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Den richtigen Therapeuten finden. Interview mit Dipl.-Psychologe Wolfgang Siegel

Wolfgang Siegel ist Dipl.-Psychologe in Dortmund. Neben seiner Tätigkeit als psychologischer Psychotherapeut arbeitet er als Supervisor, ist Fachpsychologe für Rechtspsychologie und Buchautor. Im Gespräch mit Befund MS erläutert er, was Menschen mit MS auf der Suche nach einem Therapeuten beachten sollten und wie sie einem erneuten Auftreten von psychischen Problemen vorbeugen können.

Personen, die an MS erkrankt sind, leiden häufiger unter psychischen Problemen wie Depressionen oder Ängsten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die psychologische Psychotherapie ist eine Säule der Behandlung bei psychischen Problemen. Wie finden Menschen mit MS den für sie richtigen Therapeuten?

Menschen mit MS haben zwar eine ganz bestimmte Problematik, eine bestimmte Symptomatik, bestimmte Beschwerden, aber sie sind nicht anders als andere Menschen. Deshalb werden sie zwar ihrer Problematik entsprechend behandelt, jedoch nicht anders als andere. Der zweite Punkt ist: Es wird kaum spezielle Therapeuten geben, die sich auf die Problematik von Menschen mit MS spezialisiert haben. Daher müssen Menschen mit MS sich wie andere Patienten auch auf ihre Intuition, ihr Gefühl bei der Auswahl „ihres“ Therapeuten verlassen. Auf keinen Fall dürfen sie sich auf Therapien einlassen, wenn sie sich mit dem jeweiligen Therapeuten oder der jeweiligen Therapie nicht wohlfühlen.

Gibt es die Möglichkeit, verschiedene Therapeuten „auszuprobieren“?

Jeder gesetzlich Versicherte hat die Möglichkeit, auf Kosten der Krankenkasse fünf sog. probatorische Sitzungen („Probesitzungen“) bei einem Therapeuten durchzuführen. Anschließend kann er sich entscheiden, ob er bei dem jeweiligen Therapeuten bleiben möchte. Diese Sitzungen sind auch mit weiteren Therapeuten möglich. Ich möchte noch einmal betonen, dass es wichtig, sogar ganz wichtig ist, dass der Patient sich mit dem Therapeuten wohlfühlt, sonst wird die Therapie nicht helfen. Womöglich wird sie sogar eher schaden, wenn der Patient meint, ich muss das jetzt durchhalten, und vielleicht sogar an sich zweifelt, weil er mit dem Therapeuten nicht klarkommt.

Aber ist es nicht schwierig, in einer Situation, in der es einem schlecht geht, den Therapeuten zu wechseln?

Dem Patienten sollte möglichst schon zu Beginn der Therapie klar sein, dass eine Therapie nur dann erfolgreich sein kann, wenn eine gute Kooperation zwischen Therapeut und Patient besteht. Dann wird er sich auch einen neuen Therapeuten suchen, wenn er sich in der jetzigen Therapie nicht gut aufgehoben fühlt. Das ist das Entscheidende. Patienten meinen irrtümlicherweise oft, sie müssten die Zähne zusammenbeißen und die Therapie durchstehen, obwohl sie kein stimmiges Gefühl mehr haben. Meistens merkt man schon nach ein, zwei Sitzungen, ob der Therapeut oder die Therapeutin passt. Wenn während einer bisher ganz gut verlaufenen Therapie Probleme auftauchen, sollten diese unbedingt angesprochen und geklärt werden.

Menschen mit einer Depression wollen zwar an ihrer Situation etwas ändern, haben aber oft das Gefühl, sie seien dazu nicht in der Lage. Eine Therapie jedoch erfordert auch die Mithilfe des Patienten. Wie fordert der Therapeut, ohne zu überfordern?

