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Erfahrungsbericht: Um meine Hüften und Bauch ist es bunt.

Um meine Hüften und Bauch ist es bunt. Schöne, bunte Pünktchen in verschiedenen Formen. Ausgebreitete rote, blaue, grüne, gelbliche und ein bisschen lila ist auch dabei. Unmöglich, dies in die Öffentlichkeit zu stellen. Also: Bikini ist nicht!

Ich spritze. Seit März. 3x pro Woche, montags, mittwochs und freitags. Suche hierfür stets eine andere Stelle Speck. „Es kann zu Nebenwirkungen kommen!“ Sehe ich, spüre ich. Wie Grippe, rasender Kopf. Mächtiger Haar-Ausfall, Traurigkeit, mir ist zum heulen zumute. Hinzu kommt die Beziehungs-Phase – Mann weg. Keine Schulter zum anlehnen. Kein Trost. Keine Tränen. Nur still abends alleine im Bett. Werde ich jemals wieder jemanden finden? Jemand, der sich mit so einem bunten Bauch zufrieden gibt?

Die Blase hält auch nicht mehr das, was sie nach Entwöhnung des Windeltragens vor 37 Jahren versprochen hat. Pipi-Schübe. Kaum zu bändigen. So wie heute. Weniger trinken? Auch nicht so doll. Vorlagen für die ältere Generation benutzen? Ich bin nicht alt. Könnte mich aber aus der einen oder anderen peinlichen Situation heraus manövrieren. Ganz diskret, ganz ohne Geruch, ganz sauber.

Cortison-Infusionen, dann übergehend in Tabletten-Form. Interferon-Spritzen. MRT, VEP…regelmäßige Tests. „Hüpfen sie doch mal auf einem Bein! Zeigefinger auf die Nase, aber Augen zu!“ Alles kein Problem. Die Medikamente schon. Sie nerven. Verstopfen mich. Ich walze wie eine aufgedunsene Wasserleiche durch die Straßen. Erst mal wieder Sport-Verbot. Joggen und andere Anstrengungen sind vorerst tabu. Bis zur letzten Tablette. Aber dann…dann geht’ s wieder los. Jawohl! Stress. Aber eigentlich doch nicht. Oder doch? Ausbildungs-Stress. Mehr jedoch dieser Beziehungs-Phasen-Stress.

Ach, ja… der Schub. Da rede ich und rede ich. Und kein Mensch weiß, worüber ich da fasele.
„Encephalomyelitis disseminata“ …Ence… was? Für den einen oder anderen vielleicht besser bekannt als Multiple Sklerose. Nein, es ist keine Knochen-Muskel-Schwund-Erkrankung, wie viele fälschlicherweise denken. Mein Körper greift sich selber an. Eine Autoimmun-Erkrankung. Entzündungs-Herde entstehen in Hirn oder Rückenmarkskanal. Diese bewirken, bei mir, Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Extremitäten oder Rumpf. Motorische Ausfälle hatte ich zum Glück bis jetzt noch nie. Nur Schwindel-Attacken, Gang-Unsicherheit auf unebenen Wegen. Komisches Gefühl. Wie besoffen, ich schieße nach vorne, kein Halt. Da schläft was ein, da gehört was nicht zu mir. Fremdkörper. Aber warum schläft da jetzt was?

Vor ca. 10 Jahren wurde die Diagnose zufällig, wie so oft, gestellt. Aufgrund einer ganz anderen, wesentlich harmloseren Sache, wurde ich damals in die so genannte Röhre gesteckt. Oder auch MRT oder auch Magnetresonanztomographie. Was war das? Lauter helle Flecken auf dem Hirn verstreut. Keine bunten wie auf meinem Bauch und Hüften. Nein. Sie waren und sind fast weiß, gräulich. Doppel-Bilder. Sie blieben, da unerkannt, nicht behandelt. Weitere Untersuchungen folgten. Lumbal-Punktion, zig Tests wie „Schachbrett-gucken“, Stromstöße durch Extremitäten fließen lassen. „Hüpfen Sie mal! Gehen Sie bitte mal auf und ab. Arme ausstrecken und Augen zu!“ All so nette Spielchen. Dann das schockierende Ergebnis: „Sie haben MS!“

Peng! Donnerschlag! Boden weg! Sprachlosigkeit! Rollstuhl! Gehunfähig! Allein! Mann weg! Behindert! Unfähig! Vorbei! Aus! Alles auf einmal! Wie in Trance schwallen diese Worte und Gedanken auf mich zu. Wie eine Monster-Welle schlagen sie über mich hinweg und begraben meine Seele. Stille! Nichts mehr. Resignation. Bücher ohne Ende einverleibt. Foren im Internet ausgequetscht.

