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Experteninterview mit Prof. Dr. med. J. Jörg

Im Rahmen unserer Interviewreihe setzen wir die Vorstellung der Mitglieder unseres wissenschaftlichen Beirats fort, die der Redaktion von Befund MS mit medizinischen Beiträgen und ihrem Fachwissen beratend zur Seite stehen. In dieser Ausgabe möchten wir Ihnen Herrn Prof. Dr. Johannes Jörg, den ehemaligen Direktor der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie des Klinikums Wuppertal, vorstellen.

Herr Prof. Jörg, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Neurologie zu spezialisieren?

Prof. Jörg: Die Bewältigung sozialer Konflikte war für mich ebenso wie die Unterstützung krank gewordener Menschen ein Lebensziel am Ende meiner Schülerzeit auf einem humanistischen Gymnasium. Die Folge war, dass ich entweder ein Richteramt und damit das Jurastudium oder ein ärztliches Amt und damit das Medizinstudium ausgewählt hatte. Nach einem Studium generale mit Jura im ersten Semester merkte ich dann sehr schnell, dass mir der Umgang mit den kranken Menschen, psychologische ebenso wie ethische und soziale Fragen fehlen würden,wenn ich das Jurastudium fortsetzte. Demzufolge habe ich mich für das Medizinstudium entschieden, insbesondere weil hier auch naturwissenschaftliche und psychologische Fragen mein besonderes Interesse geweckt hatten. Grund für die Neurologie war die Tatsache, dass ich in meiner Medizinalassistentenzeit noch Gynäkologie, Anästhesie, Chirurgie und Innere Medizin jeweils mehrere Monate lernen durfte und mir hierbei schnell klar wurde, dass gerade in der Inneren Medizin eine Spezialisierung zwingend ist und neurologische Fragen in einem Allgemeinkrankenhaus viel zu kurz kommen. Entsprechend wollte ich den Schwerpunkt Neurologie in die Innere Medizin bringen, bin aber dann wegen der Faszination der neurophysiologischen, neurologischen und neuropsychologischen Fragen in der Neurologie hängen geblieben und würde sie heute als die Königsdisziplin aller medizinischen Fächer ansehen.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

Prof. Jörg: Das Besondere der Neurologie ist der Ablauf jeder Untersuchung, der mit einer Schilderung der Akutbeschwerden des Patienten beginnt und der nach einer sorgfältigen Untersuchung auch ohne Einsatz weiterer Hilfsmethoden in 70-80 % der Fälle bereits das Stellen derVerdachtsdiagnose, zumindest aber das Eingrenzen des Syndroms mit der Lokalisation des Prozesses erlaubt. Zur Stellung der richtigen Diagnose ist aber die Qualität der Anamnesebzw. Fremdanamneseerhebung von besonderem Wert, sodass der Umgang mit dem Patienten auf gleicher Augenhöhe zu erfolgen hat.

Haben Sie neben Ihrem Beruf andere Betätigungsfelder oder Interessen, die Ihnen als „Kraftquellen“ dienen?

Prof. Jörg: Neben meiner neurologischen Tätigkeit sind besondere Tätigkeitsfelder die Lehre der Studenten an der Universität Witten/Herdecke, der Psychologiestudenten an der Universität Wuppertal und die Bearbeitung wissenschaftlicher Fragen. Ein weiterer Kraftquell ist das Engagement an Fortbildungsveranstaltungen im nationalen und auch internationalen Bereich und bei wissenschaftlichen Kongressen, wobei hier meine Schwerpunkte die evozierten Potenziale, Rückenmarkerkrankungen, extrapyramidale Erkrankungen und die neurologische Intensivmedizin sind. Weitere nicht medizinische Interessen sind der Umgang mit der Natur zusammen mit meiner Frau, die mir hier als Gartenarchitektin besondere Dienste leistet.Neben der Erholung in der Natur ist die Musik – und hier neben der Orgel das Klavier und die Ziehharmonika – ein besonderer Schwerpunkt. Als Rotarier fühle ich mich darüber hinaus sozialen und außerberuflichen Fragen besonders verpflichtet.

Welche Beratungsstrategien empfehlen Sie für MSPatienten, von welchen würden Sie eher abraten?

Prof. Jörg: Die Behandlungsstrategien bei der MS sind standardisiert und ich rate jedem Patienten, die Schubbehandlung bei der MS möglichst unter hohen Dosen Prednisolon über 3-5 Tage durchführen zu lassen. Zur Schubprophylaxe sind bei milden Verläufen Azathioprin und Interferon, bei schweren Verläufen Mitoxantron oder Zyklophosphamid indiziert. Seit einem Jahr besteht nun auch die Möglichkeit, bei fehlender Effektivität von Interferonen oder Copaxonen, den Antikörper Natalizumab einzusetzen. Neben dieser immunsuppressiven Therapie rate ich dem Patienten zur symptomorientierten Behandlung, z. B. zur Behandlung des imperativen Harndrangs mit Restharnbildung, der Spastik,der multiplen Schmerzen oder auch der Begleitdepressionen.Gerade die symptomorientierte Behandlung kommt oft zu kurz, da Patient und Arzt häufig nur wenig Gewicht auf diese Behandlungsstrategie legen. Abraten möchte ich grundsätzlich von allen Therapiemethoden, bei denen nicht zweifelsfrei eine Wirksamkeit belegt ist.

