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Spastik in den Griff bekommen

Im Biologieunterricht dürften die meisten Menschen im Zusammenhang mit der Funktionsweise der Muskulatur schon einmal den Begriff „Gegenspielerprinzip“ gehört haben: Ein Muskel (z. B. der Muskel, der fürs Beugen des Arms zuständig ist) spannt sich aktiv an, zieht sich also zusammen, während der andere (z. B. der Streckmuskel des Arms) sich weitgehend entspannt und lang macht bzw. dehnt. Die zwei gegenläufigen Aktionen bewirken zusammen eine Bewegung – z. B. das Beugen oder Strecken eines Arms oder eines Beins.

Bei einer Spastik hingegen erfolgt eine so starke Anspannung eines Muskels, dass der andere Muskel dies nicht ausgleichen kann. Zu den möglichen Folgen zählen starre, ungelenke Bewegungen, Versteifungen von Gelenken, Fehlstellungen, Druckgeschwüre, Probleme, bestimmte Bewegungen auszuführen, Einschränkungen der Gehfähigkeit und schließlich Bewegungsmangel mit den dazu gehörigen Problemen wie Knochenschwund (Osteoporose) oder Thrombosen. Ganz zu schweigen von den häufig mit Spastik einhergehenden Schmerzen.

Hervorgerufen wird eine Spastik bei MS durch Schädigungen im Rückenmark oder Gehirn, die die Nervenbahnen betreffen, welche für die Motorik zuständig sind. Eine Spastik gehört zu den häufigsten Beschwerden bei MS. Allerdings kann sie hilfreich sein, z. B. wenn die Spastik trotz schwacher Muskulatur das Stehen oder auch Gehen ermöglicht. Bei der Behandlung einer Spastik muss daher immer darauf geachtet werden, sie in einem solchen Fall zumindest bis zu einem gewissen Grad zu erhalten. Bei manchen Menschen mit MS verschlimmert sich die Spastik durch Wärme oder Kälte, Schmerzen oder auch bei Blasen- oder Darmproblemen. Diese Faktoren sollte man daher so gut es geht ausschalten, z. B. durch den Aufenthalt in klimatisierten Räumen bei Hitze oder durch eine gezielte Schmerztherapie.

Besonders wichtig: gezielte Physiotherapie

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Linderung von Spastik ist die Physiotherapie. Das Ziel der Physiotherapie ist es, den Muskeltonus, also die Spannung der Muskulatur zu senken, Bewegungen zu trainieren und motorische Funktionen so weit wie möglich zu erhalten bzw. wieder zu ermöglichen und Bewegungs- und Funktionseinschränkungen von Muskeln, Sehnen und Gelenken vorzubeugen. Der Ablauf der Physiotherapie ist individuell unterschiedlich und u. a. davon abhängig, welche Muskeln besonders stark von Spastik betroffen sind. So kommt bei manchen Betroffenen die sog. propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF) zum Einsatz, bei der – vereinfacht gesagt – bestimmte Punkte am Körper (sog. Rezeptoren, z. B. für die Muskeldehnung) stimuliert werden, um einen möglichst natürlichen Bewegungsablauf hervorzurufen. Dadurch soll der Körper diesen Bewegungsablauf auf längere Sicht verinnerlichen.

Neben der PNF und weiteren Verfahren kommen u. U. – so die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zur Therapie des spastischen Syndrom – auch Maßnahmen infrage wie Krafttraining oder sog. repetitives Training, d. h. die häufige Wiederholung von Bewegungsabläufen, oder eine gerätegestützte Therapie bzw. eine Laufbandtherapie, bei der die Beine des Patienten durch das Einhängen des Körpers in Gurtsysteme entlastet werden.

Daneben zeigen Physiotherapeuten ihren Patienten, wie sie Hilfsmittel zur Mobilitätssteigerung und Verringerung des Muskeltonus gezielt einsetzen. So können Orthesen oder einfache Schienen den Muskeltonus herabsetzen und dazu beitragen, dass Patienten sich weiterhin zu Fuß fortbewegen können. Auch eine im Wasser durchgeführte Bewegungstherapie zeigt laut DGN manchmal Erfolge. Obwohl die Datenlage noch zu gering ist, um abschließende Empfehlungen zu geben, ergaben der DGN zufolge verschiedene Studien, dass auch die sog. transkutane Elektrostimulation, eine Form der Reizstromtherapie, manchmal eine positive Wirkung auf Spastik und Beweglichkeit haben kann.

Medikamente

Bei Personen mit starker oder immer wieder plötzlich auftretender Spastik können sog. orale Antispastika helfen, die den Muskeltonus herabsetzen. Für Menschen mit bestehender starker Muskelschwäche sind sie weniger geeignet. Bei Personen, denen die Spastik beim Gehen oder Stehen hilft, muss ein Antispastikum sehr genau dosiert werden, um die Geh- oder Stehfähigkeit zu erhalten. Zu den Mitteln, die zum Einsatz kommen, gehören in erster Linie Baclofen und Tizanidin. Als Nebenwirkungen können u. a. Müdigkeit, Verwirrtheit und ein Abfall des Blutdrucks auftreten. Auch Benzodiazepine, die zugleich Schlaf fördernd wirken, können die Spastik abmildern, genauso das Muskelrelaxans Dantrolen. Gabapentin kann Schmerzen lindern, die Spastik auslösen. Allerdings ist dieser Wirkstoff für die Behandlung von Spastik nicht zugelassen, weshalb Patienten das Medikament auch bei einer ärztlichen Verordnung u. U. selbst bezahlen müssen.

Gegen die Spastik einzelner Muskelgruppen kann der Arzt Botulinumtoxin A in die betroffenen Muskeln injizieren. Dieses Nervengift, besser bekannt unter der Abkürzung Botox, muss nach acht bis 14 Wochen erneut verabreicht werden, weil es dann seine Wirkung verliert. Für die Behandlung großer Muskelgruppen ist es nicht geeignet. Ein Vorteil von Botulinumtoxin A: Es kann auch spastikbedingte Schmerzen lindern.

Zur Behandlung schwerer Spastik (vor allem sehr schwerer Beinspastik) wird manchmal eine Baclofenpumpe eingesetzt. Dabei handelt es sich um eine computergesteuerte Pumpe, die dem Patienten implantiert wird und die in bestimmten Abständen das Antispastikum Baclofen direkt in den Liquorraum abgibt. Der Vorteil dieser Behandlungsmethode: Es ist wesentlich weniger Wirkstoff nötig als bei der Einnahme von Baclofen in Tablettenform, wodurch sich die Nebenwirkungen verringern. Im Einzelfall kann der Arzt zur Verbesserung der Gehfähigkeit auch den Wirkstoff Fampridin verordnen. Dieses Mittel wirkt jedoch nicht bei allen Patienten gleich gut, weshalb der Arzt etwa 14 Tage nach der erstmaligen Einnahme überprüfen muss, ob es tatsächlich hilft.

Hilfsmittel nutzen

Hilfsmittel können Menschen mit Spastik das Leben erleichtern. So können Orthesen oder Schienen dabei helfen, die Gehfähigkeit zu erhalten bzw. zu verbessern. Viele Orthesen können heute bereits unter der Kleidung getragen werden, sodass sie nicht weiter auffallen. Falls das Gehen auf Dauer zu schwer fällt, sollte über Gehhilfen wie Gehstöcke oder Rollatoren nachgedacht werden. Ein Rollstuhl kann benutzt werden, um längere Strecken zurückzulegen.

Quelle: Befund MS 2/2014

25.11.14

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