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Krebs allgemein

Krebs ist eine vielschichtige Krankheit. Man versteht darunter jede Veränderung eines Gewebes, bei der die Zellen sozusagen ihre Differenzierung verlieren und daher autonom, also selbstständig wachsen können.

Krebs allgemein
© iStock - koto_feja

„Der Krebs traf mich aus heiterem Himmel“

Vor sechs Jahren war unsere Welt noch in Ordnung – wie perfekt sie war, konnte ich erst später erkennen. Damals hätte ich gesagt, „alles im grünen Bereich“ und mich über die üblichen kleinen familiären Problemchen aufgeregt.

„Damals“, also im Sommer 2017, war ich 37 Jahre alt und vermeintlich gesund. Wir hatten zwei Kinder, acht und fünf Jahre alt und dachten über ein drittes Kind nach. Ich war Inhaberin einer gut laufenden Physiotherapiepraxis mit 15 Mitarbeitenden.

Mein Mann hatte gerade seinen Traumjob angeboten bekommen, zwar 300 km entfernt, aber das hielten wir für kein großes Hindernis. Wir trauten uns zu, eine Wochenendbeziehung zu führen und trotzdem noch ein drittes Kind zu bekommen. Zuvor hatten wir unser neues Haus bezogen mit genügend Platz sogar noch für ein Au-pair-Mädchen. Also alles bestens.

Im Herbst 2017 brauchte ich für eine festliche Einladung ein Abendkleid. Als ich ein Modell mit einem engen Oberteil anprobierte, spürte ich plötzlich an meiner linken Brust eine kleine Verhärtung, die sich irgendwie seltsam anfühlte. Ich nahm die Sache nicht so ernst, kaufte das Kleid und hängte es in den Schrank.

Als ich es einige Wochen später für das Fest anzog, war die Verhärtung immer noch da. Ich zeigte sie meinem Mann, der mich beruhigte, aber doch meinte, ich solle es abklären lassen. Meine Frauenärztin veranlasste nach einer Ultraschalluntersuchung sofort eine Mammografie – die erste meines Lebens, denn mit 37 ist man ja noch nicht im Screening-Programm.

Ende Oktober 2017 stand es dann fest: Ich hatte ein 2 cm großes Mammakarzinom, östrogen-Rezeptor positiv, HER2-negativ. Nach einer Chemotherapie wurde ich brusterhaltend operiert und anschließend bestrahlt. Es folgte ab April 2018 eine fünfjährige Tamoxifen-Therapie, die mich völlig unvorbereitet auf den „Highway to hell“ in die Wechseljahre schickte.

Die Chemotherapie war nicht angenehm, aber die ersten Zyklen vertrug ich ganz gut. Als die Nebenwirkungen zunahmen, war schon die Hälfte geschafft. Die Haare hatte ich vorher sehr kurz geschnitten und als sie dann ausfielen, vereinbarte ich mit meinem Mann und unserem damals knapp achtjährigen Sohn, dass die beiden mir die Haare abrasierten.

Für unseren Sohn war das ein echtes Abenteuer. Nachdem er zögernd mit der Rasur begonnen hatte, wurde es immer wilder und mein Mann konnte seiner „Aufsicht“ kaum mehr nachkommen. So traurig der Anlass war: Die Aktion endete in ziemlichem Gelächter. Mein kahler Kopf war so für die Kinder von Anfang an nicht furchterregend; ich bin auch viel ohne Mütze oder Tuch unterwegs gewesen. Eine Perücke hatte ich gar nicht.

Die anschließende OP habe ich gut überstanden und war schnell wieder fit. Mehr als alles andere hat dann jedoch die Antihormon-Therapie mein Leben verändert. Sie begann schon während der Bestrahlung und machte mich unfassbar müde.