Der Therapeut verschafft sich zu Anfang der Therapie Einblick über noch vorhandene Ressourcen beim Patienten. Außerdem ist es seine Aufgabe herauszufinden, welche Blockaden verhindern, dass der Patient Energien freisetzen und an seiner Situation arbeiten kann. Angepasst an die Möglichkeiten des Patienten wird der Therapeut diesem anschließend Schritt für Schritt behilflich sein, z. B. aus dessen depressiven Mustern herauszukommen.

Kann u. U. auch ein Aufenthalt in einer Klinik bei einer Depression oder bei Ängsten sinnvoll sein?

Ist ein Mensch so verzweifelt, dass er nicht mehr leben will, dann ist das eine Indikation für den Aufenthalt in einer Klinik. In einer solchen Situation ist es von Vorteil, wenn andere Menschen um ihn herum sind, die mithelfen, die Verzweiflung aufzufangen, um zu vermeiden, dass dem Patienten etwas zustößt, dass er sich etwas antut. Als Zweites gibt es Lebensumstände, die so schwierig sind, dass es für den Patienten eine wichtige Entlastung darstellt, dort zumindest zeitweilig herauszukommen. In der Klinik bekommen diese Patienten die Chance, ein neues Milieu, andere Lebensweisen, neue Menschen kennenzulernen, sich neu zu sortieren. In anderen Fällen bringt eine ambulante Psychotherapie langfristig oft mehr.

Sollte sich an einen Klinikaufenthalt nicht ohnehin eine ambulante Therapie anschließen?

Sie sollte sich anschließen, aber in verschiedenen Bereichen ist es außerordentlich schwierig, zeitnah einen Therapeuten zu finden. Dennoch sollte ein Patient nicht aufgeben. Er sollte bereit sein, mehrere Therapeuten zu kontaktieren, wenn es sein muss. Bei einem Anruf sollte er betonen, dass ihm die Therapie sehr wichtig ist, und – falls ein Anrufbeantworter den Anruf entgegennimmt – um Rückruf bitten.

Können die Angehörigen bei Depressionen oder Ängsten Hilfestellung geben, unterstützend sein?

Die Voraussetzung für jegliche Unterstützung ist eine gute Beziehung zwischen beiden. Hat eine Depression oder haben Ängste etwas damit zu tun, dass die Angehörigen mit der MS nicht zurechtkommen, den Patienten nicht verstehen, können sie ihm keine Hilfe bieten und sollten sich vielleicht selbst erst einmal Unterstützung holen. Wo eine gute Verbindung zwischen den Angehörigen und dem Patienten besteht, unterstützen die Angehörigen den Patienten meist ohnehin schon auf eine sehr wichtige Weise: indem sie ihm nämlich zeigen, dass er mit seinen Problemen nicht allein dasteht. Doch die Depression oder die Ängste können sie ihm nicht nehmen. Der Patient muss bei einer Depression mithilfe des Therapeuten selbst erkennen, was ihn in die Depression hinein gezogen hat und seinen Weg heraus finden.

Gibt es die Möglichkeit, einer erneuten Depression bzw. Ängsten vorzubeugen?

Zu jeder Therapie gehört zum Abschluss die Rezidivprophylaxe, bei der Patient und Therapeut durchsprechen, wie eine Depression oder die Ängste entstanden sind. Der Patient soll in die Lage versetzt werden, Frühwarnzeichen zu erkennen, um das, was er in der Therapie gelernt hat, zur Vermeidung eines Rezidivs schnell wieder anwenden zu können. Die wichtigste vorbeugende Maßnahme ist, dahinterzukommen, welche negativen Vorstellungen, unverarbeiteten Erinnerungen in der eigenen Gedankenwelt es gibt, die sich immer stärker aufgeschaukelt haben. Je besser diese durchschaut werden, umso geringer ist das Risiko, dass der Patient wieder in eine Depression hineingerät.

Quelle: BMS 2/2012

10.10.12

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