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Mythos Reha – Eine Betroffene berichtet

Lediglich 20 % aller Krebspatienten nehmen nach dem Therapiemarathon von Operationen, Chemo- und/oder Strahlentherapie eine Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch. Dies hat vielfältige Ursachen: Viele Patienten möchten nach den Kraft kostenden Therapien von Ärzten erstmal (soweit möglich) nichts mehr wissen. Manche scheuen nach vielen Klinikaufenthalten auch die Trennung vom geliebten zu Hause. Häufig haben Betroffene jedoch entweder keine oder völlig falsche Vorstellungen über den Ablauf einer Rehamaßnahme bzw. einer Anschlussrehabilitation (AHB).

Neun Monate haben die Therapien (acht neoadjuvante Chemozyklen, zwei OPs sowie 28 Bestrahlungen), mein ganzes Leben dominiert und diese Zeit war geprägt davon, meine Krankheit und jeden nächsten Schritt zu managen. Nachdem dann die letzte Bestrahlung erfolgt war, war ich einfach nur völlig erschöpft und froh, alles hinter mir zu haben. Als absehbar war, wann die letzte Strahlentherapie erfolgt, wurde im Herbst 2006 alles für eine AHB in die Wege geleitet.

Die Therapien haben ihren Tribut in Form von Depressionen, Müdigkeit, Konzentrationsmangel und Gedächtnisproblemen gefordert. Meine körperliche Fitness war an einem Tiefunkt angelangt. Erst jetzt begann ich zu realisieren, wie sehr ich um mein Leben gekämpft hatte und wie viel Kraft all die einzelnen Therapieschritte gekostet hatten.

Genau vier Wochen nach der letzten Strahlentherapie habe ich dann meine AHB in St. Peter Ording angetreten. Ich war in meinem Leben noch nie in einer Kur oder habe ähnliche Angebote wahrgenommen und erwartete gespannt, was nun auf mich zukommen würde. Nach einer netten Begrüßung, der Besichtigung des Zimmers, erfolgte dann am selben Tag noch eine ärztliche Untersuchung. Hier wurde ich sehr ausführlich nach meinen Vorlieben für die therapeutischen Angebote befragt und auch ob ich die psychologische Beratung lieber im Gruppen- oder Einzelkontakt hätte.

Der Therapieplan

Wer jetzt denkt eine AHB ist mit einem Urlaub zu vergleichen, liegt völlig daneben. Am nächsten Morgen fand ich dann auch schon einen Therapieplan für den Rest der Woche in meinem Briefkasten: Krankengymnastik, therapeutisches Gehen, Aquafitness, Lymphdrainage, Autogenes Training, Nordic Walking sowie diverse Vorträge. In der Woche darauf kam dann noch Marnitz-Therapie (eine Art von spezieller Massage), Schultergymnastik in der Gruppe, die psychologische Beratung, das Arbeitsplatztraining für ergonomisches Arbeiten und auf meinen eigenen Wunsch ein Nichtrauchertraining dazu. Die meisten Angebote fanden zweimal in der Woche statt. Dazu kamen noch diverse Untersuchungstermine. Da ich sowieso fast jeden Tag mindestens eine Stunden einen Spaziergang am Meer gemacht habe, ließ ich das therapeutische Gehen vom Plan streichen und habe zur tänzerischen Gymnastik gewechselt. Auch das war möglich. In der Klinik ist man sehr auf die individuellen Wünsche der Patienten eingegangen. Zusätzlich gab es noch die Möglichkeit sich kreativ zu betätigen.

Die eigenen Grenzen neu ausloten

Es war eine tolle Erfahrung neue Sportarten auszuprobieren und mit jeder Stunde kam der Spaß an Bewegung zurück. Vor allem die Schulung beim Nordic Walking wurde von den Patienten sehr positiv aufgenommen. Die eigenen Grenzen wurden mit jeder Trainingseinheit neu ausgelotet und ein Erfolg in Form von der Steigerung der absolvierten Runden wurde deutlich. Hier wurde man so fit gemacht, dass man das Training auch zu Hause alleine fortsetzen konnte und sich fit für den Alltag hält.

Körperliche Fitness

Einige Angebote verlangten mir auch einiges ab, so zeigte sich bei der tänzerischen Gymnastik anfangs, dass ich massive Probleme mit der Körperkoordination hatte. Ich bemerkte aber eben auch, dass ich deutliche Fortschritte machte und es mit jeder Stunde besser wurde. Bei der Schultergymnastik lernte man viele Übungen, die in abgewandelter Form auch in den Alltag eingebaut werden können. Kein Problem gab es mit dem Training in Aquafitness, das war für alle Spaß pur. Hier wurde man gefordert aber eben nicht überfordert. Die körperliche Belastbarkeit hat sich in den vier Wochen der Behandlung insgesamt deutlich gesteigert.

Das Wellnessprogramm

Auch bei den therapeutischen Angeboten von Lymphdrainage, Marnitz-Massage und Einzelkrankengymnastik wurde im Laufe der Wochen deutliche Fortschritte sichtbar. Es wurden Bewegungen möglich, die vorher nur unter großen Schmerzen möglich waren. Hilfreich war auch das Autogene Training als Entspannungsverfahren.

