit, die speziellen Eiweißmoleküle der Tumorzellen, welche die NK-Zellen hemmen, mit sog. Antikörpern zu blockieren.

Antikörper an Leukämiezellen getestet

Natürliche Antikörper können an fremde Stoffe und Eindringlinge, etwa Bakterien, binden und diese neutralisieren. Sobald das geschieht, reagiert der Körper mit einer Immunantwort, um die Eindringlinge zu beseitigen: Im Blut werden die NK- und andere Killerzellen aktiv. Um nun trotz der hemmenden Eiweißmoleküle eine Immunreaktion gegen die Tumorzellen hervorzurufen, arbeitete das Team rund um Helmut Salih mit Antikörpern, die für ganz andere Krankheiten zugelassen sind, etwa für Knochenerkrankungen wie Osteoporose, oder rheumatische Erkrankungen wie Lupus erythematodes. Dabei handelt es sich um eine Rheumaform, die das Bindegewebe angreift.

Im Blut von Patienten mit Leukämie testeten die Wissenschaftler im Labor, wie die bereits anwesenden, aber vom Tumor gelähmten Killerzellen reagieren, wenn die Antikörper dazu kommen. Der Gruppe gelang es dabei, zwei vielversprechende Kandidaten zu finden: ein Antikörper bei der Behandlung von Osteoporose sowie einen Antikörper, der bei Lupus erythematodes eingesetzt wird. Beide sind seit Jahren erprobt, aber auf ihre Eignung für eine Immuntherapie von Krebs bisher nicht getestet worden.

Aktivierung der Abwehrzellen gelungen

In den Untersuchungen führten diese Antikörper im Blut von Leukämiepatienten dazu, dass die zuvor abgeschalteten Abwehrzellen aktiv wurden: Sie griffen Leukämiezellen an und vernichteten sie. Helmut Salih sieht darin einen wichtigen Erfolg: „Unsere Ergebnisse zeigen nicht nur einen neuen Weg auf, wie das Immunsystem gegen Krebszellen mobilisiert werden kann. Sie enthalten auch einen wichtigen Aspekt, der erst auf den zweiten Blick erkennbar ist: Diese beiden Antikörper sind bereits verfügbare Medikamente, die die schwierigen und zeitaufwändigen Schritte der Entwicklung bis zum möglichen Einsatz beim Menschen schon hinter sich haben. Jetzt haben wir sie für die Krebstherapie neu entdeckt.“

In der nächsten Stufe möchten die Krebsforscher mit den Herstellern der Antikörper darüber verhandeln, wie diese so schnell wie möglich konkret in der Krebsbehandlung getestet werden können. Denn zwischen der Blutprobe im Labor und der Etablierung einer Behandlung von Patienten liegen noch einige Schritte.

Möglichst schnell an Krebspatienten testen

Helmut Salih zielt besonders auf die Übertragung von Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung in eine verbesserte Behandlung von Patienten. Sein Spezialgebiet ist die Interaktion zwischen Tumor und Immunsystem. „Wenn wir auf molekularer Ebene Zusammenhänge und Mechanismen untersuchen, ergeben sich oft vielversprechende Ergebnisse. Der Schritt vom Labor in die Klinik, um diese dann auch für den Patienten nutzbar zu machen, ist aber ein Nadelöhr, denn dieser Übergang ist sehr langwierig und teuer. Wir arbeiten also vor allem daran, diesen Prozess schneller zu machen, damit der Fortschritt auch beim Patienten ankommt“, sagt der Forscher.

Den Einsatz der beiden bereits bekannten Antikörper in der Krebstherapie sieht optimistisch: „Unsere Entdeckungen ersparen uns – und vor allem den Patienten – möglicherweise bis zu zehn Jahre Zeit, die die Entwicklung und Herstellung von neuen Antikörpern meistens verschlingen. Ich persönlich würde mich auch selbst, wenn ich z. B. Blutkrebs hätte und die Standardtherapie nicht anschlägt, sofort als Proband für so eine neue Studie melden. Denn ich bin sicher, dass dieser Ansatz richtig ist.“

Quelle: Befund Krebs 5/2015

28.01.16

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