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MS: Rad statt Rollstuhl/Besi und Friends

Ein Projekt, das Mut macht

Andreas Beseler, von allen nur Besi genannt, hat MS. 1992 erhielt er die Diagnose. Schon in diesem Jahr sollte er eigentlich einen Rollstuhl bekommen. „Weil damit vieles leichter ist“, wurde ihm gesagt. Doch der Inhaber des Sanitätshauses, das er aufsuchte, empfahl dem damals 27-Jährigen: „Versuch es doch erst mal mit ’nem Gehstock. Im Rollstuhl kannst du noch lange genug sitzen.“

Also verließ Besi, der sich über Alternativen zum Rollstuhl bis dahin keine Gedanken gemacht hatte – auch, weil er damals kaum laufen konnte –, das Sanitätshaus mit einem Stock statt mit dem Rollstuhl in Titanausführung, den er sich bereits ausgesucht hatte. Im Jahr darauf – das Laufen fiel ihm nach wie vor ausgesprochen schwer – meinte ein Freund, er solle sich doch mal wieder aufs Mountainbike setzen. Vor seiner Diagnose hatte Andreas Beseler an den Deutschen Meisterschaften im Mountainbike teilgenommen, war insgesamt sehr sportlich gewesen. Und obwohl er das Fahrradfahren wie ein kleines Kind neu lernen musste und oft stürzte, gab er nicht auf. Das Rad wurde für ihn in den Folgejahren so etwas wie ein Rollstuhlersatz, denn Radfahren ging (fast) immer – auch an den Tagen, an denen er sich ansonsten nur schwer bewegen konnte.

Daraus entstand schließlich das Projekt „Rad statt Rollstuhl“ und später dann auch noch „Besi und Friends“, das Menschen mit MS und auch mit anderen Erkrankungen Mut und Hoffnung geben will. Besi und seine Freunde unternehmen lange und anstrengende Reisen mit dem Rad, ermutigen andere Menschen mit Behinderungen, es ihnen gleich zu tun, und fahren u. a. bei Radmarathons mit. Zugleich ist es das Ziel von „Rad statt Rollstuhl/Besi und Friends“, das öffentliche Bewusstsein für Probleme zu stärken, die eine Erkrankung wie die MS nach sich zieht. Deshalb sammeln Besi und die anderen Teilnehmer bei all ihren Aktionen Spenden für die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung, die in Not geratene Menschen mit MS unterstützt.

Der schwere Anfang

„Die MS kannte ich bereits von meiner Mutter, die ebenfalls erkrankt ist. Aber ich habe mir nicht vorstellen können, auch MS zu bekommen“, sagt Andreas Beseler. „Nach der Diagnose im Krankenhaus bin ich auf den Balkon des Zimmers gegangen und hab’ nur gedacht: ,Spring runter und du hast es hinter dir oder kämpf für deine Frau und deine Familie.‘ Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, weil ich meiner Schwiegermutter am Grab versprochen hatte, immer für meine Frau da zu sein.“ Seitdem hat Besi immer gekämpft. Nicht nur darum, wieder auf dem Rad sitzen zu können, sondern auch darum, sich die Beweglichkeit insgesamt zu erhalten. Die ersten Gehversuche machte er im Schwimmbad. „Niemand erklärt dir, wie du laufen sollst, wenn du MS hast. Da ist es gut, wenn man im Schwimmbad übt, weil das Wasser auf die Muskulatur Druck ausübt und die Muskeln daraufhin Gegendruck erzeugen. Deshalb fallen die Bewegungsabläufe im Schwimmbad meistens leichter.“

Besi hatte zudem das Glück, gute Therapeuten zu finden. In der Reha-Klinik, die er 1994 aufsuchte, gaben ihm die Ärzte den Tipp, das zu tun, was ihm guttut. Deshalb setzte er sich auch in der Reha täglich aufs Rad – neben acht bis zehn Anwendungen am Tag. Seine Therapeutin, mit der ihn bis heute eine Freundschaft verbindet, übte mit ihm u. a. das Fallen. Und so schwer und anstrengend das alles war, Besi gab nicht auf. „Wenn ich etwas anfange, dann mach ich es ganz oder gar nicht.“

Die ersten Radrennen

Das Radfahren zieht sich weiter durch Andreas Beselers Leben. 1996 kauft er sich ein Rennrad, ab 1999 nimmt er an Radtouristikfahrten teil und knüpft zahlreiche Kontakte zu anderen Radfahrern. 2006, während des Sturms „Kyrill“, fährt er sein erstes Marathon-Rennen, das Gerolstein-Tour-Festival, und ist einer von nur zehn Fahrern, die das Ziel erreichen. 2011 schließlich nimmt er am Mallorca-Marathon M312 (die 312 steht für die Anzahl der zu fahrenden Kilometer) teil und gewinnt ihn gegen zahlreiche gesunde Profis und unter erschwerten Bedingungen, denn kurz zuvor war sein Gesicht durch einen Wespenstich über dem Auge fast komplett zugeschwollen und er bekam starke Kopfschmerzen.

