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Aktuelle Therapieformen bei Diabetes-Typ-2

Univ.-Prof. Dr. Rudolf Prager, Facharzt für Innere Medizin, Nephrologie, Endokrinologie und Stoffwechsel in Wien, im Interview über neue Therapieformen bei Diabetes.

Was macht die neuen Diabetestherapieformen aus? Wohin geht die Reise?

Im Wesentlichen gibt es zwei neue Therapieansätze beim Typ-2-Diabetes. Im ersten Therapieansatz wird die Konzentration und Wirkung von Hormonen des Magen-Darm-Trakts, die eine wichtige Rolle in der Blutzuckerregulation spielen verstärkt. Eine Erhöhung, allen voran des GLP-1 („Glucagon like peptide“) kann dadurch erreicht werden, dass der Abbau dieser Hormone verzögert wird. Das erreicht man mit den sog. DPP4-Hemmern, die in Tablettenform eingenommen werden können und von denen es auch Fixkombinationen mit Metformin gibt. Darüber hinaus kann man GLP-1-Analoga auch einmal täglich oder einmal wöchentlich direkt subkutan, also ins Unterhautfettgewebe geben. Der Vorteil der GLP-1-Analoga ist, dass sie gegenüber den DPP4-Hemmern eine stärkere blutzuckersenkende Wirkung haben und zusätzlich zu einer Gewichtsabnahme führen können, während DPP4-Hemmer gewichtsneutral sind.

Ein weiteres Novum auf dem Gebiet der Diabetestherapie sind die SGLT2-Hemmer (engl. „Sodium Glucose Transporter“), die die Zuckerausscheidung im Harn beschleunigen. Durch die vermehrte Zuckerausscheidung im Harn kommt es einerseits zu einem Absinken des Blutzuckers und andererseits durch den Kalorienverlust zu einer durchschnittlichen Gewichtsreduktion von etwa 3 kg. Außerdem haben diese Substanzen einen günstigen Effekt auf den Blutdruck. Beide Substanzgruppen, sowohl die Inkretine als auch die SGLT2-Hemmer, verursachen i. d. R. keine Unterzuckerung.

Was sind außerdem Ihrer Meinung nach Erfolgs versprechende neue Diabetestherapien?

Wichtig ist, dass beim Typ-2-Diabetes möglichst früh mit einer effizienten Therapie begonnen wird. Wobei Metformin nach wie vor das Mittel der ersten Wahl darstellt. Danach sollten, je nach Schweregrad der Erkrankung, DPP4-Hemmer oder SGLT2-Hemmer bzw. auch GLP-1-Analoga eingesetzt werden. Sowohl DPP4-Hemmer als auch SGLT2-Hemmer gibt es in Fixkombinationen mit Metformin. Der Vorteil dieser neuen Substanzen liegt darin, dass im Gegensatz zu älteren oralen Antidiabetika wie den Sulfonylharnstoffen oder Insulin i. d. R. keine Unterzuckerungen auftreten. In Zukunft wird man eher frühzeitig mit Kombinationstherapien beim Typ-2-Diabetes beginnen.

Wie können all die neuen und bald zugänglichen Therapieformen den Alltag von Betroffenen verbessern bzw. ändern?

Ganz konkret helfen etwa die neuen Möglichkeiten mit GLP-1 und SGLT2 dabei, Unterzuckerungen zu vermeiden. Außerdem wirken sie eher gewichtsneutral oder führen zu einer Gewichtsabnahme. Das ist ein wichtiger Schritt, denn viele ältere Wirkstoffe und Therapien führten oft zu einer zusätzlichen Gewichtszunahme, was gerade bei Typ-2-Diabetes zu einer Verschlimmerung führt. Generell hofft man, dass durch eine gute frühzeitige Kombinationstherapie ein Fortschreiten der Erkrankung hinausgezögert werden kann.

In jüngster Zeit spricht man oft von der lange unterschätzten Rolle der Darmbakterien in Zusammenhang mit Diabetes. Was hat es damit auf sich?

Ja, das ist ein sehr interessantes neues Feld der Forschung, wo mit Tierversuchen schon einiges untersucht wurde. Bestimmte Darmbakterien könnten auf die Insulinresistenz wirken, die ja das Hauptmerkmal von Diabetes Typ 2 darstellt. Eine Veränderung der Zusammensetzung der Darmbakterien kann auch zu einer Gewichtsabnahme führen. Vereinzelt wurden auch schon Experimente am Menschen durchgeführt, aber im Großen und Ganzen steckt dieser Ansatz noch in den Kinderschuhen, und ein Durchbruch in der medizinischen Praxis ist noch nicht so bald in Sicht.

Wird es tatsächlich bald möglich sein, Insulin mittels Tablette zuzuführen? Ist das schon praxistauglich?

Derzeit gibt es noch keine Zulassungsstudien für orales Insulin, gleichzeitig wird die subkutane Insulinpräparation genauer und exakter in der Freisetzung des Insulins. Das Langzeitinteresse in allen Entwicklungen muss jedenfalls sein, Blutzuckerschwankungen weitestgehend zu vermeiden.

Was halten Sie von der Blutzuckerselbstkontrolle „ohne Blut“?

Diese Art der Glukosebestimmung hat derzeit noch keine Serienreife, was aber gerade sehr wohl en vogue ist, sind subkutane Sensoren, die an der Innenseite des Oberarms befestigt sind und kontinuierlich sozusagen „unblutig“ den Blutzucker messen. Man erspart sich dadurch viele Blutzuckermessungen. Etwa alle zehn Tage werden die Sensoren ausgetauscht, das lässt sich ohne ärztliche Hilfe machen. Darauf gibt es derzeit einen großen Run.

Forscher des Massachusetts Institute of Technology tüfteln an einem „intelligenten“ Insulin, das erst dann aktiv wird, wenn es vonnöten ist. Wird das Ihrer Meinung nach bald praxistauglich sein?

Nein, daran wird noch gearbeitet. Eine amerikanische Firma ist in diesem Bereich sehr aktiv, aber das ist derzeit noch nicht über die ersten Phasen einer Zulassung hinaus. Wenn dieses Insulin einmal auf den Markt kommen sollte, wird es aber wohl zu spritzen sein und nicht oral verabreicht.

Woran erkennt man als Betroffener, dass man sich beim richtigen Spezialisten befindet?

Ärzte, die Diabetiker betreuen, müssen über ein vielfältiges Spektrum verfügen, sie müssen z. B. eine strukturierte Schulung oder auch Einschulung bei der Blutzucker-Selbstkontrolle anbieten. Sie müssen natürlich auch gut über neueste Therapieformen Bescheid wissen. Und auch die nicht-medikamentösen Maßnahmen sollten forciert werden, etwa ein gesunder Lebensstil bei Typ-2-Diabetikern. Außerdem sollten gute Diabetologen auch über Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen aufklären und ein regelmäßiges Screening bezüglich möglicher Folgeerkrankungen, etwa an Augen, Nieren und Füßen, im Auge haben.

Quelle: Befund Diabetes Österreich 1/2015

09.06.15

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