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Experteninterview mit Prof. Dr. med. M. Bähr

Fachwissenschaftliche Informationen patientengerecht aufbereiten – das gelingt uns dank der wissenschaftlichen Beiräte, die der Redaktion mit ihrem Fachwissen beratend zur Seite stehen. Mit unserer neuen Reihe geben wir Ihnen die Gelegenheit, diese Experten näher kennen zu lernen. Wir beginnen mit Herrn Prof. Dr. med. Mathias Bähr, Leiter der Abteilung Neurologie der Universitätsklinik Göttingen.

Herr Prof.Bähr,warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Neurologie zu spezialisieren?

Prof.Bähr: Meine Motivation Medizin zu studieren resultierte zum einen aus meinem generellen Interesse an der Erforschung der Ursachen von Erkrankungen, der Möglichkeit direkt mit Menschen zu arbeiten und natürlich auch etwas „Nützliches“ zu tun, indem man Krankheiten bekämpft. Ich war dabei schon primär an der Funktionsweise des Nervensystems interessiert, weil ich mich bereits in der Schulzeit und später während meines Studiums intensiv mit philosophischen Fragen speziell zu den Grundprinzipien des menschlichen Denkens beschäftigt hatte. Ursprünglich war meine Motivation hier, eine medizinische Ausbildung zu machen und dann Psychoanalytiker zu werden. Zur Neurologie kam ich über Umwege, indem ich zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft in der Neuropathologie arbeitete, um Geld zu verdienen und später dort promovierte. Mein damaliger Mentor, Prof.Peiffer, riet mir dann, in Tübingen in die Neurologie zu gehen, weil dort zu diesem Zeitpunkt eine angesehene klinische und wissenschaftlich stimulierende Umgebung gegeben war.

Was ist Ihnen besonders wichtig im Umgang mit Ihren Patienten?

Prof. Bähr: Im Umgang mit Patienten sind mir zwei Dinge wichtig:Zum einen sehe ich mich als Berater des Patienten, indem ich versuche, im Hinblick auf diagnostische und therapeutische Entscheidungen bestmögliche Informationen zu liefern. Zum anderen sind mir im persönlichen Kontakt Offenheit, Aufrichtigkeit und Empathie extrem wichtig. Ich versuche dabei trotz der zunehmenden Ökonomisierung und des herrschenden Zeitdrucks genügend Zeit, Ruhe und Verständnis für den einzelnen Patienten zu finden.

Haben Sie neben Ihrem Beruf noch andere Betätigungsfelder oder Interessen, die Ihnen als „Kraftquellen“ dienen?

Prof.Bähr: Ich versuche neben dem Beruf meine Interessen für Literatur, Kunst und Sport zu pflegen, wenn möglich im Rahmen meiner Familie, die mir auch als Hauptkraftquelle dient.

Welche Behandlungsstrategien empfehlen Sie für MS-Patienten, von welchen würden Sie eher abraten?

Prof. Bähr: Ich empfehle Patienten zunächst eine gründliche Analyse der Erkrankung,des Erkrankungsstadiums und evtl. auch der Verlaufsform, um eine maßgeschneiderte Therapie zu konzipieren. Speziell bei der Auswahl von Präparaten zur Schubprophylaxe sind diese Faktoren von entscheidender Bedeutung. Abraten würde ich dringend von nicht evaluierten alternativ- medizinischen Strategien,die das Immunsystem unspezifisch stimulieren oder aktivieren, wie z. B. der Einsatz von nicht-menschlichen Zellen, Gewebeextrakten oder anderen nicht klassifizierten Substanzgemischen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Irrtümer im Wissen um die Erkrankung MS und Ihre Behandlung?