Die Geburtsstunde des Projekts „Rad statt Rollstuhl“

Freunde und Bekannte drängen ihn nun, seine Geschichte öffentlich zu machen, um anderen von MS Betroffenen zu zeigen, was man auch mit MS alles erreichen kann. Daraus entstand die Idee für eine Rennradtour durch die kanadischen Rocky Mountains, von Whitehorse nach Vancouver, 3.835 Kilometer in einer Zeit vom 6. Juli bis zum 2. August 2013. Diese Tour soll jedoch nicht Selbstzweck bleiben; Andreas Beseler entscheidet sich, Sponsoren und Unterstützer zu suchen, die für jeden gefahrenen Kilometer ab einem Cent aufwärts spenden, um mit dem Erlös die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung zu unterstützen.

Diese Tour bringt Andreas Beseler zwischendurch an seine Grenzen. Vor allem das Wetter mit kräftigem Gegenwind, Schnee, Hagel, Regen, abwechselnd mit Sonnenschein macht ihm zu schaffen. Und eines Nachts – er schläft im Alkoven des Wohnmobils, mit dem sein Freund Armin ihn begleitet, und will zur Toilette gehen – verdreht er beim Aufstehen sein Knie. Am nächsten Tag hat er beim Radfahren solche Schmerzen, dass er sich fast übergeben muss. Trotzdem fährt er weiter. Und bekommt seine Schmerzen durch regelmäßiges Eincremen seines Knies mit einer schmerzlindernden Salbe und der Einnahme von Schmerzmitteln, die nicht auf der Liste der verbotenen Dopingmittel stehen, unter Kontrolle. Am 2. August erreicht er Vancouver und beweist damit, dass auch Menschen mit MS und Bewegungseinschränkungen (er läuft nach wie vor mit einem Gehstock) zu sportlichen Höchstleistungen fähig sind. Zudem hat er 26.248 Euro für MS-Betroffene gesammelt.

„Gemeinsam schaffen wir alles“

2014 nimmt das Projekt „Rad statt Rollstuhl“ weiter Fahrt auf. Diesmal setzt sich Andreas Beseler nicht allein aufs Rad, sondern fährt mit 40 anderen Teilnehmern – manche davon mit, manche ohne Handicap – innerhalb von zwölf Tagen von Frankfurt am Main nach Barcelona. Die Gruppe, die an „Rad statt Rollstuhl“ nun den Zusatz „Besi und Friends“ anhängt und unter dem Motto „Gemeinsam schaffen wir alles“ fährt, sammelt dabei 55.555 Euro für den guten Zweck. Alle Teilnehmer tragen die Kosten für die Fahrt selbst und viele merken, wie sich die eigenen Grenzen verschieben und was sie alles erreichen können, auch mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung bzw. nach einer schweren Krankheit.

2016 starten Besi und Friends erneut – in zwölf Etappen von Rodgau ins französische St. Tropez. Unter dem Motto „Gemeinsam Berge versetzen“ helfen die stärkeren Teammitglieder den schwächeren über die z. T. sehr schweren Bergetappen, indem sie sie beim Anstieg unterstützen. Alle Teilnehmer kommen gemeinsam in St. Tropez an.

2017 organisieren Besi undFriends das Charity-Event „12 Stunden Hohler Buckel“, bei dem 250 Fahrer in zwölf Stunden 550.000 Höhenmeter zurücklegen und dabei 27.000 Euro für die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung sammeln.

Noch viele Pläne

Für 2018 hat Andreas Beseler wieder ein Rennen geplant. In einem Vierer-Team zuzüglich Betreuern will er am Race across America teilnehmen, einem Radrennen von Los Angeles bis nach Washington D. C. Die Strecke von der West- bis zur Ostküste der USA will das Team innerhalb von sieben Tagen bewältigen und natürlich Spenden für Menschen mit MS sammeln. Und auch das Event „12 Stunden Hohler Buckel“ soll 2018 eine Neuauflage bekommen. Was Besi wichtig ist: Das Projekt „Rad statt Rollstuhl/Besi und Friends“ ist kein Reisebüro – alle, die an den Aktionen teilnehmen, organisieren und zahlen alles selbst.

Sich bewegen, bewegen, bewegen

Auf die Frage, was er anderen Menschen rät, die die Diagnose MS bekommen oder schon länger an MS erkrankt sind, antwortet Besi: „Betroffene dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken und sollten sich auf keinen Fall aufgeben. Sie sollten sich einen guten Arzt suchen und/oder an einer Reha in einer auf MS spezialisierten Klinik teilnehmen sowie möglichst sofort mit Krankengymnastik beginnen – am besten zweimal wöchentlich, um festzustellen, was alles geht und was nicht. Denn Bewegung ist das A und O bei MS, um möglichst lange fit und beweglich zu bleiben.

Welche Sportart man auswählt, ist dabei völlig egal. Manche können, so wie ich, nur schlecht laufen. Da bieten sich dann u. U. Sportarten wie Schwimmen, Radfahren oder auch Klettern an. Auch Rollstuhlfahrer sind durchaus in der Lage zu klettern – es gibt extra Klettergruppen für Menschen im Rollstuhl. Ich mache jeden Tag Sport und oft fällt mir das nicht leicht. Es ist ganz häufig ein Kampf, zu dem ich nicht immer Lust habe. Aber wenn ich dann dabei bin, geht es mir besser.

Vergessen werden dürfen bei allem jedoch auch die Angehörigen nicht, die ebenfalls Unterstützung benötigen. Denn auch diese wissen anfangs nicht, wie sie mit der MS umgehen und ihr Familienmitglied unterstützen sollen. Denen macht es ebenfalls Mut, wenn sich die von MS Betroffenen nicht aufgeben.“

Quelle: Befund MS 3/2017

04.01.18