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Therapie der MS: Symptomatische Therapie

Dass MS viele Gesichter hat, macht es scheinbar schwer, mit ihr umzugehen. Viele der Symptome könnten auch andere Ursachen haben, werden deshalb zu spät beachtet und falsch oder gar nicht behandelt. Dabei verhilft eine symptomatische Therapie, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität wieder zu verbessern.

Die typischen Störungen betreffen die Bereiche Bewegung und Koordination (z. B. Spastik, Muskelschwäche, Muskelzittern), Beeinträchtigung der Hirnnerven (z. B. Augenbewegungsstörungen, Sprech- und Schluckstörungen), vegetative Bereiche (z. B. Blasen- und Darmstörungen, Störungen der Sexualität), neuropsychologische Symptome (z. B. Fatigue, Depressionen) und äußern sich nicht selten auch in diffusen Schmerzen. Zu ihrer Behandlung stehen Medikamente, aber auch viele nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung.

Wenn die Muskeln streiken …

… liegt oft eine Spastik, eine Muskelsteifigkeit, zugrunde. Bewegungen müssen gegen diesen Widerstand ausgeführt werden, worunter die Geschicklichkeit leidet. Kommt eine Muskelschwäche hinzu, können längere Gehstrecken kaum noch bewältigt werden. Die Stärke der Spastiken kann sich unvorhergesehen ändern. Es kommt auch vor, dass die Steifigkeit ganz plötzlich in die Muskeln einschießt und starke Schmerzen verursacht. Vor allem seelische Faktoren wie Stress, Angst, Verzweiflung können sich negativ auf das Geschehen auswirken.

Eine konsequente Physiotherapie, etwa nach dem Bobath-Konzept, kann helfen, Spastiken wirksam zu lösen. Auch eine Behandlung mit motorgetriebenen Fahrrädern oder die Bewegung auf einem Laufband ist hilfreich. Außerdem gibt es spezielle Lagerungen zur Dehnung der versteiften Muskulatur. Eine andere Möglichkeit sind Eis- und Kältebehandlungen. Unter den medikamentösen Substanzen haben sich u. a. Baclofen (in schweren Einzelfällen als Infusion ins Rückenmark) und Gabapentin bewährt, wobei die Dosierung individuell angepasst werden muss, um Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Übelkeit oder Schwindel zu vermeiden.

Eine abnorme Müdigkeit, …

… die sowohl den körperlichen als auch den geistigen Bereich betreffen kann, ist ein häufiges Problem bei MS und häufig Ursache dafür, dass die berufliche Tätigkeit nicht mehr ausgeübt werden kann oder zumindest die Tagesplanung umgestürzt werden muss. Viele der ca. zwei Drittel von der sog. Fatigue betroffenen MS-Erkrankten werden froh sein über das Herannahen der kühleren Jahreszeit, weil Wärme die Ermüdung noch verstärkt (Uhthoff-Phänomen). Selbstverständlich kann eine ungewöhnlich rasche Ermüdung auch andere Ursachen haben als die MS, sodass eine genaue Abklärung durch den Neurologen erfolgen sollte.

Damit der Betroffene seinen Lebensstil entsprechend strukturieren kann, sollten Tagesaktivitäten und das Auftreten der Fatigue-Phasen in einem Müdemacherprotokoll dokumentiert werden. Der Tagesablauf lässt sich nach dessen Analyse so planen, dass häufige Pausen, geregelte Bettruhe, eine gezielte Planung von Unternehmungen in sinnvollem Wechsel und der individuellen Leistungsfähigkeit gemäß stattfinden. Vor allem gilt es, seine Zeit neu zu managen und Prioritäten zu setzen: Was ist wichtig? Was kann ich aufschieben? Was kann ich delegieren? Kurzfristige Besserung kann eine Kühlung durch kühle Bäder, Kühlelemente oder Klimatisierung verschaffen, langfristig wirkt sich regelmäßiges Muskeltraining positiv aus.

Schmerzen bei MS …

… können viele Ursachen haben und sind entsprechend unterschiedlich in den Griff zu bekommen. So können Schmerzen direkt durch die krankheitsbedingten Nervenschädigungen auftreten, z. B. bei der Sehnerven- oder der Gesichtsnervenentzündung. Aber auch bestehende MS-Symptome wie Spastik, Kontrakturen, Fehlhaltungen können in der Folge Schmerzen verursachen, häufig sind das sog. muskuloskelettale Schmerzen in Gelenken, Muskeln, Sehnen oder Bändern. Auch Krämpfe in Armen oder Beinen können schmerzhaft sein oder schlecht angepasste Mobilitätshilfen, die Druckstellen verursachen. Nicht zuletzt kann die Therapie der MS selbst Schmerzen auslösen, etwa die Behandlung mit Beta-Interferonen. Zur Analyse führen Sie am besten ein Schmerztagebuch, in dem Sie Häufigkeit und Intensität der Schmerzereignisse protokollieren.