Krankheitsbewältigung

Durch den Abstand von zu Hause war es erstmals möglich sich mit dem Trauma der Erkrankung mit psychologischer Unterstützung auseinanderzusetzen. In den Monaten der rein medizinischen Therapien war ich einfach nur mit Überleben beschäftigt. Im therapeutischen Rahmen gab es so auch die Möglichkeit, darüber zu sprechen, wie es nach Abschluss der AHB im Alltag weitergehen soll. Wie lerne ich mit meinen Ängsten zu leben. Was ist in meinem Leben bewährt und gut, wer oder was bremst mich eher aus und schadet mir auf dem Weg zur Gesundung. Zum Abschluss wurden mir auch Adressen für die Fortsetzung einer Therapie am Heimatort mitgegeben.

Ergonomietraining am Arbeitsplatz

In einem eigens dafür eingerichteten Raum mit mehrern Computerarbeitsplätzen hatten die Patienten die Möglichkeit verschiedenste Hilfsmittel wie spezielle Mousepads, Armstützen und Sitzkissen am Arbeitsplatz auszuprobieren. So wurde auch schnell deutlich, ob der Arbeitsplatzes gegebenenfalls umgestaltete werden muss, ob z. B. ein neuer Stuhl mit höhenverstellbarer breiter Armlehne notwendig ist. Zusätzlich gab es konkrete Informationen, welche Schritte zur Finanzierung dafür notwendig sind.

Austausch mit Betroffenen

Meine größte Sorge war die, dass ich nur von todkranken Menschen umgeben bin, die den ganzen Tag Traurigkeit um sich verbreiten und nur über ihren Krebs sprechen wollen. Ich hatte auch Angst davor, mich in der Klinik womöglich einsam zu fühlen, denn zu Hause bin ich in einem großen sozialen Netz aufgehoben, in dem ich mich geborgen fühle. Diese Sorge habe ich mit vielen anderen Patienten geteilt.

Natürlich haben wir auch über Krebs gesprochen und unsere Therapien verglichen oder nach Tipps gefragt. Manchmal haben wir auch geweint und über unsere Todesangst und andere Themen gesprochen, mit denen wir unsere Angehörigen nicht belasten möchten. Wir haben uns jedoch in erster Linie gegenseitig aufgebaut und Mut gemacht. Hier musste sich niemand mit seiner Seele hinter einer dicken Mauer verbergen. Die Offenheit und Wertschätzung der anderen Patienten haben es leicht gemacht, sich zu öffnen.

Gemeinsames Lachen ist heilsam

Mit meiner wiedergewonnen Energie kam auch die Unternehmungslust und Lebensfreude zurück. Ich habe in meinem Leben selten so viel gelacht, wie in dieser Zeit, vor allem mit meinen unschlagbaren Tischnachbarinnen Angelika, Anne und Bianka. Das hat unendlich gut getan. Die von Patienten organisierten Wasserballturniere am Sonntag waren einfach nur Spaß pur. Selbst der Bademeister ließ sich von unserer Lebensfreude anstecken. Wir haben gekreischt und gebrüllt, wie in Kindertagen.

Mit anderen Patienten habe ich an den therapiefreien Wochenenden Ausflüge in die Umgebung so z. B. nach Sylt, Heide und Büsum gemacht. Ich habe wieder Spaß daran gefunden auszugehen und zu feiern. Unsere lustigen Abende im Schafstall waren legendär, wie auch die Gespräche über Stockenten (die Patienten der benachbarten orthopädischen Klinik) und Schalentiere (das waren wir Krebspatienten). Vor allem habe ich wieder Spaß daran gefunden, mich auf neue Menschen einzulassen, auch wenn sie in einer völlig anderen Welt leben als ich. Zu einigen Mitpatienten habe ich auch heute noch Kontakt, per E-Mail, Telefon oder auch Treffen.

Showkochen mit Promikoch Thies Möller

Einer der Mitpatienten war der Promikoch Thies Möller, vielen noch bekannt aus dem Kochduell auf dem Sender VOX. Heute ist er Vorsitzender der Prüfungskommission und Fachlehrer für Gastronomie am beruflichen Bildungszentrum in Meldorf. Als Dankeschön an die Klinik veranstaltete er zum Abschied ein Showkochen für die Patienten und Mitarbeiter. Die Indonesische Reisfleischpfanne mit Sauce oriental wurde mit Hilfe von einigen Patienten in Riesenpfannen zubereitet. Das ganze Spektakel wurde von amüsanten Geschichten aus der Welt der Polit- und sonstigen Prominenz begleitet.

Ein heilsamer Prozess für Körper und Seele

Insgesamt wurde deutlich, dass die Klinik es als Auftrag sah, den Patienten eine Menge an Anregungen aus den verschiedensten Bereichen für den Alltag mit auf den Weg zu geben und bei mir hat es gewirkt: Ich versuche nicht alles auf einmal zu verändern, aber ich gehe Schritt für Schritt daran, aktiv an meinem Gesundungsprozess beteiligt zu sein: Ich ernähre mich gesünder, gehe häufig spazieren, nach langer Suche habe ich endlich eine Therapeutin mit psychoonkologischer Zusatzausbildung gefunden, die zu mir passt und in der nächsten Woche sehe ich mir zwei Krebsnachsorgegruppen an (Gymnastik und Aquafitness). Nur das mit dem Nichtrauchen war leider nicht von Dauer, aber ich arbeite daran …

Bettina Caspari

13.06.17

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