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Bundesverband Neurodermitiskranker in Deutschland e. V.: Neurodermitis – nur eine psychosomatische Erkrankung?

Auch wenn allein in Deutschland etwa 6 Millionen Menschen von Neurodermitis betroffen sind (laut Statistik erkrankt jedes 10. Kind im ersten Lebensjahr an Neurodermitis) – zur Entstehung dieser Krankheit gibt es nicht viel mehr als Spekulationen.

Man kann davon ausgehen, dass die Krankheit Neurodermitis, eine Erkrankung im so genannten „Atopischen Formenkreis“, eine veroder ererbte Genese hat. Dieses hat nicht zuletzt eine Befragung von 5.000 Mitgliedern unseres Bundesverbands ergeben. Genau 4.680 Mitglieder (93,6 %) erklärten, dass Neurodermitis, Asthma, Heuschnupfen und Urticaria (Nesselsucht) schon in der Familie beobachtet wurden. Die Dunkelziffer der Vererbung dieser Krankheitsbilder muss noch hinzu gerechnet werden, da z. T. durch Generationssprünge die Krankheiten nicht bemerkt werden.

Bei unserer Arbeit im Bundesverband Neurodermitiskranker in Deutschland e. V., bei der wir uns auch um Krankheitsbilder wie Asthma, Allergien, Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) und Psoriasis (Schuppenflechte) kümmern, ist auch bei uns die Frage immer wieder präsent, ob es sich überwiegend um die Psyche tangierende Erkrankungen handelt, die wir hier betreuen. Dabei hat sich eines, was für jede Krankheit Gültigkeit hat, herauskristallisiert: Jeder Mensch verarbeitet psychisch individuell ein plötzlich auftretendes oder sich entwickelndes Krankheitsbild. Jeder Patient, der in der Arztpraxis gerade erfahren hat, dass er schwer erkrankt ist, ist psychisch belastet. Bei Hautkrankheiten dürfte dies besonders gelten, denn jeder erkennt sofort, dass bei dem Betroffenen ein krankhaftes Hautbild vorliegt.

Menschen hingegen, die ein Wirbelsäulenleiden oder eine innere Erkrankung haben, sieht man das Leiden nicht sofort an, und diese Patienten können überspielen, dass sie krank sind. Sie werden sich nur guten Freunden, Bekannten und Verwandten anvertrauen. Das kann der Hautpatient nur dann, wenn sich ohne große Auffälligkeit die geschädigten Hautstellen bedecken lassen. Steht dem Patient das Krankheitsbild im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht geschrieben, ist dies nicht mehr möglich. Er wird mit Sicherheit häufig darauf angesprochen, und auch mancher gut gemeinter Rat wird ihm zuteil. Da wundert es nicht, dass gerade Menschen mit offensichtlichen Hautproblemen sich schnell zurückziehen, viel in ihren eigenen vier Wänden bleiben und die Öffentlichkeit meiden.

Gerade diesen Umstand sehen wir im Bundesverband immer wieder, wenn wir Veranstaltungen in unseren Selbsthilfegruppen, bei Krankenkassen oder in Kliniken ankündigen. Obwohl gute Pressearbeit geleistet wird, werden die Angebote von Betroffenen selten ausgiebig genutzt. Allerdings ist am Folgetag einer Veranstaltung dann das Telefon in unserer Bundesgeschäftsstelle besetzt, weil viele Nachfragen kommen. Wir müssen dann mehr oder weniger den Vortrag vom Vortag noch einmal aufarbeiten. Mit allen möglichen und unmöglichen Ausreden versucht man, eine Erklärung abzugeben, warum man an der Veranstaltung nicht teilnehmen konnte. Nur selten hören wir, dass die Hautprobleme so intensiv waren, dass man es vorgezogen hatte, nicht in den Vortragsraum zu gehen.

Wir erkennen, dass solche Patienten ein intensives psychosomatisches Problem haben, was aber nicht nötig wäre. Niemand kann etwas dafür, wenn er ein solches Hautleiden hat. Es gibt Wege Veranstaltungen etwas erfahren kann und man kann sofort beim Referenten Rückfragen stellen. Wenn ich den Begriff „Neurodermitis“ in eine Suchmaschine eingebe, dann muss ich mir mindestens drei Tage Zeit nehmen, um mir all das anzulesen, was ich möglicherweise wissen möchte – aber Fragen stellen kann ich allenfalls in Foren der einzelnen Anbieter zum Thema und weiß letztlich nicht, wie sachkompetent die Antworten auf meine Fragen ausfallen werden.

Natürlich ist es so, dass gerade Patienten mit den genannten Hautproblemen sehr enttäuschte Patienten sind. Werden sie rein schulmedizinisch behandelt, wird nur das Endergebnis der Erkrankung, die geschädigte und kranke Haut, behandelt. Das frustriert zusätzlich, denn die Ursachen der Krankheitsbilder interessieren oft noch nicht einmal den Therapeuten. „Der Juckreiz muss weg, die Haut wieder schön werden!“, so lautet oft noch heute die Behandlungsstrategie.

Nehmen wir noch ein Zitat von Sigmund Freud dazu, dass die „Haut der Spiegel der Seele“ ist, dann wären wir schon im Bereich einer psychosomatischen Erkrankung bei allen Hautproblemen angelangt. Nehmen wir speziell den Begriff „Neurodermitis“ auseinander (Neuro = der Nerv, Dermitis = Hautentzündung) dann liegt die Vermutung nahe, Neurodermitis habe „nur“ mit der Psyche zu tun. Dies ist aber falsch, denn speziell Neurodermitis ist keine Hautkrankheit, sondern eine im ernährungsbedingten Stoffwechsel angesiedelte Autoimmunerkrankung. Hormonelle Faktoren spielen bei der Disposition der Krankheit und ihrer Entstehung eine wichtige Rolle. Die Bedeutung der Psyche ist unterschiedlich stark ausgeprägt und in den mehr als 21 Jahren unserer Arbeit haben wir keinen Beweis dafür gefunden, dass Neurodermitis allein über die Psyche ausgelöst wird. Wie stark sich dann das Krankheitsbild der Haut in psychosomatische Problematiken entwickelt, ist von Patient zu Patient verschieden. Eindeutig wird jedoch gerade das Krankheitsbild Neurodermitis über eine gestörte immunologische Situation und einen fehlfunktionalen ernährungsbedingten Stoffwechsel ausgelöst und unterhalten.

Deshalb auch unsere Devise, was die Psychosomatik der Erkrankung betrifft: So viel wie nötig an psychotherapeutischer Behandlung, aber so wenig wie möglich – damit man die wichtigen Auslöseund Unterhaltsfaktoren nicht vernachlässigt.

Jürgen Pfeifer, Vorsitzender des Bundesverbandes Neurodermitiskranker in Deutschland e. V.

09.11.06

Bundesverband Neurodermitiskranker in Deutschland e. V.
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