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Psychoonkologie – Wenn Brustkrebs die Seele quält

Auch wenn sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren deutlich verbessert haben: Brustkrebs ist noch immer eine Diagnose, die das Leben von Grund auf verändert. Zu leben, ist mit einem Mal nicht mehr selbstverständlich, Lebenszeit zu haben, bekommt einen ganz anderen Wert. Ganz zu schweigen von den körperlichen Belastungen durch die folgende Krebstherapie, die bei vielen Betroffenen Ängste, oft auch Depressionen auslösen. Hinzu kommt, dass gerade Brustkrebs das Körperbild und damit das Selbstwertgefühl der Frau in dramatischer Weise verändert. Der Krebs bedroht nicht nur die Weiblichkeit und sexuelle Attraktivität der betroffenen Frauen, sondern auch ihre soziale Identifikation in Familie, Freundeskreis und Beruf.

Was wird aus meiner Familie?

Gerade jüngere Frauen leiden doppelt: Zum einen unter der Erkrankung selbst, zum anderen durch die Sorge um die Familie. Wer kümmert sich um meine Kinder, wenn ich dazu wegen der Therapie zu schwach bin? Wie soll ich für meine Kinder sorgen, wenn ich meinen Beruf aufgrund der Therapie nicht mehr ausüben kann? Besonders dramatisch wird diese seelische Not bei alleinerziehenden Frauen und denen, die aus sozial schwachen Schichten stammen und/oder über wenig finanzielle Mittel verfügen.

Was sagen Studien?

Nicht alle, aber immerhin 25–30 % der Krebspatienten entwickeln nach Auskunft des psychoonkologischen Dienstes des Südwestdeutschen Tumorzentrums an der Universitätsklinik Tübingen psychische Störungen, die eine professionelle Begleitung erfordern. Viele hadern gerade nach der Erstdiagnose mit ihrem Schicksal (warum ich?), fürchten sich davor, den Ärzten hilflos ausgeliefert zu sein, kommen nicht mit den körperlichen Beeinträchtigungen zurecht. Nur ein Viertel der Frauen erhält aber die auch in der S3-Leitlinie zum Mammakarzinom geforderte professionelle psychoonkologische Nachsorge und Begleitung. „Psychoonkologische Behandlungsmaßnahmen“, so heißt es dort, „sollten in das Gesamtkonzept der onkologischen Betreuung integriert werden“. Und mehr noch: „Alle Patientinnen sollten von ärztlicher Seite frühzeitig über Möglichkeiten psychoonkologische Hilfestellungen informiert werden“.

Im Klinikalltag bleibt die Psychoonkologie auf der Strecke

Die Wirklichkeit des Klinikalltags spricht allerdings eine ganz andere Sprache. Eine der Psychoonkologinnen am Südwestdeutschen Tumorzentrum Tübingen, Heike Sütterlin, schilderte dies eindrucksvoll. Angesichts verkürzter Liegezeiten bleibe in der Akutklinik kaum Zeit, um den psychoonkologischen Betreuungsbedarf einer Patientin herauszufinden. Außerdem werde diese Aufgabe an die ohnehin überforderten Pflegekräfte, im besten Fall an die Breast Nurse delegiert. Hinzu kommt, dass die Frauen selbst angesichts der vielen Dinge, die zu regeln sind, von der Informationsflut komplett überfordert werden. So werden viele Brustkrebspatientinnen aus der Klinik entlassen, ohne zu wissen, dass es professionelle Hilfe gibt und wie sie sie finden können.

Welche Patientin benötigt am dringendsten Hilfe?

Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Kliniken Schwierigkeiten haben, die Patientinnen herauszufiltern, die am dringendsten der Hilfe bedürfen. Nur ein kleiner Teil der Frauen, die stark seelisch belastet sind, wird frühzeitig identifiziert und rechtzeitig behandelt. Der Grund: Zum einen äußern die Patientinnen selbst viel zu selten den Wunsch nach einer psychoonkologischen Betreuung. Zum anderen besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Schwere der Erkrankung und dem subjektiven Krankheitserleben bzw. der persönlichen Belastung, was kein standardisiertes Vorgehen erlaubt. Das führt nach Erhebungen der Universität Tübingen dazu, dass Ärzte bei Brustkrebspatientinnen eine psychische Begleiterkrankung nur in 30 bis maximal 77 % der Fälle richtig diagnostizieren.

Psychoonkologisches Screening – ein Weg zu schnellerer Hilfe?

Um hier Abhilfe zu schaffen, hat die Universität Tübingen ein neues Screening-Verfahren entwickelt, das derzeit in der praktischen Anwendung erprobt wird. Bei der sog. CAREO-Studie wurden zwei von fünf verschiedenen Testverfahren miteinander kombiniert, die folgende Kriterien erfüllen: bewährt in der Praxis, schnell zu erheben, leicht auszuwerten, hohe methodische Sicherheit und Akzeptanz bei den Patientinnen. Das Team der Universität Tübingen entschied sich dabei für das Hornheider Screening-Instrument und das sog. Distress-Thermometer. Das Hornheider Screening fragt nach der gefühlten körperlichen und seelischen Belastung der Patientin, ihren Ängsten, den Auswirkungen der Erkrankung auf die familiäre Situation und nach der Beurteilung des Wissensgrades über Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten.

Die Fragestellungen des Distress-Thermometers ergänzen dies durch Einbeziehen praktischer, familiärer, körperlicher und emotionaler Probleme (finanzielle Sorgen, Partnerschaftskonflikte, Traurigkeit, Nervosität, Schlafstörungen, Durchfall, Übelkeit) und das Abstellen auf religiöse/spirituelle Belange (Verlust des Glaubens).

Neu ist hier vor allem auch das Befragungsinstrument. Die Patientin erhält eine Art Tablet-Computer – also ein digitales Erfassungsbrett, auf dem sie die Antworten mit einem Eingabestift ankreuzen kann. Die Tübinger Forschungsgruppe verspricht sich hiervon nicht nur eine Entlastung des Pflegepersonals, sondern auch eine schnellere Hilfe für die Patientin. Denn die Antworten werden sofort online ausgewertet, sodass bei Auffälligkeiten noch während des Klinikaufenthaltes ein Psychoonkologe hinzugezogen werden kann. Einig sind sich die Wissenschaftler schon jetzt, dass auch ein EDV-gestützter Suchtest die klinische Erfahrung des Arztes nicht ersetzen kann. Diese Testverfahren sind lediglich ein Hilfsmittel, um die Patientinnen mit dem größten Bedarf schneller herauszufinden.

In der Psychoonkologie herrscht ein Umsetzungsdefizit

An der grundsätzlichen Situation der Psychoonkologie, einer wichtigen, aber vergleichsweise noch jungen medizinischen Disziplin, ändert das aber wohl nur wenig. So wichtig es ist, den individuell richtigen Weg für die Patientin zu finden: Angesichts der chronischen Unterfinanzierung im Gesundheitswesen werden viele Frauen auf das breite Therapiespektrum der Psychoonkologie – unterstützende und informierende Angeboten bis zu Entspannungs- und Kreativtherapien, Einzel-, Paar- und Gruppenberatung) – nicht zurückgreifen können, selbst wenn sie dazu bereit wären, weite Wege in Kauf zu nehmen. Denn die psychoonkologischen Beratungsstellen an den Brustzentren sind oftmals personell unterbesetzt und können der Nachfrage, wie Heike Sütterlin berichtet, kaum Herr werden. Gesetzgeber, Krankenkassen und die medizinischen Leistungsanbieter sind deshalb aufgefordert, mit intelligenten Lösungen hier im Interesse der Patienten, die schließlich die finanziellen Ressourcen für das Gesamtsystem bereitstellen, schnelle Abhilfe zu schaffen.

Quelle: Leben? Leben! 1/2011

13.06.17

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