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Mama hat Krebs!

Bianca berichtet von ihrem Alltag mit drei Kindern

Mein Name ist Bianca, ich bin 30 Jahre alt und habe Krebs. Im April 2018 bekam ich bei einer Gallenoperation den Zufallsbefund: Eierstockkrebs, primär am Bauchfell (Peritoneum) entstanden. Mir riss es den Boden unter den Füßen weg. Ich habe drei Kinder, mein Jüngster war zu dem Zeitpunkt vier Monate alt.

Mittlerweile habe ich den Großteil der Behandlung überstanden, u. a. eine große Bauchoperation und die Chemotherapie. Es war eine furchtbare Zeit. Eine Zeit voller Angst, körperlicher Ohnmacht und Frust. Doch wir haben es geschafft. Gemeinsam, als Familie. Ohne meine Familie würde es mir wohl jetzt nicht so gut gehen. Mein Mann war die ganze Zeit über für mich stark. Er wusste zu jedem Zeitpunkt, wie es mir ging und was ich brauchte. Meine Jungs haben die Zeit unglaublich tapfer gemeistert.

Mit Kindern über Erkrankung gesprochen

Als wir wussten, was genau auf uns zukommt, haben wir es ihnen gemeinsam erzählt. Wir erklärten ihnen, was mit meinem Körper los sei und was in nächster Zeit auf sie zukäme. Der Große blockte das Ganze erst einmal ab. Er ist zehn und verstand von den dreien wohl am meisten. Wir ließen ihn. Im Klinikum sprach ich mit einer Kinderpsychologin und sie riet mir, das Tempo der Kinder mitzugehen. Sie zu lassen, wenn sie nicht mögen und da zu sein, wenn die Fragen kommen. Zu jedem Zeitpunkt offen und ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen, kindgerecht natürlich.

Und das taten wir. Irgendwann saßen wir beim Essen und die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. Wir beantworteten alles so gut wir konnten. Ab dann war es in Ordnung für ihn und er nahm alles mit einer Leichtigkeit, für die ich ihn bewundere. Mein Mittlerer ist fünf und er verstand nicht so richtig, was Krebs bedeutet. Er wusste, Mama ist krank und für ihn war klar, dass wenn man krank ist, man auch wieder gesund wird. Ganz einfach. Ich tat alles dafür, dass er recht behalten sollte.

Während der Chemotherapie ging es mir oft nicht gut. Mein Körper versagte seinen Dienst. Ich hätte an manchen Tagen keine Chance gehabt, die Jungs zu versorgen. Vor allem den Kleinen nicht. Meine Geschwister teilten sich die Zeiten auf und versorgten meine Jungs mit einer völligen Selbstverständlichkeit. Mein Mann nahm sich frei so viel er konnte, aber das Leben ging weiter und er musste arbeiten. An schlechten Tagen stand meine Schwester um 5 Uhr vor der Tür, wenn mein Mann das Haus verließ. Eine Freundin nahm sich immer wieder frei, um für mich da zu sein. Ich weiß nicht, wie ich die Zeit ohne meine Familie und Freunde geschafft hätte. Der Kleine hat so eine große Bindung zu seinen Tanten aufgebaut und blieb ein lieber Sonnenschein, auch wenn er von einem zum nächsten wanderte.

Familie ist zusammengewachsen

Wir sind in diesem Jahr als Familie gewachsen, miteinander. Meine Jungs haben Fürsorge und Rücksichtnahme gelernt. Es war für sie selbstverständlich, mir unter die Arme zu greifen. Ich bewundere sie für ihre kindliche Sicht auf die Welt. Als meine Haare fielen, waren sie diejenigen, die mir gezeigt haben, dass es nur Haare sind und es nicht schlimm ist, ohne sie zu sein. Es war ihnen nie peinlich oder unangenehm. Im Gegenteil, mein Großer meinte, ich solle mich nicht so anstellen, ich könne auch ohne Mütze aus dem Haus. Den Schritt konnte ich nie machen, aber ich war oft tief gerührt, wie süß sie zu mir waren. Wenn ich auf dem Sofa lag, kam mein Mittlerer oft zu mir und kuschelte sich unter die Decke, streichelte mir übers Gesicht und bedeckte es mit Küssen.

Es war natürlich nicht immer alles rosarot. Ist es bis heute nicht. Aber im Großen und Ganzen bin ich froh, dass wir immer offen mit den Jungs waren und es keine Geheimnisse gab.

Auch mein Mann und ich sind noch mehr zusammengewachsen. Für ihn war es nicht immer einfach. Natürlich wäre er gerne immer bei mir gewesen, um mich zu unterstützen, aber natürlich musste er weiter zur Arbeit. Das zerriss ihn manchmal. Dazu kam die Doppelbelastung: Haushalt, Kinder, Arbeit. Natürlich auch Sorgen und Angst. Aber wie ich versuchte er positiv zu sein und nach vorne zu schauen.

Frust und Wut gehören dazu

Bis heute gibt es Tage, an denen ich frustriert bin, weil alles noch nicht so geht, wie ich das gerne hätte. Drei Jungs sind anstrengend und der Alltag fordernd. Manchmal könnte ich wütend auf den Boden stampfen, weil das alles nicht fair erscheint. Der Krebs scheint besiegt und trotzdem braucht mein Körper Zeit zum Regenerieren, Zeit zum Erholen und um neue zu Kraft tanken. Schwierig, wenn man Kinder hat. Aber ich blicke weiter positiv nach vorne und nehme mir an den Kindern ein Beispiel. Irgendwann, früher oder später, wird es wieder gut sein. Auf die eine oder andere Weise. Bis dahin finde ich weiter mein Ventil im Schreiben für meinen Blog, das hilft mir, meine Gedanken zu sortieren und den Frust, der manchmal aufkommt, loszuwerden.

Wenn ich eines gelernt habe in der Zeit, dann ist es Dankbarkeit. Dankbarkeit für meine Familie und Freunde, Dankbarkeit für die wichtigen Sachen im Leben. Das Jahr war nicht immer nur schlecht und meine Einstellung wird immer positiv bleiben. Durch meine Erkrankung haben sich auch gute Sachen ergeben. Ich habe viel über mich selbst und meine Familie gelernt. Bin selbstbewusster und selbstbestimmter geworden. Außerdem habe ich gelernt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden – und das Allerwichtigste sind definitiv die Menschen, die man liebt.

Bianca

Quelle: Leben? Leben! 1/2019

29.05.19