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Psychoonkologie – Ängste zulassen und offen ansprechen

Psychosoziale Angebote können helfen

Viele Patientinnen leiden im Verlauf ihrer Erkrankung und Behandlung unter Angstgefühlen. Auch Niedergeschlagenheit, Trauer, Wut und Verzweiflung und Gefühle der Hilf- und Hoffnungslosigkeit können auftreten. Dr. sc. hum. Anette Brechtel, Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie in Speyer, erklärt, was Frauen und ihren Angehörigen in diesen schweren Zeiten helfen kann.

Dr. Brechtel, welche Gefühle gehen oft mit der Diagnose Krebs und deren Behandlung einher?

Viele Patientinnen erleben im Verlauf der Erkrankung und Behandlung Gefühle der Niedergeschlagenheit, der Trauer, aber auch der Wut und Verzweiflung, auch Gefühle der Hilf- und Hoffnungslosigkeit können auftreten. Am häufigsten sind jedoch Angstgefühle. Das können ganz diffuse Ängste sein, die schwer zu beschreiben sind. Oft sind es aber auch ganz konkrete Ängste, wie z. B. die Angst vor anstehenden Operationen oder anderen medizinischen Maßnahmen. Oftmals beschreiben die Betroffenen auch Ängste vor Zurückweisung, vor Ablehnung oder Ausgrenzung im Alltag. Manchmal beziehen sich die Ängste und Sorgen auch auf die Familie, die Angst, wie z. B. die Kinder die Erkrankung miterleben und verarbeiten. Nicht selten machen sich die Angstgefühle auch körperlich bemerkbar etwa in Form von Anspannung, Nervosität, Gereiztheit oder auch durch ein Druckgefühl im Bauch oder in der Brust.

Welche psychischen Erkrankungen können während einer Krebsbehandlung auftreten?

Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören Angststörungen, wobei die Ursachen vielfältig sein können und es sich meist bei der erlebten Angst um reale Ängste wie z. B. die Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung handelt. Neben psychosozialen Belastungen können Ängste auch durch körperliche Beschwerden oder bestimmte Medikamente verursacht werden. Darüber hinaus gehören depressive Störungen zu den psychischen Erkrankungen, die Krebspatienten häufig zusätzlich belasten. Zentrale Symptome sind dabei ein anhaltendes Gefühl der Niedergeschlagenheit und Traurigkeit sowie der Verlust von Freude und Interesse an Aktivitäten oder Dingen, die früher Freude bereitet haben und ein deutlich reduzierter Antrieb. Auch Schlafstörungen, Appetitverlust oder Gefühle der Hilflosigkeit oder des Kontrollverlusts können Symptome der psychischen Erkrankung sein.

Wo können Betroffene Hilfe finden?

Hilfe finden Betroffene bei psychosozialen Unterstützungsangeboten. Auf jeden Fall sollte die betroffene Person ihren jeweiligen Behandler auf den Wunsch nach psychosozialer Unterstützung ansprechen. Universitätskliniken, Onkologische und Organkrebszentren sowie größere Krankenhäuser bieten stationäre oder ambulante psychosoziale Unterstützungsangebote an. In manchen Kliniken ist ein Psychoonkologe direkt auf der Station tätig, in anderen Kliniken wird bei Bedarf eine psychoonkologische Fachkraft angefordert. In zertifizierten onkologischen Zentren gehört ein solches Angebot zur routinemäßigen onkologischen Versorgung.

Wie können Frauen Kontakt zum Psychoonkologen aufnehmen?

Die Betroffenen können entweder über ihren behandelnden Arzt eine psychoonkologische Unterstützung anfordern oder auch direkt mit dem psychoonkologischen Behandlungsteam telefonisch oder auch per Mail Kontakt aufnehmen. Auch in der Anschlussrehabilitation (AHB) und in onkologischen Rehabilitationsmaßnahmen gehört eine psychoonkologische Behandlung zum regulären Versorgungsangebot. Anders sieht es im ambulanten Bereich aus, also wenn die Betroffenen nicht mehr an eine Klinik angebunden sind. Dann sind Psychosoziale Krebsberatungsstellen die richtige Anlaufstelle. Sollte eine psychotherapeutische Behandlung gewünscht bzw. erforderlich sein, können sich die Betroffenen an niedergelassene Psychotherapeuten wenden, die im Idealfall über eine psychoonkologische Weiterbildung verfügen. Bei der Suche nach entsprechenden Adressen können wiederum Krebsberatungsstellen oder auch offizielle Verzeichnisse wie z. B. die des Krebsinformationsdienstes behilflich sein.

Was kann helfen, mit der Diagnose umzugehen?