Ein MRT-Erlebnis, pur, live dabei…

Ich liege auf einer gefühlten 30 cm breiten Pritsche. Bekomme einen Venen-Zugang für das Kontrast-Mittel gelegt. „Kopf-Geschirr“ drüber geschnallt, Kopfhörer mit Musik von Elton John. Elton wird mich nun ca. 30 Minuten auf meiner Fahrt durch die Galaxis begleiten. Er wird über mich wachen, mir beistehen. Noch die Not-Schelle in die Hand und ab geht’ s. Ich schließe die Augen, bevor meine Phantasie mit mir durchbrennt. Lag nun schon so oft in diesem Ungetüm, aber weiß nicht, wie es von innen aussieht. Besser ist das. Bin nun bis zum Oberkörper gefangen. Eng. Keil-Kissen unter den Knie-Kehlen. Es soll ja bequem sein. Möglichst nette Atmosphäre schaffen in diesem gleich hermetisch abgeriegelten Raum.

Ich bin drin. Elton säuselt in meinen Ohren. Möchte mitwippen, mitsingen. Aber muss nun still und starr verharren. Kein Mucks, kein Schlucken, kein Husten oder Niesen. Was mache ich bloß, wenn’ s mich im Gesicht juckt? Was, wenn ich tierisch pinkeln muss? So, wie heute!
Die Maschine beginnt zu arbeiten. Maschinen-Gewehre ballern an mir vorbei. Ich zucke, erschrecke mich. Die Augenlider zittern. Elton, wo bist du? Höre dich nur noch aus der Ferne. Bleibe bloß bei mir. Halte mir die Hand! Stille! Nun hämmert es. TACK-TACK-TACK… Stille! Aha, das Maschinen-Gewehr ist wieder an der Reihe.

Zur Hälfte geschafft. Das Kontrast-Mittel wird nun in die Venen gejagt. Es läuft eiskalt und blitzschnell durch meinen Kopf. Ich spüre es förmlich, wie es sich ausbreitet. Ich schmecke es auch: typischer Krankenhaus-Desinfektions-Geruch-Geschmack. Ich atme kurzzeitig tief ein. Das Gefühl des Flusses ist merkwürdig, ein bisschen angst einflößend. Wie der kalte Tod, der seine Hand nach mir ausstreckt. Sekundenbruchteile Panik Was mache ich, wenn ich das Zeug nicht vertrage? Drücke ich die Not-Schelle? Wie oft? Hebe ich die Hand und rufe „Stopp!“?

Heute dachte ich für Sekunden an „Germany’ s next Topmodel“. Oh, Gott, herrje, wie komme ich nur darauf? Welche Röcke hängen eigentlich in meinem Schrank? Welche Farben und Formen haben sie? Ich konnte mich nur an drei erinnern. Es ist fast Sommer und ich freue mich plötzlich auf meine Röcke. Zu Hause schaue ich erst mal in den Schrank.

TACK-TACK-TACK…RATTER-RATTER-RATTER…
Ein Hubschrauber fliegt über mich hinweg und schießt seine Munition ab. Was mache ich eigentlich, wenn es plötzlich zu einem Erdbeben kommt? Krieg? Aliens den Raum stürmen und das Personal töten? Wenn die Leute auf der anderen Seite der Glasscheibe Feierabend machen und mich vergessen? Werde ich bis morgen in Schichten ausklamüsert auf der ach so schmalen Pritsche liegen? Dünne Scheibchen meines Kopfes? Käme ich alleine aus diesem Monstrum heraus, wenn eines der oben genannten Vorfälle passieren würde? Ich müsste zum ersten Mal die Augen öffnen. Ein Alptraum. Wie von all den Schläuchen, Kopf-Geschirr, Pflastern und Notschellen befreien? Rausreißen? Die Tür geht auf. Geschafft. Kein Erdbeben, kein Krieg, keine Aliens. Langsam gleite ich aus dem Raumschiff heraus. Werde von allem Zubehör befreit und kann aufstehen. Danke! Immer gerne! Bis zum nächsten Mal. Wenn ich Glück habe, sehen wir uns erst in 1 Jahr wieder. Ansonsten vielleicht schon eher.

Ich komme mir ein wenig verrückt vor. Bin ich es? Was werden da für merkwürdige Dinge in mir frei gesetzt? Sind das die kleinen bösen Männchen, die sich massig in die noch so kleinste Hirn-Windung pressen, die mir wörtlich den letzten Nerv rauben? Schnappe ich über? Nagt da jemand an der grauen, kaputten Masse, die in der Hirn-Schale liegt? Anfällig, zerstört, vernarbt! Entzündet, verklumpt, irreparabel! Für immer tot! Wer greift da an? Welcher feige Kerl? Los, zeige dich! Verlasse dein Versteck. Wie viel hast du schon gefressen, zerstört? Wo wirst du weiter machen? Wirst du irgendwann satt? Oder hast du dir fest vorgenommen, alles zu vertilgen, bis zum letzten Krümel? Sieht so deine Bestimmung aus? Ist dies deine Aufgabe, die dir an deiner Geburt zuteil wurde? Die du nun pflichtbewusst und ehrgeizig bis zum bitteren Ende durch führst? Völlige Zerstörung? Völlerei? Oder lässt du mir noch ein kleines Stückchen?

Quelle: Marion Berger

14.07.08

Erfahrungsbericht: Um meine Hüften und Bauch ist es bunt.
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