Prof. Bähr: Wie bei allen Autoimmunerkrankungen, die z. T. durch Außeneinflüsse in ihrem Verlauf und ihrer Ausprägung beeinflusst werden, gibt es für die MS eine Reihe von Heilversprechungen, die sich scheinbar im Einzelfall auch bestätigen, da sich die Erkrankung gerade zu Beginn häufig auch ohne spezifische Therapiemaßnahmen spontan zurückbildet. Außerdem gibt es, was z.T. falsch dargestellt wird, sehr gutartige Verläufe, die auch über viele Jahre hinweg zu keiner wesentlichen Behinderung führen. Hier haben auch Scharlatane ein weites Betätigungsfeld. Diese vermitteln den Patienten manchmal den Eindruck, mit ihren Methoden die Erkrankung heilen zu können. Wir wissen jedoch, dass es sich um keine heilbare, sondern um eine nur durch gezielte Therapien in ihrem Verlauf modulierbare Erkrankung handelt. Hier ist es wichtig, dem Patienten gegenüber offen und ehrlich zu sein und ihm nicht die falsche Hoffnung zu geben, die Erkrankung könne – durch welche Maßnahme auch immer – geheilt werden.

Wie schätzen Sie den Einfluss psychologischer Faktoren auf die MS-Entstehung und den Krankheitsverlauf ein und auf welche Weise sollten sie bei der Therapieplanung berücksichtigt werden?

Prof.Bähr: Psychologische Faktoren spielen eine extrem wichtige Rolle bei der MS. Dies fängt bei den engen Verbindungen zwischen Psyche und Immunsystem an und hört bei der grundsätzlichen Lebenseinstellung der Erkrankung gegenüber auf. Die Kunst des Arztes ist es zum einen zu erkennen, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Konsequenz Patienten über eine möglicherweise vorliegende MS aufgeklärt werden sollten, bis hin zur Beratung,inwieweit sie ihr Leben darauf einstellen müssen. Insofern ist der psychologischen Betreuung,Beratung und auch dem gezielten Einsatz von professioneller Hilfe im Verlauf der Erkrankung ein extrem hoher Stellenwert einzuräumen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die Erfolg versprechendsten Forschungsansätze in der MS-Therapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Prof. Bähr: Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen der vergangenen Jahre scheint mir in der Zukunft ein zweigleisiger Ansatz zur Behandlung der MS am erfolgversprechendsten zu sein. Zum einen sehe ich in der konsequenten Weiterentwicklung immunmodulatorischer Strategien ein großes Potenzial. Auf der anderen Seite bekommt die axonale und neuronale Protektion einen zunehmend hohen Stellenwert. Aus meiner Sicht wird durch die Kombination dieser beiden Therapiestränge in Zukunft eine deutliche Verbesserung der Prognose bei der MS möglich sein.

Welche Rolle spielen Patientenmagazine bei der Deckung des Informationsbedarfs der Betroffenen? Welche Art von Informationen sollten solche Magazine liefern?

Prof. Bähr: Patientenmagazine bieten aus meiner Sicht ein hervorragendes Forum, um gezielt Informationen über den derzeitigen Kenntnisstand in der Ursachen-Erforschung spezifischer Erkrankungen und die neuesten Therapiemöglichkeiten zu geben. Die Magazine sollten dabei nach Möglichkeit klinische und wissenschaftliche Experten gewinnen,um diesen Bereich fachkompetent darzustellen. Auf der anderen Seite sehe ich Patientenmagazine auch als Foren für Selbsthilfegruppen und Betroffene, die ihre eigenen Schwierigkeiten und deren Bewältigung thematisieren, miteinander austauschen und für die Öffentlichkeit darstellen können.

Inwieweit trägt Befund MS aus Ihrer Sicht zur Aufklärung und Deckung des Informationsbedarfs bei?

Prof.Bähr:Befund MS ist aus meiner Sicht eine Zeitschrift, die mit großem Erfolg diesen Anforderungen Rechnung trägt. Ich hoffe, dass sie auch in Zukunft erfolgreich zur Aufklärung und zur Information von Patienten mit Erkrankungen aus dem Formenkreis MS beiträgt.

Vielen Dank, Herr Prof. Dr. Bähr.

aus Befund Multiple Sklerose 1/2006

04.01.08

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