Während der Chemotherapie war ich zwischendurch oft in der Praxis gewesen, hatte zwar kaum Patientinnen und Patienten behandelt, aber Büroarbeit erledigt. Das ging im ersten Tamoxifen-Jahr überhaupt nicht. Ich hatte immer das Bedürfnis, mich hinzulegen, und döste viel, unterbrochen von heftigen Hitzewallungen. Alles war mir zu viel. Hinzu kamen Wassereinlagerungen und vor allem fürchterliche Gelenk- und Muskelschmerzen.

Dieses erste Jahr mit Antihormontherapie war das schlimmste Jahr meines Lebens. Da mein Mann seine „Traumstelle“ angetreten hatte – anfangs ging es mir mit Chemo und OP ja ganz gut, und ich habe ihm dringend zur Annahme geraten – war ich die Woche über allein mit den Kindern. Das war für alle eine harte Zeit, die wir ohne Hilfe meiner Eltern nicht geschafft hätten.

Kurz nach Ostern 2019 habe ich dann das Ruder herumgerissen. Anlass war der „Schnuppertag“ unserer Tochter in der Grundschule, die sie ab Herbst besuchen sollte. Nur mit größter Anstrengung konnte ich sie dorthin begleiten. Als wir wieder zu Hause waren, überlegte ich mir, wie das alles werden sollte, wenn die Schule beginnt – so schlapp wie ich war.

Also habe ich mit meiner erfahrensten Physiotherapeutin ein „Wiederbelebungsprogramm“ für mich erarbeitet, das wir auch so genannt haben. Jeden Tag gab es Massagen, Krankengymnastik und bald Aktivitäten wie Walken oder Schwimmen. Bei den ersten Schwimmterminen dachte ich, ich ertrinke und der Bademeister dachte das wohl auch.

Zu allem Überfluss schenkte mein Mann „den Kindern“ einen Hund! Der kleine Kerl diente natürlich dazu, mein Aktivierungsprogramm anzukurbeln, denn die Kinder waren ja tagsüber in der Schule. Als mein Mann mit dem Hund ankam, hätte ich ihn umbringen können, aber es half alles nichts: Sobald die Kinder den Hund gesehen hatten, war eine Rückgabe ausgeschlossen. Heute bin ich froh, dass ich den Hund habe, denn er zwingt mich, regelmäßig hinauszugehen.

Das „Wiederbelebungsprogramm“ mit Hunde-Assistenz hat gut angeschlagen, seit Ende 2019 arbeite ich wieder regelmäßig. Die Hitzewallungen habe ich im Griff, aber die Muskelschmerzen sind immer noch erheblich und nehmen sofort wieder zu, wenn ich mit meinem Bewegungsprogramm nachlasse.

Der Krebs hat mir beruflich einen neuen Impuls gegeben: Inzwischen kommen viel mehr Krebspatientinnen und -patienten in die Praxis, weil sich herumgesprochen hat, dass ich selbst mit den Folgen kämpfe. Außerdem habe ich eine Lymphtherapeutin eingestellt. Ich selbst hatte Glück, weil kein Lymphknoten befallen war, aber für viele Frauen sind die Lymphödeme ein Riesenproblem.

Als ich Anfang dieses Jahres glaubte, die Tamoxifen-Zeit fast geschafft zu haben, verpasste mir meine Frauenärztin einen Dämpfer: Neue Studien hätten gezeigt, dass eine Verlängerung der Antihormon-Therapie um weitere Jahre das Risiko für späte Rückfälle senken könne. Ob ich diese „Lebensversicherung“ nicht wahrnehmen wolle? Puh, … da musste ich erst einmal schlucken.

Doch mein Mann ermutigte mich, es weiter zu versuchen. „Sieh doch das Tamoxifen nicht als deinen Feind, sondern jeden weiteren Einnahme-Monat als Einzahlung in die Lebensversicherung“, meinte er. Recht hat er, daher werde ich wohl noch eine Weile einzahlen, auch wenn es anstrengend bleibt. Die Leichtigkeit, mit der wir bis 2017 alles gemeistert haben, ist leider nicht ganz wiedergekommen. Aber das geht anderen Familien auch so.

Melissa B.

 

05.07.2024
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