Viele Patientinnen erleben die Diagnosestellung und die Zeit danach wie in einer Art Schockzustand mit Gefühlen der Verzweiflung, des Entsetzens sowie der Rat- und Hilflosigkeit. In dieser ersten Zeit ist es wichtig, sich zu informieren mit dem Ziel, die nächsten Schritte planen zu können. Hilfreich ist hierbei der Austausch mit Menschen, die einen in diesem Prozess begleiten und unterstützen. Dazu gehören Familienangehörige, vielleicht auch Freunde, aber auch Gespräche mit Professionellen. Neben den Gesprächen mit den ärztlichen Behandlern kann auch die Inanspruchnahme einer psychoonkologischen Beratung oder das Gespräch mit dem zuständigen Sozialdienst sehr hilfreich sein. Manchen Patientinnen hilft auch der Austausch mit anderen Betroffenen in Einzelgesprächen oder auch ein Treffen mit der jeweiligen Selbsthilfegruppe.

Was raten Sie Frauen, die von Ärzten eine schlechte Prognose erhalten haben?

Entscheidend ist, was die Prognose bei der einzelnen Person auslöst. Gefühle der Trauer, der Angst, der Verzweiflung sind völlig normal und unvermeidbar. Dem entsprechend gilt es auch, diesen Gefühlen Raum zu geben, die Trauer zuzulassen. Wichtig ist aber gleichzeitig, persönliche Werte und Ziele nicht aus dem Blick zu verlieren. U. U. bedeutet die Prognose, sich von bestimmten Zielen zu verabschieden. Entscheidend ist jedoch im Blick zu behalten, was weiterhin Bedeutung hat. Mehr denn je gilt in einer solchen Situation, sich mit den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen zu beschäftigen

Was können Frauen, die unter Abgeschlagenheit, Ängsten, Depressionen etc. leiden selbst tun, um sich zu stärken?

Menschen sind unterschiedlich und jedem hilft etwas anderes. Daher empfehle ich den betroffenen Frauen, allein oder auch mithilfe von Freunden herauszufinden, was ihr Weg sein könnte. Manchen Frauen helfen Aktivitäten, Sport, Bewegung, Ablenkung, Unternehmungen. Anderen hilft es, sich mit ihren Ängsten und Gefühlen auseinanderzusetzen, und sie profitieren vielleicht eher von Angeboten wie Yoga, Qi Gong oder ausgedehnten Gesprächen mit Freundinnen. Entscheidend ist, dass die Frauen für sich etwas finden können, was ihnen wichtig ist.

Wie können Strategien der Angstbewältigung aussehen?

Im Umgang mit Ängsten bewährt es sich vor allem, die Ängste nicht zu vermeiden, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei können unter psychotherapeutischer Anleitung verschiedene Strategien hilfreich erlernt werden. Besonders wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang immer wieder vor dem „positiven Denken“ zu warnen. Die oftmals aus dem sozialen Umfeld an die Betroffenen herangetragene Aufforderung: „Du musst jetzt positiv denken!“ ist wie ein Schlag ins Gesicht. Angesichts einer Krebserkrankung oder gar einer fortschreitenden Erkrankung erscheint eine solche Forderung wenig hilfreich. Ganz besonders, da wir nicht in der Lage sind, unsere Gedanken einfach abzustellen. Vielmehr geht es darum, die Gedanken zuzulassen und dennoch nicht aus dem Blick zu verlieren, was uns wichtig ist, was uns Kraft gibt und motiviert, Tag für Tag neu zu beginnen.

Inwiefern leiden Kinder und andere Angehörige mit? Was kann ihnen helfen?

Angehörige besonders Partner und Partnerinnen leiden mindestens genauso wie die Betroffenen selbst. Im Vordergrund stehen oftmals Verlustängste, Probleme über die Erkrankung zu sprechen, veränderte Rollen und Aufgaben sowie die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft und eine veränderte Lebensplanung. Oftmals sind die Angehörigen sogar noch mehr belastet als die Betroffenen selbst. Die Ursache hierfür liegt in der Doppelbelastung. Die Angehörigen sind einerseits in Sorge um die erkrankte Person, darüber hinaus erleben sie ihre eigene Trauer z. B. in der Angst, die geliebte Person zu verlieren. Gleichzeitig haben Angehörige aber den Anspruch zu funktionieren, für die betroffene Person da zu sein, sich zu kümmern und aus diesem Grund wird die eigene Belastung oft in den Hintergrund gedrängt und vernachlässigt. Es ist jedoch von zentraler Bedeutung, dass auch Angehörige auf ihr persönliches Wohlbefinden achten. Bei Bedarf können auch Angehörige professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Quelle: Leben? Leben! 3/2016

30.09.16

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