Krämpfe und Muskelschmerzen können Sie durch Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, durch Gymnastik oder Meditation reduzieren oder Sie nehmen die Hilfe von Physiotherapeuten in Anspruch. Hydrotherapie, Massagen, elektrische Nervenstimulation, Akupunktur und chiropraktische Behandlung sind ebenfalls alternative Methoden. Sollte das nicht ausreichen: Eine Kombination von Medikamenten und nicht-pharmakologischen Maßnahmen hilft heute, Schmerzen – fast immer – wirkungsvoll zu bekämpfen. So können Nervenschmerzen durch Antidepressiva, Entzündungserscheinungen durch Kortison behandelt werden. Grippeähnliche Schmerzen, die im Zusammenhang mit der Therapie auftreten, können oft durch Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder durch Antirheumatika gelindert werden, bei Schwellungen der Injektionsstellen hilft lokale Kühlung.

Die Blase macht zu schaffen …

… und schränkt so bei den meisten MS-Erkrankten die Lebensqualität erheblich ein. Neurologe und Urologe klären am besten gemeinsam die Ursache ab, benötigen dazu jedoch die aktive Mithilfe des Patienten: Auch hier kann ein Tagebuch, in dem Trinkgewohnheiten, Toilettengänge und Urinmenge notiert werden, wertvolle Informationen liefern. Kombiniert mit anderen Diagnoseverfahren kann so entschieden werden, ob der Blasenschließmuskel oder der Austreibermuskel der Übeltäter ist. Ist letzterer hyperaktiv (spastische Blase), führen bereits kleine Urinmengen zu starkem Harndrang. Arbeiten beide Muskeln nicht richtig zusammen, kommt es ebenfalls zu häufigem Bedürfnis, auf die Toilette zu gehen, kombiniert mit verzögerter und unvollständiger Blasenentleerung sowie Inkontinenz. Bei der Blasenhyporeflexie verbleibt durch unvollständige Blasenentleerung eine größere Restharn-Menge zurück. Schlafstörungen, häufige Blasenentzündungen und die Angst, sich allzuweit von einer Toilette zu entfernen, machen den Betroffenen zu schaffen.

Hilfreich ist es, die Trinkmenge – sie darf auf keinen Fall reduziert werden! – gleichmäßig über den Tag zu verteilen und auch schon vorbeugend eine Toilette aufzusuchen. Sollten eine elektrische Nervenstimulation oder ein physiotherapeutisch angeleitetes Blasen- oder Beckenbodentraining nicht zum Erfolg führen, kann auf Hilfsmittel wie Einlagen, Tropfenfänger oder Kondomurinale zurückgegriffen werden. Eine Katheterisierung, die auch selbst durchgeführt werden kann, hilft, die Restharnmenge zu reduzieren, die häufig für Blasenentzündungen verantwortlich ist. Sollte es trotzdem zu Blasenentzündungen kommen, ist der kurzzeitige Einsatz von Antibiotika oft unumgänglich. Um den nächtlichen Harndrang zu reduzieren, kann in der medikamentösen Therapie Desmopressin, ein körpereigenes Hormon, eingesetzt werden. Bei Inkontinenz hat sich das Einspritzen von Botulinumtoxin direkt in die Blasenmuskulatur bewährt.

Das Lebensglück …

… hängt gerade bei chronisch kranken Menschen sehr oft an einer intakten Partnerschaft. Umso schlimmer, wenn diese durch sexuelle Probleme in Mitleidenschaft gezogen wird. Verminderte Sensibilität im Genitalbereich schränkt die Orgasmusfähigkeit von Frauen ein und damit zumeist auch das sexuelle Verlangen. Eine Trockenheit der Scheide führt zudem oft zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Bei Männern kann die Erektions- und Ejakulationsfähigkeit beeinträchtigt sein. MS-Symptome wie Spastik, Muskelschwäche und Blasenstörungen kommen in diesem Bereich erschwerend hinzu, möglicherweise haben auch MS-Medikamente negative Auswirkungen.

Weil Sexualität auch beim Gesunden maßgeblich durch das eigene Körpergefühl, durch Stress und Anspannung beeinflusst wird, ist es wichtig, eine positive Haltung und ein ausgeglichenes Selbstwertgefühl zu erhalten oder wiederzufinden. Eine vertrauensvolle Partnerbeziehung und offene Gespräche können über manche Probleme hinweghelfen.

Bei Frauen kann zumeist die Trockenheit der Scheide mit Hormonpräparaten behandelt werden, manchmal löst bereits ein Gleitmittel das Problem. Die Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie, Vakuumpumpen oder das operative Einsetzen von Penisprothesen sind Optionen bei Störungen der Erektionsfähigkeit.

Eine symptomatische Therapie kann neben der MS-Basistherapie zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlbefindens beitragen. Achten Sie also auf Ihre Beschwerden und besprechen Sie sie mit dem behandelnden Arzt, der Ihnen weiterhelfen kann, auch wenn vielleicht die ersten Behandlungsansätze nicht sofort den gewünschten Erfolg bringen.

Quelle: Befund MS 3/2010

05.01.11