Was sind Ihrer Ansicht nach Irrtümer im Wissen um die Erkrankung Multiple Sklerose und Ihre Behandlung?

Prof. Jörg: Bei der Behandlung der Multiplen Sklerose ist es immer wieder zu erheblichen Irrtümern gekommen. Ich selbst bin z. B. durch eine Ärztin auf die Möglichkeit der Schweinehirnimplantation zur MS-Behandlung hingewiesen worden. Zusammen mit Prof. Bauer aus Göttingen hatte ich diese naturwissenschaftlich nicht nachvollziehbare Methode unter den damaligen Bedingungen der 80er Jahre abgelehnt.Trotzdem bekam der damalige jugoslawische Arzt eine Arbeitserlaubnis und konnte über ein halbes Jahr sein Unwesen als MS-Behandler treiben. Ich selbst konnte zwölf Patienten nachuntersuchen; in zwei Fällen lag gar keine MS, sondern eine ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) vor. Der behandelnde Arzt war kein Neurologe. Ich habe zahlreiche weitere Patienten gesehen, die durch andere Therapien immer wieder strohhalmähnliche Hoffnungen entwickelten. Gerade bei der Therapie der MS handelt es sich um eine Behandlung wie ein Chamäleon, bei der auch trotz der einen oder anderen fragwürdigen Therapie Beschwerdefreiheit erreicht werden kann. Hier kann daher nur eine saubere Studienlage Grundlage einer Therapieempfehlung sein.

Wie schätzen Sie den Einfluss psychologischer Faktoren auf die MS-Entstehung und den Krankheitsverlauf ein und auf welche Weise sollten sie bei der Therapieplanung berücksichtigt werden?

Prof. Jörg: Psychologische Faktoren kann ich bei der MS-Entstehung nicht beobachten. Wichtig ist aber gerade in der Zeit des Internets, dass man dem Patienten ehrlich und offen seine Kenntnisse und Therapievorschläge vermittelt und ihn bei der Therapieplanung als Partner in das Pro und Kontra der einzelnen Therapiemethoden einbezieht.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der MS-Therapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Prof. Jörg: Die immunsuppressive Therapie mit Interferonen bzw. Copolymer, Mitoxantron, Cyclophosphamid, Immunglobulinen und nicht zuletzt die Antikörperbehandlung haben zu einer erheblichen Verbesserung der Krankheitsverläufe geführt, wenn man noch an die Behandlungsmethoden der 70er Jahre mit Quecksilberschmierkuren, Antiphlogistikagaben sowie ACTH-Infusionskuren denkt. Es dürfte auch in den nächsten Jahren im Rahmen der Entwicklung von Autoantikörpern zu weiteren Verbesserungen kommen.

Welche Rolle spielen Patientenmagazine bei der Deckung des Informationsbedarfs der Betroffenen?

Prof. Jörg: Patientenmagazine haben ebenso wie Selbsthilfegruppen den Sinn, die Patienten über ihre Erkrankung und deren optimale Therapie bestmöglich zu informieren. Jeder Arzt wünscht sich einen Patienten, der auf gleicher Augenhöhe mit ihm Diagnostik und Therapie besprechen kann. Sowohl die Selbsthilfegruppen als auch die Patientenmagazine motivieren den Patienten, durch Teilnahme an Gruppenarbeiten, wie Krankengymnastik, Gesprächstherapie etc., weitere Hilfen bei der Bewältigung seiner Erkrankung zu erfahren. Patientenmagazine sollten transparent die Problematik der jeweiligen Erkrankungen und deren Therapie darstellen, damit der Patient niemals den Eindruck gewinnt, dass einzelne Artikel durch Sponsoren gefärbt sein könnten.

Inwieweit trägt Befund MS aus Ihrer Sicht zur Aufklärung und Deckung des Informationsbedarfs bei?

Prof. Jörg: Das Patientenmagazin Befund MS ist aus meiner Sicht zur Aufklärung und Deckung des Informationsbedarfs von MS-Patienten bestens geeignet. Ich halte die Aufmachung neben dem Inhalt für ganz hervorragend, sodass ich es in der Regel schon nach zwei bis drei Tagen durchgelesen habe, was bei der Flut von Fachinformationen für mich die absolute Ausnahme ist. Ich wünsche dem Patientenmagazin Befund MS weiterhin viel Erfolg, als Mitglied des wissenschaftlichen Beirates dieses Patientenmagazins werde ich mein Bestmöglichstes dazu leisten.

Herr Prof. Jörg, wir danken Ihnen herzlich für Ihre Ausführungen.

Quelle: Magazin “Befund MS”

15.01.08

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